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Architektur | Themen

Aura der Macht: Kunst von Grcic, Roepstorff, Starling und Zhao Zhao in Berlin

Für die „Probebühne“ des Humboldt Lab Dahlem beginnt die zweite Phase: Am Sonntag, 16. Juni 2013, fand hier die Eröffnung der neuen Ausstellung statt: Konstantin Grcic, Simon Starling, Kristine Roepstorff und Zhao Zhao waren diesmal geladen, in einem „Spiel der Throne“ mittels räumlicher Installationen neue Inszenierungen für historische Artefakte zu kreieren. In Vorbereitung des Umzugs zum Humboldtforum / Berliner Schloss werden in den Museen Dahlem in Berlin unterschiedliche Praktiken des Ausstellens erprobt. Die Nachnutzung des Bornemann-Baus in der Lansstraße ist allerdings weiterhin ungewiss, die Staatlichen Museen planen ihn lediglich als Lager ein.

Parallel zum „Spiel der Throne“ gibt es auch die Dokumentation „Wissen erzählen" zur Arbeit des langjährigen Leiters der Nordamerika-Abteilung, Peter Bolz, zu sehen. Dessen schier unerschöpfliches Wissen wurde in einer rund 30-stündigen Videodokumentation aufgezeichnet, die sich der Besucher in Ausschnitten an einem langen Tisch mit zahlreichen Bildschirmen anschauen kann. Die zweite „Probebühne“ des Humboldt Lab Berlin-Dahlem stellt damit die inhaltlichen Themen und Kategorien des Museums – Kunst und Wissen, Raum und Zeit – einander gegenüber.

Laufzeit „Probebühne 2“: 16. Juni – 27. Oktober 2013, geöffnet Di-Fr 10-18 Uhr, Sa + So 11-18 Uhr

Ort: Museen Dahlem, Lansstraße 8, 14195 Berlin

Installation „Waterfall" von Zhao Zhao, Foto: Jens Ziehe

Am liebsten hätte er den Thron mit einem Hammer zerschlagen. Angela Rosenberg, die Kuratorin der kleinen, aber hochkarätig besetzten Ausstellung „Spiel der Throne“, bringt – den Impuls eines der vier Künstler zitierend – die große Energie auf den Punkt, die in dieser vierfachen Inszenierung steckt. Denn hier geht es nicht nur um das historische und künstlerische Objekt und dessen ästhetische Wirkung – einen Thron –, es geht auch um dessen symbolische Bedeutung: Macht. Darum, wie sie sich inszeniert, wie sie erlebt und wahrgenommen wird. Alle vier Künstler widmen sich auf die ihnen eigene Weise diesem Thema und kommen zu vier völlig unterschiedlichen, jedoch allesamt hoch ästhetischen Ergebnissen.

Thron aus der Qing-Dynastie, Foto: Detail

Das „Spiel der Throne“ bezieht sich auf einen mit Perlmutt-Intarsien reich verzierten chinesischen Thron mit rückwärtigem Paravent aus dem 17. Jahrhundert der Qing-Dynastie, der selbst bereits eine ungewöhnliche Geschichte hat: Er war ein Teilzeit-Thron, den der Kaiser in einem „Reisepalast“ besaß. Dieser Palast lag in Panshan, auf dem Weg von der Verbotenen Stadt in Peking zu den Gräbern seiner Ahnen in Shenyan, die der Kaiser regelmäßig besuchte. 1972 gelangte er in die Sammlung des Museums und ist bis heute eines ihrer wertvollsten Stücke. Die Ornamente auf dem Thron beziehen sich auf religiöse Mythen und Motive von Unsterblichkeit, die Kaiser galten als „Himmelssöhne“ mit göttlichem Mandat.

Installation „migong“ von Konstantin Grcic, Foto: Jens Ziehe

Der Rundgang beginnt mit der Installation „migong“ des Industriedesigners Konstantin Grcic, der sich, nachdem er bereits einige Ausstellungen gestaltet hat, hier erstmals als Künstler präsentiert: Vor einem abstrahierten Modell des Throns ist ein Labyrinth (chinesisch: migong) aus gebogenen Stahlrohren aufgebaut. Grcic hat das Labyrinth-Motiv der mäandrierenden Ornamentik des antiken Throns entlehnt. Gleichzeitig repräsentiert der hinderliche und verlangsamte Zugang zum Thron die Macht seines Besitzers, der dem Besucher diesen umständlichen Weg aufzwingt. Grcic verräumlicht damit auch Rituale des Protokolls, mit denen Machthaber ihre Untergebenen auf Distanz halten.

Installation „migong“ von Konstantin Grcic, Foto: Jens Ziehe

Bevor der Besucher den nächsten Raum betritt, sollte er am besten die Augen schließen und einmal tief durchatmen. Denn die Installation „Waterfall“ des chinesischen Künstlers und Ai-Wei-Wei-Schülers Zhao Zhao, die hier wartet, raubt einem fast den Atem. Über ein großes Modell des Throns hat er einen „Wasserfall“ aus rotem Wachs ausgeschüttet. Der ganze Raum ist erfüllt von einer gewaltigen, auch gewaltsamen Aura, die – im Sinne Walter Benjamins – tatsächlich nicht reproduzierbar ist. Die Wahrnehmung des Kunstwerks von Zhao Zhao changiert permanent zwischen blutüberströmtem Altar und stilisiertem Wasserfall. Mancher Besucher mag sich formal auch an die laufende Ausstellung von Anish Kapoor im Martin-Gropius-Bau erinnert fühlen. Während Kapoors Arbeiten aber eher unmittelbar physisch wirken, berührt die Installation von Zhao Zhao auch emotional – wenn man ihre Zeichen lesen will. Dem Objekt zur Seite gestellt ist ein Computer, auf dem ein interaktiver chinesischer Blog zur Auseinandersetzung mit dem Kunstwerk läuft.

Installation „Waterfall“ von Zhao Zhao, Foto: Jens Ziehe

Einen vielschichtigen Raum aus Licht und Schatten gestaltet die dänische Künstlerin Kristine Roepstorff mit fünf unterschiedlich geformten Lampions, deren Gestelle aus Stahl, Holz oder Bambus mit Bändern oder Papier bespannt sind. Die Inspiration für ihre Inszenierung „Daughters of the Immortal Mother“ bezieht sie aus der chinesischen Mythologie sowie der Fünf-Elemente-Lehre und der medialen Qualität chinesischer Lampions, die als Zeichen wichtiger familiärer Ereignisse – wie Geburt oder Tod – entzündet wurden. Die großen Leuchtkörper werfen ihre Schatten an Wände und Decken, überlagern sich und projizieren so die mythologischen Bedeutungsebenen des Throns in den Raum. Mit Licht und Schatten thematisiert Roepstorff auch den transitorischen Raum vom Leben zum Tod, für die der „Reisepalast“ auf dem Weg von der Verbotenen Stadt zu den alten Gräbern steht.

Installation „Daughters of the Immortal Mother“ von Kristine Roepstorff, Foto: Jens Ziehe

Bei der Installation „Screen Screen“ des britischen Künstlers und Turner-Prize-Trägers Simon Starling geht es ebenfalls um Projektionen, um Zeit und um Macht. Er hat mit der Kamera die aufwändigen Intarsien und Details des alten Throns wie mit einem Mikroskop herangezoomt, bis zur Abstraktion vergrößert und auf eine dem Thronmodell gegenüber gestellte Leinwand projiziert. So spannt er einen Raum auf, in dem das Große klein und das Kleine groß wird. In seiner Installation findet also eine „Machtverschiebung“ statt. Dazu gehört auch, dass nun der entfernt stehende Betrachter die Schmuckmotive des Throns wahrnehmen kann, während dies einem früheren Untertanen des Kaisers allein auf Grund der räumlichen Distanz zum Thron verwehrt war. Damit blieb auch die Auseinandersetzung mit den Motiven von Unsterblichkeit und ihr Verweis auf das „Himmlische“ dem Herrscher vorbehalten. Diese Exklusivität deutet Starling in seiner Arbeit um: Der Thron selbst (als Symbol des Herrschers) verschwindet nahezu im Dunkeln, hingegen leuchten die in hunderten von Arbeitsstunden geschaffenen Details nun als großformatige Bilder und Würdigung der handwerklichen Arbeit. Durch die Abstraktion der Motive nimmt er diesen ihre religiös-symbolische Bedeutung und transferiert ihre für uns nicht mehr wirkmächtige Anmutung in eine zeitgenössische mediale Ästhetik.

Installation „Screen Screen“ von Simon Starling, Foto: Jens Ziehe

Wie könnte man die bis heute aktuellen Bedeutungsebenen eines historischen Artefakts anschaulicher und ansprechender in Szene setzen, als es die vier Künstler im „Spiel der Throne“ tun? Gemeinsam mit dem Projekt „Wissen erzählen“ erweist sich die „Probebühne“ des Humboldt Lab Dahlem hier erneut als kreatives und praktikables Instrument zur Erforschung von kuratorischer Praxis im Spannungsfeld der Vermittlung von historischem Kontext und ästhetischer Inszenierung.

(Cordula Vielhauer)

Weitere Informationen:
zur Probebühne 1 des Humboldt Lab Dahlem
www.kulturstiftung-des-bundes.de
www.humboldt-forum.de

Installation „Screen Screen“ von Simon Starling, Foto: Jens Ziehe

Installation „Daughters of the Immortal Mother“ von Kristine Roepstorff, Fotos: Jens Ziehe

Installation „Waterfall“ von Zhao Zhao, Foto: Jens Ziehe

„Wissen erzählen“, Foto: Jens Ziehe

„Wissen erzählen“, Foto: Filmgestalten

Detail des Throns aus der Qing-Dynastie, Foto: Detail

Von Cordula Vielhauer
19.06.2013
Humboldt-Forum , Humboldt-Lab , Konstantin Grcic , Kunst

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