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Energiewende auf amerikanisch: Ein Ölrausch auch für die Architektur?

Die USA wollen bis 2020 zum weltgrößten Erdölproduzenten werden. Rollt damit eine Welle billigen Öls auf uns zu, die Passivhäuser, erneuerbare Energien und energetische Sanierungen unwirtschaftlich macht? Noch ist es nicht so weit – sofern die Politik ihre Hausaufgaben erledigt.

Nutsch/pixelio.de

Nutsch/pixelio.de

Alljährlich veröffentlicht die Internationale Energieagentur IEA in Paris den „World Energy Outlook“, so etwas wie die Bibel der Energieexperten. Das Druckwerk gibt Aufschluss über so drängende Fragen wie: Wie lange reichen die Erdölvorräte? Wo wird derzeit in neue Atomkraftwerke realisiert? Wie stark wachsen die Erneuerbaren, und wo schlummern die größten Effizienzpotenziale?

Der diesjährige,  in der vergangenen Woche veröffentlichte World Energy Outlook hatte es besonders in sich. „Dramatische Veränderungen in der weltweiten Energielandschaft“ kündigten die IEA-Experten darin an. Ihnen zufolge könnte Wirklichkeit werden, was US-Präsident Obama schon seit Monaten propagiert: Amerika wolle und werde sich ab 2020 aus eigener Kraft komplett mit Energie versorgen können und nicht länger von Ölimporten aus den arabischen Ländern abhängig sein. 

So weit, so gut. Nur ist die Energieautonomie à la Obama keineswegs auf erneuerbaren Energien gegründet, sondern auf sogenannten „unkonventionellen“ Öl- und Gasvorkommen. Diese lagern zumeist in porösen Schieferformationen, wie sie vor allem im Norden der USA vorkommen, und müssen mit energieintensiven (und giftigen) sogenannten „Fracking“-Verfahren aus dem Gestein gelöst werden. Mit ihrer Hilfe will das Land – ebenso wie sein Nachbar Kanada – in den kommenden Jahren zum Netto-Ölexporteur aufsteigen.

Bleibt die Energiewende auf der Strecke?

Interessant wird nun die Frage: Was bedeutet dies für die künftige deutsche Energiepolitik, was für die Bemühungen der EU, das energieeffiziente Bauen voranzubringen, und was für die Wirtschaftlichkeitsberechnungen jedes einzelnen Bauherren?  Sollte, wer eine ambitionierte energetische Sanierung vorhatte, den alten Ölkessel womöglich doch besser im Keller lassen?

Daniel Bleyenberg/pixelio.de

Daniel Bleyenberg/pixelio.de

Den Großteil ihres eigenen Öl-(und Erdgas-)Rauschs werden die Amerikaner wohl selbst verheizen. Kurzfristig verbessert das sogar ihre Klimabilanz, weil sie extrem klimaschädliche Kohle durch weniger schädliches Erdgas ersetzen. Die nunmehr frei gewordenen Ölreserven vom Arabischen Golf dürften vorwiegend in die aufstrebenden Schwellenländer China und Indien fließen. Europa wird also vorerst kaum mit billigem Öl und Gas geflutet werden – wohl aber könnte der Anstieg der Energiepreise gebremst werden. Experten rechnen damit, dass sich der Ölpreis langfristig auf 90 bis 120 US-Dollar je Barrel einpendelt. 

Damit gilt: Was heute wirtschaftlich ist, wird nicht morgen unwirtschaftlich. Allerdings muss die EU möglicherweise ihren Energie-Fahrplan für künftige Neubauten überdenken. Diese sollen bekanntlich bis 2021 den Niedrigstenergiestandard (also einen Primärenergieverbrauch nahe Null) erreichen – aber eben nur, wenn dieser bis dahin auch wirtschaftlich ist. Billiges Öl, das lehrt die Geschichte, macht ambitionierte Energiestandards aber meist unwirtschaftlich. Es sei denn, die Politik steuert mit entsprechenden Förderprogrammen und Steuererhöhungen (für fossile Brennstoffe) gegen. Hier werden die EU und ihre Mitgliedsstaaten künftig gefordert sein.

Ein weiterer Politikschwerpunkt muss lauten: Förderung der Energieeffizienz.  Das fordern auch die IEA-Experten: Von den derzeit wirtschaftlich sinnvollen Energieeinsparungen würden bis 2035 weltweit nur etwa ein Drittel realisiert, wenn die Regierungen ihre Bemühungen in diesem Bereich nicht ausbauten. 

Übrigens: Der neue Ölrausch hat selbstverständlich auch seinen Preis. 2011 betrugen die Subventionen für fossile Energien weltweit 523 Milliarden Dollar, so die IEA – eine Steigerung von 30% gegenüber dem Vorjahr. Zum Vergleich: Erneuerbare Energien wurden 2011 gerade einmal mit 88 Milliarden Dollar gefördert.

 

... und der Klimawandel geht weiter

Vorerst bleibt abzuwarten, ob die USA ihre Ausbauziele in puncto Erdöl- und Gasförderung tatsächlich werden verwirklichen können – und wenn ja, wie lange die neu erschlossenen Quellen dann sprudeln werden. Erfahrungsgemäß haben unkonventionelle Öl- und Gasvorkommen die Eigenschaft, schneller wieder zu versiegen als konventionelle. 

Der Klimawandel indes wird sich durch solche Überlegungen wohl nicht aufhalten lassen. Wenn wir so weitermachen wie bisher und überdies die nun voraussichtlich freiwerdenden US-Öl- und Gasreserven verfeuern, dann wird die Durchschnittstemperatur auf dem Globus langfristig um 3,6 Grad steigen, so die IEA. Eine Politik des „Weiter so“ kann schon deshalb keine Devise für Europas Bauindustrie sein. Zumindest wäre dringend zu überlegen, wie künftige Gebäudestandards dem jetzt schon absehbaren Temperaturanstieg gerecht werden können.

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