Seite drucken
-

Themen

Architektur | Themen

Wir sind Geschichte: Palazzo Pepoli – historisches Museum von Bologna

Niemand würde mitten in Bologna einen Turm aus Stahl und Glas als Herz eines Palastes erwarten. Ein besonderes Ambiente für ein neuartiges Kulturerlebnis, das von Architekt und Designer Mario Bellini und dem Grafiker Italo Lupi geschaffen wurde. Dieses Projekt ist am Gedanken inspiriert, Schauraum und Schaugegenstand auseinander zu halten, damit ihre Bedeutung und Schönheit richtig zur Geltung kommt. Das Konzept basiert auf der Idee origineller und innovativer Besichtigungsstrecken, auf denen man Architektur, Kunst, Geschichte, soziale und institutionelle Evolution einer ruhmreichen Gemeinschaft kennen lernt.

Architekten: Mario Bellini mit Giorgio Origlia
Einrichtung: Giovanni Cappelletti
Grafik: Italo Lupi
Standort: Via Castiglione 8, I-40124 Bologna

Palazzo Pepoli – historisches Museum von Bologna

Frontseite zur Via Castiglione des Palazzo Pepoli Vecchio (des alten Palastes Pepoli). Foto: Paolo Righi Meridiana Immagini

Der Palazzo Pepoli Vecchio, der den Namen der Familie der ersten “Herren” von Bologna trägt, befindet sich am Anfang der Via Castiglione, wenige Schritte von den Due Torri (zwei Türmen) entfernt. Der Palast weist zahlreiche, sich überlagernde architektonische Schichten auf. Die Zubauten begannen im 14. Jahrhundert und wurden bis 1723 fortgesetzt. Dieses Rotziegelgebäude, das auf das Prestige der Familie hinweist, sieht aus wie eine Festung mit Burggraben und Zugbrücke. Das Innere präsentiert sich als herrlicher Wohnsitz, der im Laufe der Jahre mit einem vornehmen Hof, einer bühnenbildnerischen Freitreppe, Salons, Malereien und Skulpturen ausgestattet wurde.

Im Jahre 2003 hat die Sparkassen-Stiftung der Stadt Bologna den Palast gekauft, um ihn als historisches Museum der Stadt einzurichten. Mit der Eröffnung des Museums wurde der Genus Bononiae, das gemeinschaftliche Museumssystem vervollständigt, das mehrere Sitze im historischen Zentrum hat, die zu den interessantesten der Welt gehören. Prof. Fabio Roversi-Monaco, Präsident der Institution: “Die Zusammenarbeit mit Beratern internationalen Rufes führte uns zu einer neuen Art und Weise, die Kultur zu erleben und originelle und innovative Besichtigungsstrecken zu schaffen, auf denen Architektur, Kunst, Geschichte, soziale und institutionelle Evolution einer ruhmreichen Gemeinschaft erläutert werden.“

Palazzo Pepoli – historisches Museum von Bologna

Schnitt des Palazzo Pepoli Vecchio. Ausstellungsräume: A Die Stadt auf Gemälden, B Turm der Zeit, 7 Die Protagonisten, 8 Forma Urbis, E Zeitgenössische Ausstellungsräume, 18 Die Wissenschaften, 33 Die Stadt der Sprachen, D Kultursaal. Grafik: Mario Bellini Architects

Die Erzählung des Museums beginnt bereits im Empfangsraum mit der großen Reproduktion in Skala 1:1 des großen Stadtplans von Bologna des Jahres 1575 – der größte Stadtplan, der jemals in Form einer Freske realisiert wurde (das Original ist im „Palazzo Apostolico Vaticano“, dem Vatikanpalast aufbewahrt). Die Sektion der Topographie führt in den Hof mit Abdeckung, in dem sich die von Mario Bellini entworfene Struktur aus Stahl und Glas befindet. Der Architekt gibt folgende Beschreibung:

“Drinnen, mitten im Palast, steht ein schirmförmiger Turm aus Stahl und Glas, eine Neuerfindung des Hofes, der auf diese Weise wieder Würde und Funktion erlangt. Er macht den Eindruck einer Zauberlaterne, auf die von oben ein weißes natürliches Licht einstrahlt, das sich nach unten hin in reine Transparenz auflöst. Wie ein Epiphanias, welches das Vergehen der Zeit in den Sinn ruft.“ Der Turm hat den Zweck, die verschiedenen Ebenen des aufgegliederten Gebäudes miteinander zu verbinden und eine Reihe von Anlagen zu beherbergen, damit die historischen Wände des Hofes unversehrt bleiben.

Palazzo Pepoli – historisches Museum von Bologna

Palazzo Pepoli – historisches Museum von Bologna

Der Turm der Zeit beherbergt die zeitgenössischen Ausstellungen in Innenhof des Palastes. Foto: Luca Fregoso

Wieder Mario Bellini: “Wir wollten ein Museum der Stadt und für die Stadt, das – wie alle meine Präsentationsarbeiten – so eingerichtet ist, dass Schauraum und Schaugegenstand auseinander gehalten werden, um Bedeutung und Schönheit in gegenseitiger Autonomie zum Vorschein zu bringen. Die Protagonisten der Ausstellung sind große Schaukästen, die keine einfachen Vitrinen sind, sondern den Anschein metaphysischer Gegenstände außerordentlicher Größe haben und an De Chirico erinnern und in den Sälen nach eigenen Rhythmen und Geometrien angeordnet sind, die sich von jenen der Säle selbst und ihrer Sequenz unterscheiden”.

Das Projekt verfolgt die Philosophie einer klaren und reinen Trennung zwischen Schauraum (Palazzo Prepoli) und Schaugegenstand (die Geschichte von Bologna), auch um zu vermeiden, dass der Besucher die beiden Erzählungen durcheinander bringt und vom Leitfaden der Erzählung abweicht. Um dieses Ziel zu erreichen, stellt Mario Bellini drei Typen von Ausstellern / Erzählern zur Verfügung, die den Museumsbesuch zu einem aufregenden und phantastischen Erlebnis machen.

Palazzo Pepoli – historisches Museum von Bologna

Der Via Emilia gewidmete Saal. Foto: Luca Fregoso

Palazzo Pepoli – historisches Museum von Bologna

Das Profane: Saal der Marionetten. Foto: Francesco Radino

Giovanni Cappelletti erzählt über Mario Bellini Architects: “Normalerweise ermüdet das Vorlesen zu langer Texte die Museumsbesucher: die Erzählung muss also durch die Präsentation von historischen Bildern und Gegenständen belebt werden. Es werden Gemälde, Gravuren, Bücher, Skulpturen, Gegenstände der Bauerntradition, Möbel, Stoffe, Kleider und Spitzereien gezeigt, die sich auf die verschiedenen Epochen beziehen und diese repräsentieren und in ein erweitertes Erzählungsnetz eingefügt wurden. Für uns sind die ausgestellten Werke – abgesehen von ihrer Qualität als Werke – "nur" der Ausgangspunkt für Geschichten, deren Inhalt weit über den gezeigten Gegenstand geht; ein Vorwand für Erzählungen, die viel ausführlicher sind, als es der Gegenstand selbst übermitteln kann.” In diesem Sinn ist die Hauptaufgabe eines Museums, dem Besucher eine ausgewogene sichtliche Wahrnehmung und eine harmonische Beziehung zwischen den ausgestellten Werken, den Texten und den begleitenden und integrierenden Bildern zu gewährleisten.

Drei Kommunikationstypen
Typ 1: 3D-Schaukasten aus lackierten Stahlrohren mit quadratischem Querschnitt (25 x 25 mm). Hier werden die Werke der Museumskollektion von den anderen getrennt zur Schau gestellt, damit sie bei der Erzählung während des Rundgangs durch das Museum als Bezugspunkt dienen können. In den quadratischen Rohren ist das Beleuchtungssystem untergebracht, sowohl in der Version mit Streifen, als auch in der Version mit Spots. Ein Dimmer im Unterbau des Schaukastens ermöglicht, die Menge des warmen Lichtes und jene des kalten Lichtes, das von den LED-Streifen ausgestrahlt wird, zu dosieren. Dies ermöglicht, das Licht für die zweckmäßige Beleuchtung der vorherrschenden Farben jedes einzelnen Werkes zu mischen. Die LED-Spots isolieren signifikante Details und heben sie hervor.

Palazzo Pepoli – historisches Museum von Bologna

3D-Schaukasten: Foto: Paolo Righi Meridiana Immagini

Typ 2: Das von der Rückseite beleuchtete Paneel besteht aus Plexiglas (200 x 270 mm Höhe, etwa 15 mm Dicke) mit Stahlrahmen, in dessen senkrechten Trägern die LED-Streifen untergebracht sind und das Plexiglas durchgehend beleuchten. Das Plexiglas-Paneel ist mit horizontalen, parallel verlaufenden  Gravuren versehen. Das Licht der LED strahlt in die Gravuren und verwandelt die gesamte Platte in eine homogene Lichtquelle. Eine opalfarbige Polycarbonatplatte mit gedruckten Texten und Abbildungen bekleidet das Plexiglaspaneel und zerstreut das emittierte Licht. Diese Beleuchtung verleiht den Texten und Abbildungen auf den Platten eine perfekte Anschaulichkeit in einer effektvollen und wirksamen Kommunikation mit den ausgestellten Werken.

Palazzo Pepoli – historisches Museum von Bologna

Foto: Francesco Radino

Palazzo Pepoli – historisches Museum von Bologna

Foto: Luca Fregoso

Die gleiche Technik wie für die rückseitig beleuchteten Paneele wurde auch für den dritten Erzählungstyp angewandt: das Theater. Diese Art der Einrichtung ist durch die zeitliche Begrenzung, die den letzten Teil des Museums charakterisiert, bedingt. In einem Raum von sieben Sälen werden etwa 150 Jahre Geschichte dargestellt. Die Notwendigkeit einer extremen Synthese erbrachte die Idee, die Werke (Gemälde, satyrische Zeichnungen, Waffen, bestickte Stoffe, Versuchsinstrumente von Marconi) in schauspielerischer Anordnung auf Bühnen zu zeigen. Im Inneren ist das Theater manchmal von der Bühnenkulisse beherrscht, die auch die Aufgabe hat, den Bühnenraum im Hinblick auf den Raum des Saales zu begrenzen.

Palazzo Pepoli – historisches Museum von Bologna

Napoleone Bonaparte in Bologna: das Theater vereint die Gegenstände in einem Rahmen und bietet die Synthese einer historischen Periode. Foto: Francesco Radino

Die Säle, die einer eingreifenden Umstrukturierung unterzogen wurden, haben einen neuen innovativen Fußboden: ein dunkles Harz aus einer Mischung von schwarzem und grauem Marmorkies mit Messing- und Aluminiumsplittern. Die glänzende, aber nicht vollkommen glatte, metallisch schimmernde Oberfläche ist die ideale Lösung eines kontemporären Fußbodens im Einklang mit der historischen Präsentation des Palastes. Der Fußboden spiegelt die Lichtvarianten der Räume wider, ohne die Aufmerksamkeit von den Wänden abzulenken.

Auch in diesem Fall treten, wie in den Kinosälen und auf der gesamten Besichtigungsstrecke, die durch das Museum führt, die Oberflächen des die Ausstellung beherbergenden Palastes in den Hintergrund, um sich am Ende des Besuches wieder bemerkbar zu machen. Am Ausgang zur historischen Via Castiglione wird dem Besucher so richtig klar: Wir sind die Geschichte.

Palazzo Pepoli – historisches Museum von Bologna

Il Sacro: Saal der Madonna von San Luca. Foto: Francesco Radino

Projektdaten

Auftraggeber:
Fondazione Cassa di Risparmio in Bologna und Museo della Città Srl
Verfahren:
internationaler geladener Wettbewerb 2003
Planung:
2004-2007
Bauzeit:
2007-2012
Ende der Arbeiten:
2012
Eröffnung:
27. Januar 2012
Museumsgrafik:
Massimo Negri
Strukturprojekt:
Prof. Massimo Majowiecki
Anlagenprojekt:
Sandro Salvigni, Sante Mazzacane
Arbeitsleiter:
Alessio Zanichelli (2007/2009), Marco Bruni (2009/2012)
Assistent des Arbeitsleiters:
Claudio Gandolfi
Realisierungskosten:
Euro 17.000.000 (Umstrukturierung des Gebäudes), Euro 4.200.000 (Einrichtung)
Gesamtoberfläche:
6180 m²
Ausstellungsfläche insgesamt:
3100 m²
Service-Oberfläche:
3080 m²
Gesamtlänge der Besichtigungsstrecke: 870 m
Besucher im ersten Jahr:
120.000

Weitere Informationen:

www.genusbononiae.it

Anzeige