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Architektur | Themen

Leuchtende Heterotopie: Schulkomplex in La Courneuve

Text: Richard Scoffier

Ein mit kräftigem Orange akzentuiertes, virtuos komponiertes Raumgeflecht bietet den Kindern eine intakte Anlaufstelle im schwierigen Kontext des Viertels "Cité des 4000" in der Pariser Banlieue.

Architekten: Dominique Coulon & Associés, Strasbourg
Standort: F-93120 La Courneuve

Schulkomplex in La Courneuve, Dominique Coulon& Associés

Foto: Eugeni Pons

Der kürzlich fertiggestellte Schulkomplex „Josephine Baker“ befindet sich auf einem länglichen Grundstück, das geprägt ist vom Abriss der vormals dort befindlichen Wohnblöcke „Ravel“ und „Presov“. Die Architekten Dominique Coulon & Associés haben es geschafft, das neue Gebäude gut in den schwierigen Kontext des Viertels „Cité des 4000“ einzufügen und damit eine kindgerechte Utopue  zu entwickeln.

Das Projekt ist Teil eines städtebaulichen Planungskonzepts von Bernard Paurd, der versucht, die verschiedenen Zeichen und Spuren, die sich an dem Standort überlagern wie Schriften auf einem Palimpsest, zusammenzufügen. Das Konzept gründet auf einer Umstrukturierung des Viertels auf Basis einer rechtwinkligen Kreuzung von zwei historischen Achsen. Der Schnittpunkt der beiden Achsen X und Y markiert verschiedene Spuren der Vergangenheit – in der narbenbedeckten Landschaft, die am 23. Juni 2004 Zeugin der Sprengung der Wohnblöcke „Ravel“ und „Presov“ wurde, befand sich früher eine galloromanische Totenstadt. 

Schulkomplex in La Courneuve, Dominique Coulon& Associés

Foto: Eugeni Pons

Foto: Eugeni Pons

Foto: Eugeni Pons

Foto: Eugeni Pons

Der Schulkomplex steht auf dem trapezförmigen Gelände, auf dem vormals eine der beiden Wohnanlagen stand und das seit dem Abriss mit einem Bauverbot belegt war. Dominique Coulon berücksichtigt das Konzept und die Ziele von Bernard Paurd, scheint jedoch diese Narbe eher als ein Zeichen für Widerstandskraft denn als Stigma einer unabänderlichen Situation zu begreifen. Er kehrt spontan zurück zu seinem Werk über verdrehte Formen, ein wiederkehrendes Thema in seinen Projekten.

Die Vorgabe, geschlossene Baukörper mit rechteckigen Formen zu vermeiden - was mit Blick auf den Grundstückszuschnitt naheliegend gewesen wäre, auch im Zusammenspiel mit den Einschränkungen hinsichtlich Dichte und Höhe - führte dazu, dass die im Konzept vorgesehene Trennung von Grundschule und Kindergarten in Frage gestellt wurde. Coulons Entwurf zeigt nun ein einheitliches Raumgefüge, das innerhalb des dreidimensionalen Raums zwischen zwei Polen mit großer Virtuosität umgesetzt und mittels eines Rampensystems erschlossen wurde. 

Grafik: Dominique Coulon& Associés

Grafik: Dominique Coulon& Associés

Foto: Olivier Nicollas

Foto: Eugeni Pons

Foto: Olivier Nicollas

Foto: Olivier Nicollas

Die Gruppenräume des Kindergartens befinden sich im östlichen Gebäudeteil auf einem Geschoss, das über den Eingangsbereich auskragt, während die Klassenzimmer der Grundschule im Westen angesiedelt sind und über Ausblicke auf die dazwischenliegenden Gärten verfügen. Der Pausenhof der größeren Kinder geht fließend in den für die jüngeren Kinder vorgesehenen Bereich über, wo sich auch die gemeinsam genutzte Mensa befindet, während die Sportplätze auf dem Dach des anderen Blocks liegen, in dem die von beiden Einrichtungen genutzte Bibliothek untergebracht ist. 

Grundriss EG, Grafik: Dominique Coulon& Associés

Grundriss 1. OG, Grafik: Dominique Coulon& Associés

Schnitte, Grafik: Dominique Coulon& Associés

Gruppenraum des Kindergartens, Foto: Eugeni Pons

Gruppenraum des Kindergartens, Foto: Eugeni Pons

Klassenraum, Foto: Eugeni Pons

Trotz seiner Verschachtelungen, Kanten und Asymmetrien weckt das Gebäude zunächst den Eindruck einer geschlossenen Form mit wenigen Öffnungen. Die übereinander liegenden Klassenzimmer der Grundschule öffnen sich nur zu den seitlich gelegenen Gärten hin. Obwohl von außen betrachtet aufgrund der vielen Einkerbungen in den Fassaden die Vertikalität zu dominieren scheint, ist es paradoxerweise die Horizontalität, die vorherrscht, sobald man das Gebäude betreten hat. Als ob sich innerhalb eines streng definierten Bereiches ein unendliches Universum auftut, eine Foucaultsche Heterotopie ausschließlich für Kinder, in der sich die Schüler von der Erwachsenenwelt distanzieren können, um den richtigen Moment abzuwarten und dann zur rechten Zeit umso besser in deren Welt eintauchen zu können. 

Foto: Eugeni Pons

Fotos: Eugeni Pons

Besondere Aufmerksamkeit ist anscheinend den Übergängen von einem Raum zum anderen zugedacht worden, den Schwellen: Die Schule betreten, die Jacke abnehmen und aufhängen, durch die Türe ins Klassenzimmer hineingehen und vor dem Lehrer Platz nehmen; lachend das Klassenzimmer verlassen und in der Pause auf dem Hof laut und fröhlich sein. So funktioniert das Gebäude, vom Eingang aus vorwärts, in einer durchdachten Vorwärts- und Rückwärtsbewegung. In einer schützenden Geste kragt das obere Geschoss aus und heißt die Kinder willkommen, während das verglaste Erdgeschoss zurückgesetzt ist und sich diskret zeigt angesichts der täglichen Dramen um die Trennung von Kind und Eltern. 

Foto: Eugeni Pons

Die Flure verändern ihre Form, weiten sich im Bereich der Eingänge zu den Klassenzimmern und erhalten Licht in Hülle und Fülle von oben. Die Überdachung der Hofflächen erstreckt sich weit über die Rampe hinaus, die zu den Sportplätzen auf dem Dach führt. Dieses Spiel zwischen Verengung und Ausdehnung, das der Betonstruktur eine organische Anmutung verleiht, wird durch die Farbe Orange weiter akzentuiert. Sie bedeckt die Böden und ergießt sich da und dort auf Wände und Decken, bringt den kleinsten Sonnenstrahl zum Glühen und strahlt auf allen begehbaren Dachflächen. 

Foto: Delphine George

Eingangshalle der Schüler, Foto: Eugeni Pons

Foto: Eugeni Pons

Kindergartenbereich, Foto: Eugeni Pons

Der Einsatz natürlicher Materialien wie Linoleum für die Böden, Holz für Türzargen und Fensterrahmen, sowie die Liebe zum Detail, machen das Gebäude zu einem fast luxuriösen Ort. Von den ansässigen Kindern und Eltern, die die Phase der Zerstörungen und Abrisse hinter sich lassen und entschlossen in die Zukunft blicken wollen, wurde das Gebäude bereits bei seiner Eröffnung begeistert aufgenommen.

Foto: Eugeni Pons

Der Architekt und Architekturtheoretiker Richard Scoffier lehrt an der Ecole d'Architecture in Versailles und arbeitet für zahlreichen Fachzeitschriften. Sein Buch "Die vier Grundbegriffe der zeitgenössischen Architektur" ist im Norma Verlag erschienen.

Weitere Projekte zum Thema »Bauen für Kinder« lesen Sie in unserer aktuellen Ausgabe DETAIL Konzept 2013/3.

Foto: Eugeni Pons

Bauherr: Stadt La Courneuve

SHON: 4500 m²
SHOB: 6500 m²

Baukosten: 8 Mio Euro

Raumprogramm:
Speiseraum, Bibliothek, Verwaltung / Büros
6 Gruppenräume Kindergarten
6 Freizeiträume
10 Klassenräme Grundschule

Weitere Informationen

www.coulon-architecte.fr

Das Projekt wurde mit einem Preis von Architizer A+ Awards 2013 in der Kategorie Kindergärten und Schulen ausgezeichnet.

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