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Transparenz und Transluzenz - Architektur-Gesellschaft, die ZEHNTE

Ritz Ritzer von bogevischs buero diskutierte mit uns über die Bedeutung von Transparenz in der Architektur, die unterschiedlichen Erscheinungsformen von Glas und das Bauen in Gewerbegebieten: Im Rahmen der zehnten Architektur-Gesellschaft im Januar 2013 zum Thema „Transparent und Transluzent“ war er unser Ehrengast. Gemeinsam mit 20 Architekten trafen wir uns wieder in kleiner Runde bei Boffi in der Nymphenburgerstrasse in München.

Transparent oder transluzent? Fassade des Gewerbehofs von bogevischs Büro in München-Laim. Foto: Michael Heinrich

Lange Zeit, und besonders im Zuge der „Zweiten Moderne“ als Antwort auf die Postmoderne, wurden dem Baustoff Glas nahezu magische Eigenschaften zugeschrieben: Sein Hauptcharakteristikum, die Transparenz, ließ den großzügigen Einsatz von Glas am Bauwerk zum Symbol einer offenen, ja demokratischen Haltung seines Bauherren werden. Die Gleichung Glas = Transparenz = Demokratie erfuhr ihren Höhepunkt im sogenannten Fassadenstreit im Berlin der neunziger Jahre, bei dem sich Verfechter von natursteinverkleideten Lochfassaden und Glasfetischisten gegenseitig verbal die (Beton-)Köpfe einschlugen. Natürlich ist das eine unzulässige Verkürzung der Debatte, denn die rigide und undurchsichtige Berliner Baupolitik jener Zeit musste jedem fortschrittlich gesinnten Bürger die Haare zu Berge stehen lassen. Doch der daraus geborene Mythos, der Glasanteil einer Fassade stehe im direkten proportionalen Verhältnis zur demokratischen Gesinnung des Eigentümers, (ver-)führt ebenfalls zu Missverständnissen und Missbrauch. Dennoch darf Glas jenseits aller politischen Zuschreibungen auch im architektonischen Kontext allmählich wieder das sein, was es ist: ein Material.

Gäste der zehnten Architektur-Gesellschaft (links Werner Frosch von Henning Larsen Architects, in der Mitte Patricia Beck von DETAIL) im Gespräch mit Ritz Ritzer (rechts außen).

Im Rahmen der zehnten Architektur-Gesellschaft zum Thema „Transparent und Transluzent“ war der Architekt Ritz Ritzer geladen, dessen Entwurf für einen Gewerbehof in München auf sinnfällige Art sowohl transparente als auch transluzente Qualitäten von Glas nutzt. Ritz Ritzer stellte kurz sein Büro mit dem Phantasienamen bogevischs buero vor, das er zusammen mit seinem Partner Rainer Hofmann 1996 in München gegründet hatte. Zu den wichtigsten Projekten gehört der Um- und Neubau der Studentenwohnungen des Olympischen Dorfs in München, den das Büro am Anfang dieses Jahrtausends in ARGE mit dem Ursprungsarchitekten Werner Wirsing unternahm. Ein seltener architektonischer Glücksfall, bei dem Denkmalschutz und kreatives Weiterdenken eines schlüssigen architektonischen Konzepts eine Allianz eingingen – jenseits der gängigen Praxis aus Abrisswut und Rekonstruktionswahn. Wichtig für das Büro sind auch das Forschungsprojekt „Energieeffizienter Wohnungsbau“ in Ingolstadt-Hollerstauden, das 2011 realisiert wurde, und der Gewerbehof in München-Laim (2011). Aktuell arbeiten Ritzer und Hoffmann an diversen größeren Wohnungsbauprojekten und einer Firmenzentrale. 

Gewerbehof von bogevischs buero in München-Laim. Foto: Michael Heinrich

Durchaus kritisch präsentierte Ritz Ritzer eine Auswahl an Architekturprojekten, die für ihn das Thema „Transparenz“ fassen: angefangen von Mies van der Rohe’s Entwurf für ein Glashochhaus an der Friedrichstraße bis hin zu Werner Sobeks Glashaus R128 in Stuttgart. Dabei gab er zu bedenken, dass Glas nicht immer transparent wirkt: Die transparente Erscheinung ist abhängig vom Licht. Ein unbeleuchtetes Glasgebäude wirkt tagsüber (und erst recht nachts) von außen dunkel, erst die Innenraumbeleuchtung lässt uns auch ins Innere blicken. Genauso verhält es sich von innen aus gesehen: Tagsüber können wir nach draußen schauen, sobald es dunkel wird, werden unsere Fenster zu Spiegeln. Die Transparenz des Glases  funktioniert also nur vom Dunklen ins Helle, nicht umgekehrt. Das Gefühl der nächtlichen Leere und des „Ausgestelltseins“, das sich in komplett verglasten Häusern vor allem dann einstellt, wenn am Abend die Innenbeleuchtung das Haus zur Vitrine macht, war für die meisten unserer Gäste eher unangenehm besetzt. Schließlich ist nicht jeder so eine schneewittchensarggerechte Schönheit wie Philip Johnson.

Unter dem Aspekt der Transluzenz stellte Ritzer die Swarovski Kristallwelten in Wattens/Tirol vor (Architektur: Christoph Ingenhoven; Design: Regina Dahmen-Ingenhoven). Wie ein Schleier umzieht hier ein Metallgeflecht das Gebäude, dessen Form und Ausdehnung man dahinter nur noch erahnen können soll (was nicht so ganz funktioniert, aber der „Schleier“ lenkt auf jeden Fall von der Architektur dahinter ab). Weshalb man sich auch gleich die Frage stellt, warum das so sein soll: Ist dieser Vorhang nun Tarnung oder Dekoration?

Gäste der zehnten Architektur-Gesellschaft

Hofmann und Ritzer selbst hatten 2011 den Gewerbehof in München-Laim fertig gestellt, dessen Beauftragung sie im Rahmen eines Wettbewerbsverfahrens gewonnen hatten. Während des Entwurfsprozesses dienten Bilder von Gletschern und Eis als Analogien für die Beschreibung unterschiedlicher Grade von Transparenz und Transluzenz. Der Gewerbehof umfasst rund 14.000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche, er bietet flexibel aufteilbare Räume für kleine und mittelständische Betriebe und wird durch einen Mittelgang erschlossen. Das Gebäude liegt parallel zur Landsbergerstraße, über einem von Arkaden gesäumten Sockel beginnt eine über vier Geschosse verlaufende Profilglasfassade.

Mieterbüro im Gewerbehof von bogevischs buero in München-Laim. Foto: Michael Heinrich

Die transluzente Fassade besteht aus mattiertem Weißglas mit vertikalen und horizontalen Aussparungen. Nach außen hin erscheint die Fensterfläche winzig. Tatsächlich verbirgt sich hinter dem vorgehängten Profilglas jedoch ein Stahlbetonskelett mit großformatigen, nahezu quadratischen Fenstern. Die ursprüngliche Idee war, durch das matte Profilglas diverse Schutzfunktionen wie Schall- und Sonnenschutz zu ermöglichen, gleichzeitig die Belichtungs- und Öffnungsfläche jedoch groß zu halten. Ganz ist das Konzept zwar nicht aufgegangen – zusätzlicher Sonnenschutz musste installiert werden –, der Schallschutz ist aber gewährleistet, und vor allem die homogene Erscheinung des abstrakten Baukörpers wurde durchgehalten. Diese wird durch ein striktes Fassadenmanagement unterstützt, das jegliche Außenwerbung der einzelnen Mieter verbietet.

Flur im Gewerbehof von bogevischs buero in München-Laim. Foto: Julia Knop, Hamburg

Ziel der Beteiligungsgesellschaft MGH beim Gewerbehof ist es, junge, aufstrebende Betriebe zu fördern und Existenzgründer zu unterstützen. Ein Auswahlverfahren unterstützt eine möglichst homogene Unternehmensstruktur. Wichtig waren den Architekten auch großzügige Erschließungsbereiche, die gleichzeitig zur Kommunikation genutzt werden können. Eine klare Farbgebung im Flur – grün für die Mieterbereiche, blau für die Servicefunktionen – unterstützt das auf Rohbaustandard reduzierte Ausbaukonzept; ein Handlauf aus Holz setzt im Treppenhaus einen Materialkontrast zu den Betonfertigteilen.

Im Rahmen der Diskussion unter den Teilnehmern der Architektur-Gesellschaft geriet zudem die politische Situation der Zuteilung von Baurecht in den Fokus: Wohnraum in der Stadtmitte wird knapp, der Trend zum Wohnen im gewerblichen Umfeld nimmt zu, die Preise steigen jedoch auch hier, und Gewerbeflächen werden weiter an den Stadtrand gedrängt. Das Thema „Transparent und Transluzent“ wurde somit nicht nur in Bezug auf die Architektur, sondern auch hinsichtlich seiner Licht- und Schattenseiten in Politik und Gesellschaft diskutiert.
(Cordula Vielhauer)

Treppenhaus im Gewerbehof von bogevischs buero in München-Laim. Foto: Michael Heinrich

Die nächste Architektur-Gesellschaft wird am Dienstag, den 12. März 2013 zum Thema »Architektur macht Schule« bei Boffi in München stattfinden. Als Ehrengast ist Wilhelm Sütter geladen, Schulberater im Bereich Architektur der AIM Stiftung, Heilbronn. Wenn Sie Interesse an einer Teilnahme haben, senden Sie eine E-Mail mit Ihren Kontaktdaten an projekte@detail.de.

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