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Frei Otto, Karlsruhe, ZKM

Denken in Modellen: Frei-Otto-Ausstellung in Karlsruhe

Im September fand in Stuttgart die Grundsteinlegung für das umstrittene Bahnprojekt »Stuttgart 21« statt. Gleichzeitig wird (nicht nur) in Mannheim angeregt darüber debattiert, ob und wie sich die dortige Multihalle doch noch vor dem Abriss retten lässt. Keine Frage: Die Bauten von Frei Otto bewegen eineinhalb Jahre nach dem Tod des Architekten und der posthumen Verleihung des Pritzker-Preises noch die Öffentlichkeit. Sie waren und sind radikal anders als fast alles, was seit Ende des Zweiten Weltkriegs in Europas Städten gebaut wurde.

Anders als viele Formakrobaten der Gegenwartsarchitektur ging Frei Otto beim Entwerfen stets von einem soliden ingenieurtechnischen Fundament aus. Angefangen mit seiner Dissertation zum Thema »Das hängende Dach« von 1952 forschte, experimentierte und publizierte er bis ins hohe Alter ohne Unterlass. Mit Bezug auf Louis Kahns Diktum, dass ein Ziegelstein auf die Frage, was er werden wolle, stets antworten würde »Ein Bogen!«, sagte Shigeru Ban einmal: »Ich denke, dass Frei Otto derjenige Architekt war, der die Luft gefragt hat, was sie werden will.«

Schon 2011 hat Frei Otto sein komplettes Werkarchiv dem Südwestdeutschen Archiv für Architektur und Ingenieurbau (saai) in Karlsruhe hinterlassen. Es umfasst allein 429 Modelle, von denen knapp die Hälfte nun in der groß angelegten Ausstellung »Frei Otto. Denken in Modellen« zu sehen ist.

Selten ist in Deutschland Architektur so raumgreifend und einprägsam im Museum inszeniert worden. Verantwortlich dafür zeichnete Marc Frohn vom deutsch-chilenischen Architekturbüro FAR frohn&rohas. Fast so groß wie ein Fußballfeld ist die Ausstellungsfläche, die – ohne Unterteilung durch Stellwände - zwei der zehn Lichthöfe des Karlsruher ZKM umfasst. Im einen der beiden steht ein gut 50 Meter langer Modelltisch, in dem anderen kleinere Holztische mit Fotografien natürlicher Strukturen, die Frei Otto als Vorbild und Inspirationsquelle dienten.

Umgeben ist das Ganze von 18 überdimensionalen Archivregalen, deren Exponate – darunter Konstruktionspläne bis zum Maßstab 1:1, weitere Fotografien und historische Filmaufnahmen - wichtige Stationen aus Frei Ottos Leben und Werk illustrieren. Hier liegen auch die 40 »IL-Mitteilungen« aus, die das von Otto geleitete Institut für Leichte Flächentragwerke an der Universität Stuttgart zwischen 1971 und 2004 publiziert hat.

Auch die gemeinsam mit Christoph Ingenhoven entwickelten Bahnsteigüberdachungen für Stuttgart 21, Frei Ottos letztes großes Werk (von dem er sich 2009 wieder distanzierte) sind in Karslruhe mit zahlreichen Arbeitsmodellen dokumentiert. Die High-Tech-Ästhetik, die den Neubau nach seiner Fertigstellung auszeichnen dürfte, steht im krassen Widerspruch zu der handgebastelten Ästhetik dieser (und erst recht vieler älterer) Modelle in der Ausstellung. In Zeiten von BIM, fünfachsigen Fräsmaschinen und 3-D-Druck ist es kaum noch zu glauben, dass Deutschlands teuerster Bahnhof vor 20 Jahren einmal aus Gipsbinden, Draht und Netzstrümpfen modelliert wurde.

Mammutschau (fast) ohne Wegweiser
Gemessen an der Fülle der Exponate, ist diese Ausstellung fraglos die umfassendste, die über Frei Otto je gezeigt wurde. Umso mehr überrascht es, dass ihr Besuch in eineinhalb Stunden locker zu bewältigen ist. Das wiederum hat mit dem inhaltlichen Konzept zu tun: Statt dem Verständnis mit Erläuterungen zu Frei Ottos Bauten und Entwürfen nachzuhelfen, versuchen Kurator Georg Vrachliotis und sein Team, die Ausstellungsobjekte für sich sprechen zu lassen. Allerdings sprechen sie eben nicht alle und erst recht nicht zu jedermann, zumal eine Binnengliederung innerhalb der drei großen Ausstellungsbereiche (Modelllandschaft, Offenes Archiv und »Frei Ottos Kosmos«) weitgehend fehlt.

Die Modelle wirken eher willkürlich auf dem großen Tisch verteilt und sind auch nur teilweise beschriftet. Über weite Strecken ist man hier auf die mühsame Navigation mit einem Lageplan angewiesen. Schlüsselwerke wie der Expo-Pavillon von 1967 in Montreal tauchen an drei, vier Stellen der Ausstellung in unterschiedlichen Zusammenhängen auf. Erläuterungen zu den einzelnen Projekten fehlen fast völlig – dabei wären sie gerade bei dem einen oder anderen unbekannteren Entwurf interessant gewesen. Wer Näheres erfahren will, ist auf den 450-seitigen Katalog angewiesen, der mit seiner grobpixeligen Schwarzweiß-Ästhetik nahtlos an die IL-Mitteilungen früherer Jahre anknüpft.

Kenner der Materie dürften damit fraglos zurechtkommen. Doch für ein Haus, das ein bunt gefächertes Publikum ansprechen will wie das ZKM, gibt sich diese groß angelegte Rückblende merkwürdig wortkarg; fast als sei zu Frei Ottos Leben und Werk bereits alles gesagt. Das mag so sein nach all dem Pritzker-Medienrummel um Frei Otto 2015 – doch mit dieser Haltung wird zugleich die Chance verschenkt, das Werk eines großen Architekten einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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