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London 2012 - Olympische Schießsportstätten

Von Peter Popp und Emilia Margaretha

Drei Hallen, in kristallweiße Membranen gehüllt und mit farbigen Punkten übersät - so präsentieren sich die von magma architecture entworfenen Schießsportstätten für die Olympischen Sommerspiele 2012 auf dem Gelände der historischen Royal Artillery Barracks im Londoner Stadtteil Woolwich.

Architekten: magma architecture, Berlin
Standort: London, Woolwich Arsenal Station

Olympische Schießsportstätte, magma architecture, Foto: Matt Dunham/Associated Press
Fassadenausschnitt Finals Range, Foto: Matt Dunham/Associated Press

London 2012 soll als »Legacy Games« in die Annalen der Olympiastandorte eingehen. Die Stadt hat sich im Wettkampf gegen andere Kandidaten wie Paris, Moskau, oder Madrid durchgesetzt, weil die Bewerbung eine überzeugende Vision für die Zeit nach den Spielen anbieten konnte: Wettkampfstätten, die zwar für das größte Sportevent der Welt, nicht aber für die Ewigkeit gebaut werden. Die meisten Bauten können verkleinert, umgenutzt, teilweise oder ganz abgebaut werden – Olympische Spiele der mobilen und wandelbaren Bauten also. Insgesamt stehen 300.000 temporäre Besuchersitze zur Verfügung.

Ein Beispiel hierfür sind die Olympischen und Paralympischen Schießsportstätten von magma architecture. Auf dem Gelände der historischen Royal Artillery Barracks werden die Wettkämpfe im 10-, 25- und 50-Meter-Sportschießen ausgetragen. Die temporäre Anlage besteht aus drei Hallen, die ein städtebauliches Ensemble auf dem ehemaligen Übungsplatz im südostlich von London gelegenen Stadtteil Woolwich bilden. Damit sind die Schießsportstätten der größte Austragungsort außerhalb des Olympic Park.

Olympische Schießsportstätte, magma architecture
Lageplan, Grafik: magma architecture
Olympische Schießsportstätte, magma architecture, Foto: J.L. Diehl
Die Anlage im Überblick, Foto: J.L. Diehl
Olympische Schießsportstätte, magma architecture, Foto: Steve Bates
Rechts die neun Meter hohe Combined Range, im Hintergrund die Finals Range, Foto: J.L. Diehl
Gesamtansicht der 25 m Range, Foto: Steve Bates

Das Sportschießen ist eine der olympischen Disziplinen, bei der Verlauf und Ergebnis des Wettkampfs für das menschliche Auge kaum wahrnehmbar sind. Umso prägnanter präsentiert sich die Wettkampfstätte: die Gebäudekonstruktion wurde komplett in weiße Membranen gehüllt. Die Hoch- und Tiefpunkte der Konstruktion, die der Fassade ihre wellenförmige Oberfläche verleihen, werden von farbigen Scheiben akzentuiert. Diese »Ausstülpungen« dienen der natürlichen Belüftung und strukturieren die Gebäudehülle. Ihre Anordnung ergibt sich durch die Positionierung der Haupteingänge und der Lüftungseinlässe und sorgt zudem für die erforderliche Spannung der Membran.

Die insgesamt 3.800 Zuschauerplätze verteilen sich auf zwei teilweise geschlossene Schießstände für die Qualifikationsrunden und einen komplett geschlossenen Schießstand für die Endausscheidung. Die 107 und 52 Meter langen Hallen für die Vorausscheidungen wurden entlang der Schusslinie zum Außenraum geöffnet. Der Open-Air-Schießbereich für Bogen- und Tontaubenschießen verfügt über zusätzliche 2.600 Sitze. 

Die Schützenlinie, an der sich die Athleten aufreihen, trennt die membranüberdachten Sitzbereiche vom Schießfeld. Sperrholzverkleidete Ablenkplatten über dem Schießfeld schützen die Zuschauer vor Querschlägern aus den Schusswaffen. Außenseitig haben diese Verkleidungen einen weißen Anstrich. Dadurch bilden sie eine visuelle Einheit mit den Membranfassaden.

Olympische Schießsportstätte, magma architecture, Foto: J.L. Diehl
Das Schießfeld ist von sperrholzverkleideten, auf Stahlrahmen montierten Wänden umschlossen.
Olympische Schießsportstätte, magma architecture, Foto: J.L. Diehl
Fotos: J.L.Diehl

Olympische Schießsportstätte, magma architecture, Foto: Steve Bates
Innenraum der 10/50 m Range, Foto: Steve Bates
Olympische Schießsportstätte, magma architecture, Foto: J.L. Diehl
Innenraum der Finals Range, Foto: J.L.Diehl

Bei der Planung der Anlage mussten vor allem die hohen Nachhaltigkeitskriterien des Auftragsgebers ODA (Olympic Delivery Authority) umgesetzt werden. Ein wichtiges Ziel war die Minimierung des Materialeinsatzes und des Energieverbrauchs. Die Konstruktion sollte leicht zu lagern, zu transportieren und wiederzuverwenden sein.

Olympische Schießsportstätte, magma architecture
Explosionszeichnung der einzelnen Schichten, Grafik: magma architecture
Olympische Schießsportstätte, magma architecture, Foto: J.L. Diehl
Foto: J.L.Diehl

Die Fundamente der nicht unterkellerten Gebäude sind eine reine Stahlkonstruktion. Die Stützenlasten werden über kreuzförmige Stahlplatten auf Rammpfähle ins Erdreich übertragen. Die Pfähle aus Stahlrohr wurden aus recycelten Ölleitungen hergestellt. Nach Beendigung der Veranstaltung werden sie zusammen mit der Gebäudekonstruktion wieder entfernt. Auch die Fundamente können am neuen Standort wiederverwendet werden.

Olympische Schießsportstätte, magma architecture
Anheben der Dachmembran, Foto: ESG
Olympische Schießsportstätte, magma architecture
Spannen der Dachmembran, Foto: Dave Tully
Olympische Schießsportstätte, magma architecture
Installierte Dachmembran, Foto: Dave Tully
Olympische Schießsportstätte, magma architecture
Montage der äußeren Membran, Foto: magma
Olympische Schießsportstätte, magma architecture
Vorbereitung zur Montage der inneren Membran, Foto: ESG
Olympische Schießsportstätte, magma architecture
Montage und Spannen der inneren Membran, Foto: magma architecture
Olympische Schießsportstätte, magma architecture
Montage der Eingangselemente, Foto: magma architecture
Olympische Schießsportstätte, magma architecture
Blick durch die Eingangskonstruktion, Foto: Dave Tully

Die Stahlkonstruktion der Hallen basiert auf einem modularen System von Fachwerkträgern und -stützen, welches auch die Hallengrößen vorgibt. Nach den Olympischen und Paralympischen Spielen werden die Einzelelemente für andere Bauten genutzt. Jede Verbindung wurde deshalb so entworfen, dass sie leicht getrennt werden kann. Es kommen keine Verbundmaterialien oder Haftmittel zum Einsatz. Aufgrund der Höhe der Fachwerkträger werden Spannweiten bis zu 47 Metern erreicht, die Zuschauerräume bleiben dadurch stützenfrei. Die Konstruktion wird in den statisch relevanten Feldern über Stahlstäbe und Zugbänder zwischen der inneren und äußeren Gebäudehülle ausgesteift.

Olympische Schießsportstätte, magma architecture
Schnitt Finals Range, Grafik: magma architecture
Olympische Schießsportstätte, magma architecture
Grundriss Finals Range, Grafik: magma architecture

Die drei Hallen sind mit 18.000 m² phthalat-freien PVC-Membranen verkleidet. Das PVC wurde aufgrund seiner Zugfestigkeit, thermischen Leistung und Transparenz ausgewählt und ist zu 100% recyclebar. Die doppelt gekrümmte Geometrie ist Ergebnis der optimalen Formgebung des Materials. Mithilfe von Stahlringen wird die Membran gespannt. Dies verhindert, dass sie bei Wind »flattert«. Zusätzlich gewährleisten die unebenen Flächen, dass sich kein Wasser ansammeln kann.

Die zwischen die Stahlringe gespannten farbigen, perforierten Membranen sorgen für die Be- und Entlüftung des Gebäudes und dienen als Türöffnungen im Erdgeschoss. Durch das Einbringen einer zweiten inneren Membran wird eine natürliche Belüftung der Hallen ermöglicht. Der rund zwei Meter breite Zwischenraum fungiert als Isolationsschicht und leitet einen Luftstrom, der kühle Frischluft nachquellen und warme verbrauchte Luft im oberen Bereich austreten lässt. Tageslicht schimmert durch die transluzente Membran und reduziert den notwendigen Anteil an künstlicher Beleuchtung. Einzige Ausnahme ist die Halle für die Endausscheidungen: Hier wurde auf Anforderung der Übertragungsmedien eine dreischichtige, lichtundurchlässige Membran verwendet.

Olympische Schießsportstätte, magma architecture
Fassadenschnitt, Grafik: magma architecture
Olympische Schießsportstätte, magma architecture
Fassadendetail, Foto: J.L.Diehl

Olympische Schießsportstätte, magma architecture
Grafik: magma architecture

Nach der Veranstaltung werden Membranen, Spannringe und Anschlüsse für den Transport flach verpackt und an einen anderen Veranstaltungsort gebracht. Es ist geplant, zwei der drei mobilen Gebäude in Glasgow für die 2014 Commonwealth Games einzusetzen. Die Standard-Fachwerkträger werden nach dem endgültigem Rückbau an die Baufirma zurückgegeben. 

Olympische Schießsportstätte, magma architecture, Foto: Dave Tully
Fassadendetail Finals Range, Foto: magma <br> architecture

Bauherr: ODA, Olympic Delivery Authority
Entwurf: magma architecture, Berlin
Fachwerkträger: ES Global Ltd, London
Membranhersteller: Serge Ferrari, F–La Tour-du-Pin
Membrankonfektion: Base structures, GB–Bristol

Wettbewerb: 2010
Bauzeit: April – Dezember 2011

Sitzplätze:  gesamt 3.800
Grundstücksfläche: 14.000 m²
Dimensionen: Finals Range: 105 m x 47 m
25 m Range: 56 m x 22 m + 27 m für das nicht überdachte Spielfeld
10/50 m Range: 107 m x 20 m + 51 m für das nicht überdachte Spielfeld
Gewicht Stahlkonstruktion: gesamt ca. 1.100 t

 

Olympische Schießsportstätte, magma architecture, Foto: J.L.Diehl
Foto: J.L.Diehl

magma architecture wurde 2003 vom Architekten Martin Ostermann und der Ausstellungsdesignerin Lena Kleinheinz gegründet. Als einziges ausländisches Architekturbüro ist magma architecture mit der Planung einer Sportstätte für die olympischen und paralympischen Sommerspiele in England 2012 beauftragt.

www.magmaarchitecture.com

Stichworte:

Dieser Artikel ist aus dem Heft:

DETAIL 7+8/2012

Fassaden

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