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Mit Glas in die Kurve gehen: Profilbauglas 2.0

Das Herstellen gebogener Wandelemente aus dem Werkstoff Glas ist traditionell eine ausgesprochen aufwändige Angelegenheit. Verstellbare Vorrichtungen und nicht selten maßgefertigte Biegeschablonen werden benötigt, um plane Glasscheiben mit den gewünschten Biegungen zu versehen. Die Scheiben werden zusammen mit diesen Schablonen in großen Öfen auf rund 600°C erwärmt, bis die gesamte Scheibe plastisch wird und sich allmählich aufgrund der Schwerkraft in die gewünschte Form absenkt. Anschließend muss die Scheibe noch über viele Stunden im Ofen verbleiben, um durch die Biegung entstandene Spannungen abzubauen. Das Endprodukt ist zweifellos attraktiv, allerdings schlägt sich der komplexe und zeitaufwändige Prozess unweigerlich in den Kosten nieder.

Das von Industrie-Designer Holger Jahns vorgestellte Konzept verfolgt einen vollkommen anderen Ansatz. Industriell vorgefertigte Elemente aus Glas weisen standardisierte Kupplungen auf, die das Verbinden einzelner Elemente zu beliebigen Kurven erlaubt, ohne wie bei Biegeglas auf bestimmte Radien festgelegt zu sein. Darüber hinaus sind saubere Eckausbildungen in beliebigen Winkelstellungen möglich – aber auch geradläufige Verbände sind unproblematisch zu realisieren. c--c ist eine Weiterentwicklung des seit Jahrzehnten etablierten Profilbauglases. Das konventionelle Produkt wird als endloser Strang produziert, der gleich nach dem Austritt aus dem Schmelzofen zu einem U-Profil geformt wird. Aufgrund dieser statisch günstigen Querschnittsform wird das Material gern für großformatige Verglasungen, ohne sichtbare Tragstrukturen eingesetzt. Auch lassen sich damit Wände mit moderaten Kurven bauen, bei engeren Kurvenradien werden jedoch die Grenzen des konventionellen Produkts erreicht: Unschöne, sowie bauphysikalisch problematische Keilfugen sind eine zwangsläufige Folge. c--c behält alle positiven Eigenschaften des konventionellen Produkts bei, macht Profilbauglas jedoch uneingeschränkt kurvengängig. Die nunmehr halbkreisförmigen Flanken der Glasprofile fassen ineinander wie Kugel und Pfanne eines Gelenks. Angrenzende Elemente können somit in jeder Richtung mit extremer Verschränkung verwendet werden – ohne Störungen im Rapport.

Material- und Formenvielfalt
Das vorgestellte Prinzip ist in seiner Anwendbarkeit nicht auf den Werkstoff Glas beschränkt, es ließe sich ebenso aus zementbasierenden, keramischen Werkstoffen, aus Holz, Metallen und Kunststoffen umsetzen. Aufgrund der gleichbleibenden Anschluss-Charakteristik könnte man unterschiedliche Werkstoffe im laufenden Rapport beliebig miteinander kombinieren – eine Einladung zum Spiel mit Material, Struktur und Transparenz. Das Anwendungsspektrum des neuartigen Profils lässt sich durch alternative Formen der Austragung nochmals erweitern. Konische und tordierte System-Varianten erlauben die Verglasung komplexer Bauwerksausschnitte mit unterschiedlichem Grundriss an Kopf-und Fußpunkt mit standardisierten, kostengünstigen Gleichteilen.

Einbringung und Einsatzmöglichkeiten
Die einzelnen Elemente des rundkantigen und formstabilen neuen Profilglastyps lassen sich zudem bei der Montage problemlos ohne Verletzungsgefahr durch nur eine Person handhaben. Aufgrund der vergleichsweise schlanken Bauteile bedarf es keiner besonderen Vorkehrungen hinsichtlich Transport und Einbringung in den Baukörper. Kranarbeiten, wie bei gebogenen Ganzglaswänden üblicherweise erforderlich, können entfallen: Vorteilhaft etwa beim Bauen im Bestand. Neben ein-und mehrschaliger Verarbeitung in Fassaden prädestiniert sich das Produktkonzept auch für Ganzglaswände in Innenräumen, sowie für den Einsatz bei temporären Bauten, wie etwa Messeständen.

Das Profilglas c--c befindet sich aktuell im Entwicklungsstadium. Prototypen wurden unter anderem im DETAIL research Lab zur BAU 2015 und anlässlich der Glasstec präsentiert.

Über den Entwickler

Holger Jahns startet seine Laufbahn im Handwerk. Auf die Lehre zum Metallbauer folgte eine Ausbildung zum Möbeltischler, im Anschluss studierte er in Amsterdam Design und absolvierte schließlich eine Meisterklasse für Tischlerei und Raumgestaltung in Graz. Der praktische Zugang prägte den Gestalter – bis heute begreift er seine Entwurfsarbeit als umfassende Auseinandersetzung mit Material und Engineering-Prozessen: Ein gestaltetes Produkt taugt nur etwas, wenn es auch für den Verarbeiter auf der Baustelle gut funktioniert. Beim umweltfreundlichen Werkstoff Glas verblüfft Jahns das verglichen mit anderen Baustoffen schmale Angebot von smarten Halbzeugen für spezifische Problemlösungen. Er nimmt Eigenheiten des Materials als Ansporn. Neben der Tätigkeit im eigenen Büro lehrte Holger Jahns über Jahre an der UdK Berlin und an der Universität Bozen, mit Schwerpunkt auf digitalen Technologien im Design.

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