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Parallel zur Natur – das Museum Insel Hombroich

Das Museum Insel Hombroich fasziniert mich schon seit geraumer Zeit. Diesen Sommer habe ich die Insel sowie ihre Erweiterungen – das Kirkeby-Feld und die ehemalige Nato-Raketenstation in Nordrhein-Westfalen – endlich besucht. Mit dem Museum hat der Düsseldorfer Kunstsammler Karl-Heinrich Müller einen einzigartigen Kunstraum geschaffen, der sich über insgesamt fünfzig Hektar der Stadt Neuss erstreckt und dessen Ausstellungspavillons im Dialog mit der sie umgebenden Natur stehen. Die verschiedenen Komplexe des Kunstmuseums werden von der Stiftung Insel Hombroich als einer der größten deutschen Kulturinitiativen getragen. Präsentation, Produktion und Darbietung verschiedener Kunstformen sind Schwerpunkte, denen sich die Versuchsfelder verpflichten. Ein reicher Nährboden für Bildende Kunst, Architektur, Literatur, Philosophie, Musik und Wissenschaft – parallel zur Natur.

Der verwilderte Park auf der von der Erft umflossenen Insel Hombroich stellt die ideale Umgebung für das offene Konzept des Kunstprojekts dar. Im Jahr 1816 wählte die Industriellenfamilie Weerth das Grundstück zu ihrem Landsitz, ließ Bäume pflanzen und eine klassizistische Villa errichten – das Rosa Haus. Zur Insel wurde der drei Hektar große Landsitz um 1900, indem ein Erftumlauf gegraben wurde. Inspiriert von der Idee Paul Cézannes, Kunst sei »eine Harmonie parallel zur Natur«, und auf der Suche nach einem geeigneten Ort für seine umfassende Kunstsammlung erwarb der Düsseldorfer Sammler und Industrie-Immobilien-Kaufmann Karl-Heinrich Müller Anfang der 1980er Jahre den Landsitz.

Bei dem Umbau der verschiedenen Komplexe wurde Karl-Heinrich Müller unter anderen durch den Landschaftsplaner Bernhard Korte sowie den Künstlern Gotthard Graubner und Erwin Heerich unterstützt. Mit der Restauration des Rosa Hauses und der Nebengebäude entstanden erste Ausstellungsräume sowie Wohn- und Atelierräumen. Bernhard Korte rekultivierte die alte Landschaft, legte seltene Baumbestände und Wasserläufe aus dem 19. Jahrhundert frei und ergänzte die Vegetation mit Neupflanzungen. Nach Entwürfen des Bildhauers Erwin Heerich wurden elf Pavillons errichtet – in der Landschaft verstreute Behältnisse für die permanente Sammlung. Erwin Heerich entwickelte einfache, geometrische Körper aus dem für die Region typischen Backstein: Die Innenwände sind in weiß gehalten, der Boden mit Kalksteinplatten belegt, der obere Raumabschluss wurde meist als Tageslichtdecke aus verzinktem Stahl und geweißtem Glas konstruiert. Das Lichtmilieu ändert sich je nach Tageszeit und die Ausstellungsräume kommen ohne nennenswerte Technik aus. Das Bestreben, die Präsentation der Kunstwerke auf das Wesentliche zu reduzieren, wird konservatorischen Interessen vorangestellt. Das Museum verzichtet konsequent auf Beschriftung, der Besucher soll die Landschaft, ihre Durchwegung, das Gebaute und die Kunstwerke sinnlich erfahren, ohne durch Hinweise abgelenkt zu werden.

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Zwischen zwei Stadtteilen von Neuss, getrennt durch kilometerlanges Ackerland und verbunden durch die Landstraße, steht eine Bushaltestelle. Inmitten dieser scheinbar ortlosen Situation ist sie der einzige Verweis auf die Insel. Ein schlichter geometrischer Bau in Backstein, dessen Ausformulierung mit den begehbaren Skulpturen von Erwin Heerich verwandt ist. Die Nebenstraße führt auf einen von Bäumen umschlossenen Parkplatz. Die Insel betritt man über ein Backsteinhaus, das weiter hinten im Wäldchen steht. Diese unaufgeregte Art des Zugangs ist beispielhaft für die selbstverständliche Angemessenheit, mit der bauliche und gestalterische Eingriffe auf der Insel getätigt wurden.

Zum ersten Objekt führt ein geschotterter Weg durch die renaturierte Auenlandschaft: Ein begehbarer Würfel mit Seitenmaßen von neun Metern, durch Einschnitte an zwei oberen Ecken von außen Skulptur und von innen Plastik. Dieser abstrakte Einraum als Objekt in der Landschaft schärft die Wahrnehmung für den Dialog zwischen Natürlichkeit und Künstlichkeit. Vom Weg aus gebrochenem, gestreuten Stein tritt man durch eine Glastür auf eine quadratische Fläche aus geschnittenem, gelegten Stein. Von oben fällt gefiltertes Tageslicht in den weißen Raum. Vier Glastüren bieten die Durchwegung an und rahmen den Außenraum.

Ein weiteres beeindruckendes Gebäude ist eine von zwei ehemaligen Scheunen. Situiert an der angrenzenden Landwirtschaft ist der alte Holzbau gänzlich von einem Teppich aus Kletterpflanzen und Glyzinien überwachsen. Nur die Giebelseite, an der man den Raum betritt, liegt frei. Das hölzerne Stabwerk blieb erhalten, die Beläge an Boden, Decke und Wand wurden erneuert. Holzbretter kleiden den Raum aus. An der Seite des Weges wurde der Raum asymmetrisch im Raster des Tragwerks geöffnet und verglast. Die zweite, gewachsene Hülle aus Blättern und Gehölz ist blickdicht. Der kontemplative Charakter des Raumes blieb bestehen, das Tageslicht fällt gedämpft und grün schimmernd auf das unbehandelte Holz. Dieser besondere Einraum erinnert an das Haus mit Erdboden, das der japanische Architekt Kazuo Shinohara 1963 als Atelier für einen Schriftsteller gebaut hat. In einem Brief an Shinohara beschrieb dieser sein Atelier als Kirche für Pantheisten.

Obwohl mir einige Publikationen über die Insel Hombroich bekannt waren, hatte ich keine Vorstellung, welchen Reichtum an Stimmungsgehalt diese über Jahrzehnte gepflegte Symbiose von Natur und Kultur bietet. Das Vorhandene und das Gemachte wurden respektvoll miteinander verwoben. Alles Überflüssige wurde entfernt. Ein Versuchsfeld, das in seiner Dimension einzigartig ist – situiert zwischen intensiv übernutzten Feldern und planlos zusammenwachsenden Orten. Geprägt durch den Aufschwung der industriellen Revolution wirkt die Insel wie ein Gegenmodell zur schonungslosen Nutzbarmachung von Ressourcen. Die Reduktion auf das Wesentliche, die Angemessenheit der Eingriffe und das Bekenntnis zum Prozess schaffen einen stimmungsvollen Ort, an dem Mensch und Vegetation nebeneinander existieren dürfen.
»Sie ist kein Muss, sondern ein Darf. Sie ist nicht entweder – oder, sondern sowohl – als auch. Sie fordert jeden zur täglichen Auseinandersetzung mit sich selbst.« (Karl-Heinrich Müller)

Für weitere Informationen zum Museum Insel Hombroich: www.inselhombroich.de

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