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Planen und Bauen zwischen Technologie und Technophobie

Kein Wunder, dass sich bei der stetig wachsenden Komplexität des Bauens und einem steigenden Anteil an Hightech-Architekturen bei einigen Planern eine Art Technophobie herausbildet. Als Konsequenz wächst der Wunsch nach Gebäuden ohne jeglichen Technikeinsatz. »Wir können heute alles bauen. In dieser Vielfalt des machbaren bedarf es aber einer klaren Haltung, mit dem technischen Überfluss umzugehen – diese fehlt mit steigender Komplexität leider«, beschreibt Maria-Elisabeth Endres die derzeitige Situation. Ein Gebäude wie das Engadiner Bauernhaus, das rein aus seiner Funktion heraus gebaut wurde, ist angesichts der Komfortansprüche und energetischen Notwendigkeit zu Einsparungen heute nicht mehr zeitgemäß. Zugleich lassen die wachsenden Anforderungen an Gebäudetechnik und -automation, Effizienz, Nachhaltigkeit und Zertifizierung eine Komplexität entstehen, die sich weder mit den Planungsstrukturen, -prozessen oder -regelwerken verträgt. Nicht umsonst führte im Jahr 2014 der Biennale-Beitrag von Rem Koolhaas den Besuchern die Absurdität technischer Auswüchse vor Augen: eine abgehängte Technikdecke im italienischen Kuppelbau mit all ihren Leitungsführungen und -querschnitten. Die logische Abkehr vom Technikeinsatz, wie es das Architekturbüro Baumschlager Eberle bei dem Bürogebäude 2226, einem Gebäude ohne Heizung, Lüftung und Kühlung, fortführte, sieht Endres als eine mögliche Antwort. Sie ergänzt jedoch: »Es gibt nicht den einen richtigen Weg. Vielmehr sollten wir uns bei jeder Aufgabenstellung fragen, wieviel Technik wir benötigen, wie wir Maß halten und wie wir diese Technik unter Berücksichtigung unterschiedlicher Lebenszyklen integrieren.«

Praxisbeispiele: Haustechniksimulationen in der Entwurfsphase 
Einen Lösungsweg für den Wunsch nach innovativen Gebäuden, die zugleich mit weniger Technik mehr können, ihre Funktionen erfüllen und in denen sich der Nutzer wohl fühlt, sieht Endres in der integralen Planung. Am Beispiel zweier Projekte zeigt sie, wie eine interdisziplinäre Konzeptphase mit Werkzeugen wie Simulationen frühzeitig dazu beitragen Architektur, Tragwerk und Haustechnik zu einem gelungenen Ganzen zusammenzufügen. 

Praxisbeispiel 1: WIKUS Sägenfabrik Spangenberg – Erweiterung und Modernisierung Firmenzentrale: Im ersten gewählten Beispiel von Bieling Architekten, bestehend aus Sanierung und Teilneubau eines Verwaltungsgebäudes, untersuchte das Team des IB Hausladen insbesondere das Zusammenspiel von nötigen Maßnahmen für Kühlung und Aufwand für den Sonnenschutz. Nachdem das Konzept aus Bauteilaktivierung, Doppelboden für Elektroversorung sowie einer Fassadenkonstruktion mit beweglichen Sonnenschutzläden und integrierten Belüftungselementen die Anforderungen an Flexiblität, Funktion und Raumklima erfüllte, stand eine Sondernutzung zur Diskussion. Im Konferenzbereich sollte von der einfachen Nutzung als Besprechungsraum bis zur Messe mit 200 Besuchern alles möglich sein. Gebäudesimulationen in einem frühen Stadium haben gezeigt, dass das Konzept des übrigen Gebäudes auch diesen flexiblen Herausforderungen Stand hält. Spitzenlasten können fast ganzjährig über das einfache Öffnen der Fenster ausgeglichen werden und ein komfortables Raumklima ermöglicht werden. 

Praxisbeispiel 2: Sternbürohäuser München – Sanierung: Im zweiten Projekt von Henn Architekten, der Sanierung einer sternförmigen Bürolandschaft in München aus den 1980er-Jahren, veranschaulicht Endres, welche Komplexität und zugleich Chancen in der frühzeitigen Begleitung der Entwurfplanung stecken. Der Bauherr wünschte ein innovatives, zugleich flexibles und behagliches Gebäude, das mit minimaler Technik den maximalen Erfolg erzielt. Manche Wünsche wie beispielsweise der Erhalt offener Kassettendecken aus Beton führten schnell zur Frage der Nutzung dieser Speichermassen und Lösungsansätzen zur Implementierung von Bauteilaktivierung im Bestand. Eine Gebäudesimulation zum Heiz- und Kühlverhalten zeigte die Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Sanierungsstrategien. Ebenso verfuhren die Planer bei den Lüftungsstrategien, so dass aus den verschiedenen Optionen der perfekte Grad hinsichtlich Kosten und Komfort ausgewählt werden konnte. 

»Die Konsequenzen der Konzepte wurden auf einfache Weise evaluiert«, beschreibt Endres. Und fordert zugleich: »Dieser Vorgang muss dem normalen Planungsprozess vorangestellt sein.« In der gemeinsamen Diskussion können Architekten und Ingenieure im Anschluss abwägen, welcher Technikeinsatz tatsächlich sinnvoll ist.

Integrale Planung jenseits von Disziplinendenken 
»Wir planen heute noch immer konsekutiv«, moniert Endres, »das ist weder zeit- noch technikgemäß. Um die Potenziale beim Technikeinsatz voll auszunutzen, müsse ein Umdenken im Planungsprozess stattfinden, so dass alle Fachplaner ab den ersten Entwürfen einbezogen sind. Dazu gehöre auch, dass Simulationen zum gängigen und kontinuierlich eingesetzten Planungswerkzeug gehören und nicht mehr als besondere Leistung abgerechnet werden müssen oder Teil eines zusätzlichen Workshops sind. 

Weitere Potenziale verbergen sich in der Ausbildung und Lehre. »Ich betrachte mit großer Sorge, was wir in der Architekten- und Ingenieursausbildung tun«, äußert sich Endres. Angestoßen vom Bolognaprozess gibt es heute in Deutschland allein über 70 verschiedene Studiengänge, die früher über einen Bauingenieurstudiengang abgebildet wurden. »Angelehnt an die Lehre des Bauhauses sollten die Disziplinen einander wieder verstehen, aber auch wissen, wofür sie stehen«, fordert Endres ein Ende der Zersplitterung. 

Zugleich müssten sich in einem weiteren Schritt aber auch die Betrachtungsebenen, Bezugsgrößen und Regelwerke dahingehend ändern. Nicht immer größer, weiter, effizienter sollte das Ziel des Bauens sein, sondern es solle abgewogen werden, welche Maßnahmen auf lange Sicht sinnvoll sind. »Vielleicht«, resümmiert Endres, »brauchten wir den Umweg über Hightech, um zu Lowtech zurück zu gelangen.«

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