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Sans Souci: Four Faces of Omarska, DETAIL Stipendium

Sans Souci: Four Faces of Omarska

»Sans Souci«, versprach der Titel des Studios zu Beginn des letzten Semesters. Hinter der mehrdeutigen Sorglosigkeit des Titels verbarg sich ein Studio, dass sich thematisch mit Konzentrationslagern im Nachkriegsbosnien der 90er Jahre auseinandersetzt. Keine klassischen Lager, wie man sie aus dem zweiten Weltkrieg in Erinnerung hat, sondern eine neuartige Form von Camps, oft bezeichnet als Flüchtlingslager, verkannt in ihrer Form und Funktion. Im Rahmen des Studios wurden Konzepte dieser Lagerarchitektur hinsichtlich ihrer urbanen und sozialen Einflüsse analysiert, besucht, verglichen, reflektiert und ausgestellt.

Ein wesentlicher Bestandteil des Studios war die Exkursion nach Bosnien & Herzegowina. Gemeinsam fuhren wir zu zwei Schauplätzen des Kriegs die bis heute in Kunst und Architektur weder richtig dokumentiert noch aufgearbeitet sind: Omarska und Trnopolje, zwei Kleinstädte ganz im Norden Bosniens – der so genannten Republika Srpska – gelegen. Die Namensgebung der Region lässt bereits erahnen wie komplex die politischen, geografischen und kulturellen Verflechtungen der Ethnien in dieser Region selbst 16 Jahre nach Kriegsende sind. Man fährt von einem Dorf mit kyrillischer Schrift zum nächsten mit arabischen Schriftzeichen, von bewohnten Halbruinen in der weiten Landschaft zu verdichteten Neubausiedlungen, genauso in österreichischen und deutschen Speckgürteln zu finden.

Omarska beheimatet seit 1985 ein ausgedehntes Minengelände, der Ausgangspunkt unserer Arbeit. Die Gebäude, die zum Abbau von Eisenerz vorgesehen waren, wurden ab 1992 umgenutzt zu einem Gefangenenlager. Mit ArcelorMittal, einem transnationalen Player in der Stahlbranche, kehrt 2004 der Erzabbau zurück. 2007 wird das Terrain zum Drehort für den blutigen Mittelalter Epos Saint Georg Slays the Dragon. Bedeutung und Wichtigkeit von Erinnerung und Erinnerungsarbeit stehen dabei nie zur Diskussion. Der letzte Überrest der Lagerzeit ist ein kleines weißes Haus, das unberührt, wie ein Fremdkörper, neben den großen Hallen steht.

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»Besuch eines Massengrabes in muslimischer Siedlung. Leeres Feld, weißes Denkmal mit Inschrift. Sudbin erzählt. Gefühlsschranke. Die Möglichkeit des Entkommens liegt darin, nicht mehr zuzuhören. Der Blick durch die Kamera schafft Distanz, aber später werden wir durch die Fotos nochmal erleben. Dämmerung. Wir fahren zurück in unsere Bleibe, Kuca Mira, House of Peace. Ankunft und Diskussion im Wohn- und Rauchzimmer. Teilhaben? Drückendes Unwohlsein. Drang zum Alleinsein, Herunterschlucken einer Überwältigung, Kapitulation vor dem Grauen der Vergangenheit. Verschiedene Formen, zu verarbeiten, nicht die Ausgehmeile von Kozarac. Einige brauchen Ruhe.« – Auszug aus der performativen Abschlusspräsentation im HDA Graz.

Aber es geht nicht nur um Architektur. Ein weiterer Aspekt, um den sich viele Gedanken und Diskussionen drehen, ist der Umgang und die Kommunikation des Erlebten. Sowohl unsere eigenen Recherchen und Erfahrungen, als auch die von Zeitzeugen sollen für die abschließende Präsentation aufgearbeitet werden. Wie geht man mit einer solchen Verantwortung um? Kann man objektiv Darstellen was geschehen ist? Muss und darf man das überhaupt? Wie kann man den Kreislauf von Viktimisierung durchbrechen? – um nur einige Fragen zu nennen die in der Gruppe diskutiert wurden.

Schlussendlich haben wir uns für eine subtile Form der Darstellung unserer Eindrücke entschieden. Wenige Videos, Skizzen und Fotos die bruchstückhaft abbilden, erst in ihrer Gesamtheit einen Eindruck entstehen lassen. Anstatt Ergebnisse auszustellen, rückten vielmehr die Werkzeuge unserer Recherche in den Vordergrund. Zur Ausstellungseröffnung gab es eine Performance, mit der wir die Besucher ein Stück mitgenommen haben auf unsere Reise. Durch eine Mischung aus Rezitativen, freien Erklärungen und diskursiven Elementen gewährten wir nicht nur einen Einblick in unser Studio, sondern hatten auch die Möglichkeit, Menschen eine Stimme zu geben, die bis heute nicht gehört werden.

»Memory - How and what people remember - is a strong instrument in days of information overflow, fake news and social media. Memorials are not just a space for intimate reconciliation with the past, but also an important tool for present politics. How do we perceive the world, if there is no place for memory? How do we perceive the world if there is no place to bury the hatred? …if there is no place for processing?« – Auszug aus der performativen Abschlusspräsentation im HDA Graz.

Das Studio setzte sich nicht mit klassischer Architekturproduktion auseinander, sondern vielmehr mit Bedeutungsebene und Wirkung von Architektur. Fernab von atmosphärischem »Architekturporno« wie man ihn aus vielen Entwurfsstudios kennt, ging das Studio den verdrängten, dunklen Seiten von Raum und seiner Tragweite für jeden Einzelnen auf die Spur. Ich kann für das gesamte Studio sprechen, wenn ich das vergangene Semester als eine außergewöhnliche Erfahrung bezeichne. Thematisch natürlich, ob der Schwere des Themas, aber auch besonders wegen der intensiven theoretisch diskursiven Auseinandersetzung.

Die Ausstellung »Sans Souci: Four Faces of Omarska« im Haus der Architektur Graz (HDA) war eine Fortsetzung der Body Luggage Ausstellung von Milica Tomic, die während des Steirischen Herbstes 2016 im Kunsthaus Graz gezeigt wurde. Im Rahmen des Studioformats, wurde Recherche und Forschung im Prozess von Reflektion und Erkenntnis gezeigt. Eine offene Plattform des Vermittelns, Verstehens und Fragens wurde geschaffen, um dem lange verdrängten und verschwiegenen Thema einen Raum für Aufarbeitung zu geben.

Weitere Infos & Texte die im Rahmen des Studios entstanden sind gibt es hier. Ein großes Danke an das gesamte Studio Team, insbesondere an Milica Tomic und das Institut für Zeitgenössische Kunst der TU Graz, wie an alle anderen Betreuer und Beteiligten.

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