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Top of Tirol: Neue Wildspitzbahn

Text und Fotos: Frank Kaltenbach

Architektonisch gestaltete Aussichtsplattformen liegen im Trend, nicht zuletzt sollen sie den Umsatz der Bergbahnen ankurbeln. Mit der neuen Wildspitzbahn wurde die Höhenmarke des begehrten Titels »Top of Tirol« mit 3440 m auf Rekordhöhe getrieben. Den Architekten von Baumschlager Hutter Partners ging es bei dem Projekt aber nicht um Superlative. Das höchste Café Europas duckt sich zurückhaltend wie eine Schneewächte zwischen Fels und Eis und hat gerade deshalb das Potenzial zu einer neuen Architekturikone.

Architekten: Baumschlager Hutter Partners, Dornbirn
Ort: St. Leonhard im Pitztal, Tirol, Österreich

wildspitzbahn Baumschlager Hutter Partners

Was aber zeichnet eigentlich eine zeitgemäße Architekturikone aus? Gibt es erfolgreiche und weniger erfolgreiche solcher Schlüsselbauten? Um diese Themen zu diskutieren luden der Brixener Fassadenbauer Frener & Reifer und münchenarchitektur.de am 1. März 2013 die weiteren Projektbeteiligten und eine Expertenrunde zum »Think Tank Iconic Architecture« auf 3440 m ein.

wildspitzbahn Baumschlager Hutter Partners

Der Aufenthalt in Höhen über 3000 m war bisher nur Alpinisten vorbehalten. Hier oben wird die Luft merklich dünn, bei der kleinsten Anstrengung rast der Puls und oft ist die Gipfelrast mit dem überwältigenden Ausblick wegen der beißenden Kälte, messerscharfem Wind, drohender Nebel und der Notwendigkeit, noch vor Einbruch der Dunkelheit im sicheren Tal zu sein, kurz. Eine »Demokratisierung« der Alpen wollte der Initiator der neuen Wildspitzbahn Franz Rubatscher, einer der Geschäftsführer der Pitztaler Gletscherbahnen. »Indem wir dort, wo die alte Bergstation war, ein attraktives Café geschaffen haben, haben wir diesen extremen Standort auch für ältere, ganz junge und körperlich eingeschränkte Menschen zugänglich gemacht.«

Der Name »Wildspitzbahn« ist irreführend, denn die Bahn führt nicht etwas auf den mit 3770 m tatsächlich höchsten Punkt Tirols, sondern lediglich auf den Hinteren Brunnenkogel. Dafür bietet die Bergstation einen der atemberaubendsten Rundblicke der Ostalpen von der Zugspitze im Norden, Ötztal und Stubai im Osten, Ortler im Süden, und Arlberg im Westen. Die gesamte Szenografie ist aber auf einen Hauptdarsteller fokussiert: Den Doppelgipfel der Wildspitze mit seiner zunehmend ausapernden Nordwand den weiten Schwüngen des vom Gipfel abbrechenden Taschachferners und das mit bloßem Auge kaum wahrnehmbare Gipfelkreuz.

wildspitzbahn Baumschlager Hutter Partners

Der Kontrast aus daunenweichem Pulverschnee, messerscharfen Felsgraten und haushohen Eisbrüchen beherrscht jenseits der planierten und mit Kunstschnee präparierten Skipisten die Landschaft. Wie soll man in so einer faszinierenden, aber menschenfeindlichen Umgebung bauen? Mit einer High-Tech-Geste die Dominanz des Menschen über die Natur demonstrieren oder sich demütig den Gewalten der Elemente unterordnen?

Foto: Michael Walser, Bergführerbüro Pitztal

Der Bau von neuen Bergbahnen wird zwiespältig diskutiert: Naturschützer und Alpinisten wehren sich dagegen, weil damit auch die letzten Rückzugsgebiete einfach zugänglich werden. Der Gipfel der Wildspitze ist für Tourengeher mit Hilfe der Bahn in nur knapp zweieinhalb Stunden erreichbar, umso seltener sind die Hänge auf der grandiosen Abfahrt über den Taschachferner unverspurt. Ist die architektonische Gestaltung also nur eine Frage des Styling, sollte man nicht grundsätzlicher den Bergbahnbau in Frage stellen? 

Die Wildspitzbahn erschließt jedoch kein neues Territorum, sondern ersetzt eine alte inzwischen abgetragene Anlage. Als Anreiz für die Bergfreunde wurde die Bergstation um ein Cafe erweitert. Entscheidend ist aber sehr wohl die Architektur, denn das etwas abgelegene Pitztal ringt um Kundschaft, muss sich profilieren im Wettstreit der Tiroler Skigebiete und Architektur wird hier zum entscheidenden Marketinginstrument der gesamten Region. 

Und die Architektur von Baumschlager Hutter Partners scheint den Nerv der Zeit getroffen zu haben. Ein einziges starkes Image, das erste Rendering der Architekten von der schneeweißen sanft geschwungenen Gipfesstation vor der grandiosen Berggkulisse eroberte nicht nur Fachzeitschriften, sondern sämtliche Publikumsmedien und begeisterte Architekturliebhaber und Skienthusiasten gleichermaßen.(Detail Bericht zur Eröffnung der Wildspitzbahn von 8. November 2012). Doch wie wurde dieses Rendering in die Realität übersetzt? Hält der Bau, was die Visualisierung versprochen hat? Mit welchen Materialien lassen sich solche freigeformten Flächen bei solch extremer Bewitterung realisieren? Kann man in diesen Höhen, wo es keine Straßen mehr gibt, und unter höchstem Zeitdruck, überhaupt Architektur mit anspruchsvollen Details Bauen?

Die Talstation der Wildspitzbahn liegt am Dreh- und Angelpunkt des Skigebiets der Pitztaler Gletscherbahnen. Sie ersetzt eine bereits bestehende Anlage. Hier kommt die Tunnelbahn aus dem Tal an, von hier stecken sich Schlepplifte und Sesselbahnen wie die Finger einer Hand zu den Gipfeln und Scharten des Pisten- Freeride- und Skitourengebiets. Der silbrige Bau duckt sich flach in die Landschaft und bildet die sanften Kuppen der Umgebung mit seiner Silhouette nach.
Im Gegenlicht glitzert die Hülle wie die Eisfelderfelder im Hintergrund. Als große Willkommensgeste wölbt sich das Dach über die Spiegelfassade und empfängt die vom Tal mit der Tunnelbahn hochgefahrenen Skifahrer. Die Architektursprache kommuniziert: Ab hier beginnt der Gletscher, ab hier herrschen die Kräfte von Wind und Sonne.
Wie das verspiegelte Visier einer Gletscherbrille reflektiert die Fassade die monochrome unveränderliche Landschaft als Hintergrund vor sich bewegenden bunten Farbtupfern der Skifahrer.
Die Hülle besteht aus 3mm starken Stahlblechen, die kaltgebogen an die komplexe Unterkonstruktion angeform sind, oder im Bereich der gerundeten Ecken in einem Spezialverfahren im Werk vorgeformt wurden.

Viel Tageslicht , maximaler Komfort und einen optimalen Blick auf die Berglandschaft kennzeichnen nicht nur die Stationen, sondern auch die Kabinen der Wildspitzbahn. Inspirationsquelle für die Aus-und Einfahrt waren für die Architekten Carlo Baumschlager und Oliver Baldauf die zahlreichen Tunnelöffnungen, die der Autofahrer passieren muss, um überhaupt ins hinterste Pitztal zu gelangen. Innovative Details in den Gondeln: Mehr Raumhöhe als üblich, Sitzheizung mit aufgeprägtem Pitztallogo und Vertiefungen im Boden für die Skier, die man nicht mehr mühsam und riskant in außenliegende Halterungen stecken muss. Das erleichtert Ein- und Ausstieg.

Die »Ikone« ist aber die Bergstation, die wie ein Adlerhorst am Felsen klebt. Von Norden schmiegt sie sich in die sanften Formen des Gletschers ein. Im Westen  verlängert die Silhouette den Schwung der abgehenden Skipiste. 

Im Osten und Süden bricht der Fels jäh ab. Aus Platzmangel mussten die Tragwerksplaner eine beachtliche Auskragung bewältigen. 

Den Blick von Süden hat nur der Alpinist, der den ungesicherten Weg über den Gletscher auf sich nimmt. Und vom Gipfel der Wildspitze schließlich ähnelt der Bau durchs Fernglas betrachtet, einem gelandeten Helikopter. Mit bloßem Auge jedoch ist die Bergstation, die über allem zu drohnen schien, kaum mehr vor dem aus Fels und Eis gescheckten Hintergrund zu erkennen. Von hier oben wird auch der Baukörper klar: Die Röhre der Bergstation, die die Richtung der Streckenführung der Seile verlängert und im Winkel leicht verdreht dazu das runden Aussichtscafe, dessen Ausrichtung in einem leichten Knick dazu zur Wildspitze orientiert ist.

An der Bergstation angekommen könnte die Dramaturgie der Weg- und Blickführung nicht spektakulärer sein: Durch die Glasmembran gerade aus nach Süden und über die Köpfe der Gäste auf der Terrasse hinweg, glitzern die Eisbrüche des entfernten Taschachferners. Der ambitionierte Skifahrer wird sich aber rechts halten und wird von den mattweiß hinterleuchteten gerundeten Glaswänden mit Skihalterungen wie die Kugel eines Flipperautomats zum Startpunkt der Skipiste beschleunigt. Pulver ist an dem für einen Gletscher überraschend steilen Nordhang bis in den frühen Nachmittag garantiert.

Im Cafè überrascht ein Ausbaustandard, der die Ambitionen an eine hochwertige Gastronomie unterstreicht. Boden, Möbel, Geländer, Theke, bis hin zu den Leuchten ist alles von den Architekten selbst entworfen. Langlebigkeit und herausragendes Design bestimmen die Atmospäre bis hin zu Designer-Waschbecken in den Toiletten. Das Entscheidende aber ist: Die Details sind fast unsichtbar, alles ist einem Ziel untergeordnet, der maximale Ausblick auf die Berglandschaft von so gut wie jedem Platz, vor der Theke, hinter der Theke, im Gastraum und auf der windgeschützten Aussichtsterrasse.

Der Bauherr brachte sich bei entscheidenden Fragen der Raumnutzung mit ein: Anstelle eines hohen Luftraums setzte er sich für ein Galeriegeschoss mit separatem »Hinterzimmer« ein, das für kleinere Veranstaltungen  prädestiniert ist. Aufgrund der vollständig transparenten Geländer der Galerie und der Außenterrasse fällt der Blick gerade von hier oben besonders dramatisch auf den Taschachferner. Der Blick wird gebündelt wie bei einem Fernglas.

Niemanden wird auffallen, dass man beim Blick von der Galerie auf den Gletscher durch mehrere Schichten aus Glas blickt so vollkommen ist die Transparenz: Die Glasbrüstung der Galerie, die Wäme- und Sonnenschutzverglasung der Fassade und die ca. 2,40 m hohe Glasmembran der Terrasse als Windschutz. Eisenoxidarmes Weißglas macht's möglich.

Trotz der extremen Windlasten sind die Gebäudeecken komplett verglast, ist die Konstruktion des Stahlbaus aufs Äußerste minimiert, sodass die Übergänge von Innen nach außen fließend werden.

Das Nebenzimmer auf Gelerieniveau eignet sich hervorragend für Projektionen. Hier gibt es nur ein kleines Fenster nach außen und ein Panoramafenster hinein in das Halbdunkel, wo die Gondeln ankommen. Hier stellten beim Think Tank Iconic Architecture am 1. März die Projektbeteiligten die Wildspitzbahn der Expertenrunde vor, im Anschluss drängten aber wieder alle  zur offenen Gallerie, um sich den Wandel des Lichts und der Schatten auf den Gletscherspalten nicht entgehen zu lassen.

»Bei unseren bisherigen Bauten haben wir eher eine kubische Architektursprache gewählt, aber an diesem exponierten Ort hat sich allein schon aus der Topografie, den zwei Elementen der Bergbahn und des Cafés und der bevorzugten Aussichtsrichtung zum Gipfel der Wildspitze die organische Form fast von alleine ergeben.« erläutert Carlo Baumschlager seinen Entwurf .

Unter welchen Bedingungen können auch heute noch Architekturikonen entstehen? Unter der fachkundigen Moderation des Zeichenforschers Gerdum Enders, Professor für Designmarketing in Holzminden diskutierten die Teilnehmer in buchstäblich atemberaubender Höhe, was eine Architekturikone ausmacht und fassten die Ergebnisse skizzenhaft mit Diagrammen zusammen.

Kommunikationsexperte Andreas Filthaut, Fassadenbauer Michael Purzer, Bauherr und initiator Hans Rubatscher, Geschäftsführer Pitztaler Gletscherbahnen
Architekt Carlo Baumschlager
Moderator des Workshops: Zeichenforscher und Markenberater Gerdum Enders
Marketingleiter der Pitztaler Gletscherbahnen
Experte für Corporate Architecture: Amandus Sattler vom Architekturbüro ASW
Ausführende und Planer: Michael Purzer, Frener & Reifer und Carlo Baumschlager
Die Teilnehmer des Think Tank Iconic Architecture. Die röhrenförminge Bergsation der Seilbahn (links im Bild) schiebt sich wie ein beweglicher Arm eines Schalentiers unter das geschwungene Dach des Aussichtscafès, Foto: Frener & Reifer
Architekt Carlo Baumschlager, Architektur- und Designexperte Robert Volhard von Stylepark, Michael Reifer Innovation Management Frener & Reifer, Tragwerksplaner Tomas Weissteiner Geschäftsführer Aste Weissteiner

Weshalb ein so gewagtes Projekt gelingen konnte erklärte Carlo Baumschlager im Einvernehmen mit allen Projektbeteiligten: »Das Geheimnis für den Erfolg der Wildspitzbahn ist jedenfalls das »Handschlag«-Prinzip. Anstelle des üblichen »Aktenkriegs« über Rechtsanwälte suchten alle Beteiligten zeitnah Lösungen vor Ort und zogen mit überdurchschnittlichem Engagement an einem Strang«.

Windschutz und maximale Transparenz beim Blick von der Terrasse auf den Gletscher und durch das gesamte Gebäude hindurch von Westen nach Osten
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Dieser Artikel ist aus dem Heft:

DETAIL 7+8/2013

Bauen mit Stahl

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