Recycling

Prototyp für die Kreislaufwirtschaft

Die Automobilwirtschaft befindet sich im Abschwung. Doch eine ihrer wichtigsten Errungenschaften – die hohe Recyclingquote – lebt im „Cellophane House“ von KieranTimberlake Architects aus Philadelphia fort. Das Gebäude ist so konstruiert, dass seine Komponenten nach Ende ihrer Lebenszeit weitestgehend wieder verwertbar sind. Möglich wurde diese Qualität durch die weitestgehende Standardisierung aller Komponenten.


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KieranTimberlake Architects

Industrielle Vorfertigung spielte in der US-amerikanischen Bauindustrie schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine wichtige Rolle. Und fast alle Pioniere der amerikanischen Architektur des 20. Jahrhunderts – allen voran Richard Buckminster Fuller – haben sich während ihrer Laufbahn mit Möglichkeiten des industriellen Bauens befasst. Das Museum of Modern Art in New York konnte also aus einem reichen historischen Fundus schöpfen, als es im Herbst 2008 die Ausstellung „Home Delivery: Fabricating the Modern Dwelling“ ausrichtete. Ergänzend zu dem historischen Rückblick wurden auf dem Freigelände des Museums fünf Prototypen für Fertigbauten des 21. Jahrhunders realisiert. Einer von ihnen war das „Cellophane“ House von KieranTimberlake Architects aus Philadelphia.


Das Gebäude interpretiert die Forderung, zeitgemäße Möglichkeiten industriellen Bauens auszuloten, auf radikal ökologische Art. KieranTimberlake erläutern ihre Haltung folgendermaßen: „Ein Gebäude ist im Grunde nichts anderes als ein Gefüge von Materialien, die eine Umgrenzung bilden. Diese Materialien stammen aus einer bestimmten Quelle, werden eine Zeitlang durch Konstruktionstechniken zusammengehalten und gehen irgendwann in der Zukunft in einen anderen Zustand über. Wir betrachten Gebäude gewöhnlich als etwas Dauerhaftes. Doch diese sind im Grunde nur ein Ruhezustand für Materialien, ein vorübergehendes Gleichgewicht, das vorherbestimmt ist, durch die Kräfte der Entropie aus der Balance gebracht zu werden.“

Auch das Cellophane House stellt keinen Anspruch auf Dauerhaftigkeit: Alle Fügungen halten so lange zusammen, wie es der Besitzer wünscht, und können hinterher wieder voneinander getrennt werden. „Materialehrlichkeit“ bedeutet hier vor allem den Verzicht auf Kompositmaterialien und die im Bauwesen allgegenwärtigen Verklebungen.

Architektonischer Ausdruck und Raumformen folgen den Gesetzen der vorgefertigen Konstruktion, deren Basis ein verschraubter (und eben nicht verschweißter) Aluminiumrahmen bildet. Wände, Geschossböden und -decken, Treppen, Fassadenteile und Sanitärinstallationen lassen sich jederzeit entfernen, wenn sie an ihrem Lebensende angelangt sind oder die Bewohner ihren Austausch wünschen.

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KieranTimberlake Architects

Darüber hinaus nutzt das Gebäude ein Maximum an Sonnenenergie. Die Fassaden bestehen aus „SmartWrap“, einer mit Photovoltaik bestückten, mehrlagigen Folienkonstruktion, die Strom an eine Batterie liefert und laut KieranTimberlake einen geringeren U-Wert besitzt als jedes Fensterglas. Die übrigen Materialien für die Raumoberflächen können je nach Vorlieben und Geldbeutel frei gewählt werden.

Jedes „Cellophane House“ entsteht in einem durchgängig computergestützten Entwurfs- und Herstellungsprozess. Auf diese Weise wollen KieranTimberlake gewährleisten, dass alle Komponenten des Gebäudes gleichzeitig und an beliebigen Orten hergestellt werden können, ohne dass ein Gewerk auf die Arbeitsergebnisse des anderen warten müsste. Das virtuelle Gebäudemodell ist dabei die einzige Datenquelle für Detailkonstruktionen, Terminplanung, Teilelisten und Fabrikationszeichnungen. Da für Herstellung und Zusammenbau keine Spezialwerkzeuge erforderlich sind, kann potenziell eine große Zahl an Betrieben am Bau der Häuser partizipieren.

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KieranTimberlake Architects

Nach Ende seiner Lebenszeit verschwindet das Cellophane House ebenso schnell, wie es entstanden ist. Alle Innenwände sind lediglich über leicht lösbare Klemmverbindungen an der Rahmenkonstruktion befestigt. KieranTimberlake planen die bevorzugte Verwendung von Glas, Kunststoffen und Aluminium, für die bereits industrielle Recyclingverfahren etabliert sind.

Im Grunde, so KieranTimberlake, bedeutet das „Cellophane House“ die Übernahme der Konstruktionsprinzipien aus der Automobilindustrie ins Bauwesen. In Europa hergestellte Autos müssen schon seit Jahren zu mindestens 95 Prozent rezykliert werden. Erreichbar ist diese Marke nur, weil alle Teile standardisiert sind und jeweils zu Tausenden hergestellt werden – und weil die Präzision der Herstellungsverfahren einen weitgehenden Verzicht auf nicht lösbare Verbindungen möglich macht.


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Übersicht der Dossiers zum Thema "Recycling"Teil 2: Cradle to Cradle: Eine Idee und ihre Umsetzung Teil 3: Produkte für die Kreislaufwirtschaft: Erste Erfahrungen aus der Praxis  Teil 4: Wasserrecycling: Wo Graues wieder weiß wirdTeil 5: Ein Neubau mit Vorgeschichte: Villa Welpeloo in EnschedeTeil 6: „Zyklisches Denken wird noch viel zu wenig praktiziert“Teil 7: Ausgezeichnete NachhaltigkeitTeil 8: Bauschutt als Rohstoff – Recycling von BaustoffenTeil 9: Neues Haus aus altem Stein - RecyclingbetonTeil 10: Superökologisch - KunstholzTeil 11: Altglas – wertvoller RohstoffTeil 12: Symbiose aus Pflanze und Mensch: Villa Flora in VenloTeil 13: „Der Mensch wird kreativ wenn er muss.“ – Altreifen Design von Millegomme


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Detail, 10.02.2012