Architektur seit der Wende

Kuppel über dem Dresdner Schlosshof (2009)

Folge 20

Architekten: Peter Kulka Architektur Dresden

Drei Jahre Planung, ein Jahr Bauzeit und Kosten von sieben Millionen Euro: Die Stabgitterkuppel über dem kleinen Schlosshof des Dresdner Residenzschlosses war eine Herausforderung für Architekten und Ingenieure. Mit dem neuen Dach hat der Architekt und gebürtige Dresdner Peter Kulka in diesem Kontext ein individuelles Erkennungszeichen inmitten der ebenfalls von seinem Büro umgebauten kriegszerstörten Gemäuer hinterlassen. An Entwurf und Ausführung war auch Kulkas Büropartner Philipp Stamborski maßgeblich beteiligt. Unter der sanften Wölbung aus transparenten, eingespannten ETFE-Kissen haben die Staatlichen Kunstsammlungen im kleinen Schlosshof einen zentralen Kassenraum und Besucherempfang bekommen, den sie für ihr zunehmend komplexes Museumsquartier dringend benötigten. Blickt man nach oben, bemerkt man die Ringkonstruktion, die mit dunkelgrauen Aluminiumplatten verschalt ist. Kulka möchte dieses Element gerne als eine Art Kuppeltambour verstanden wissen, doch die drückende Schwere dieses Motivs ist nicht zu leugnen.

Es kaschiert eben jene neuralgische Schnittstelle, an der die Lasten und Kräfte des Gewölbes auf die Bausubstanz abgeleitet werden. Diese stammt aus verschiedenen Jahrhunderten und kennt nur geometrische Unregelmäßigkeiten. Sie ist auch der Grund dafür, warum die Alternative eines Glasdachs auf halber Höhe lange erörtert, schließlich aber verworfen wurde: weil Stabilität, Verankerung und Entwässerung nicht zu erreichen waren. Das Paradox an der gefundenen Lösung ist, dass das Gewölbe am schwächsten Glied anzusetzen scheint, nämlich dem Dachfirst. Die Neigung des Aluminiumblechs aber deutet an, was sich dahinter abspielt. Das rautenförmige Stabgitter der Kuppel leitet dort seine Lasten auf eine verborgene Konstruktion aus Stahlträgern runden Querschnitts ab – in die historischen Mauern, aber auch die neuen Decken aus Stahlbeton. Das geschieht über Festpunkte, aber auch über Feder- und Pendellager, die den Winddruck und die Temperaturdehnungen ausgleichen.

Das sichtbare Stabgitter wiederum ist gänzlich aus digitalen Modellen konstruiert. Der windschiefe Grundriss erzwingt Torsionen und somit den separaten Entwurf jeder einzelnen Raute. Kreuzbleche kaschieren den Versatz an den Knotenpunkten und machen das Geflecht biegesteif. Das Stahltragwerk selbst besteht aus Röhren, durch die Luft in die Membrankissen gepumpt wird, um der Kondensation entgegenzuwirken. Darüber liegt jeweils eine zweite, zum Himmel offene Röhre, die das Regenwasser in die am Rand umlaufende Rinne leitet. Diese Röhren sind nicht nur aufwändig isoliert, sondern bergen auch die Druckprofile für die Kunststoffmembranen. All das braucht man freilich nicht zu wissen, um die Wirkung des neuen Dachs zu verstehen: Es schafft ein Raumerlebnis von erhabener Würde, das die Dresdner Geschichte in ein heutiges Licht taucht.


Kuppel Schlosshof Dresden, Kulka
Schnitt

Kuppel Schlosshof Dresden, Kulka
Aufsicht

Kuppel Schlosshof Dresden, Kulka

Kuppel Schlosshof Dresden, Kulka

Kuppel Schlosshof Dresden, Kulka

Kuppel Schlosshof Dresden, Kulka

Kuppel Schlosshof Dresden, Kulka
Fotos:
Jürgen Lösel, Dresden
Jörg Schöner, Dresden


Günter Kowa

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Detail, 10.02.2012