Rezensionen
Max Bill: Das absolute Augenmaß [16.10.2009]
Max Bill schreibt 1947 in der Einleitung des Katalogs zur Ausstellung
Zürcher konkrete Kunst:
»Das Ziel der
Konkreten Kunst ist es, Gegenstände für den geistigen Gebrauch zu
entwickeln, ähnlich wie der Mensch sich Gegenstände schafft für den
materiellen Gebrauch. (...) Konkrete Kunst ist in ihrer letzten
Konsequenz der reine Ausdruck von harmonischem Maß und Gesetz. Sie
ordnet Systeme und gibt mit künstlerischen Mitteln diesen Ordnungen das
Leben.«
Von
abstrakter Kunst und Konstruktivismus grenzt sich die konkrete Kunst ab
durch wissenschaftliches Denken, Konzentration auf das
Zusammenspiel von Form und Farbe und ihr Interesse an der Erforschung
der Farbe. Der Dokumentarfilm von Erich Schmid gewährt einen sehr persönlichen
Blick hinter die mathematisch-geometrischen Gestaltungsprinzipien Max
Bills.

»horizontal-vertikal-diagonal-rhythmus«, Öl auf Leinwand, Max Bill 1942 (Photo PD)
Ein Schwerpunkt des Films beleuchtet die Etablierung der Designausbildung in Deutschland. Als
Architekt und
Rektor prägte Max Bill im
Rahmen seiner Tätigkeit an der Hochschule für Gestaltung in Ulm zwischen 1951 und 1956 deren Ruf
als international bedeutendes Vorbild sowohl für künftige
Design-Studiengänge als auch für das Berufsbild des Designers. Die HfG
Ulm war einer der ersten Stahlbeton-Skelett-Bauten Deutschlands mit
großzügigen Werkstätten, Studentenwohnheim und Mensa. Der Innenausbau
und auch die Möblierung waren auf den flexiblen Nutzen der Hochschule
ausgelegt.

Inge Scholl (links), Überlebende der ermordeten Geschwister Scholl, Walter Gropius, Erbauer und Direktor des Bauhauses in Dessau und Max Bill bei der Eröffnung der Hochschule für Gestaltung 1955 (Bild PD)
Der Film folgt streng chronologisch Max Bills Lebenslauf.
Aussagekräftiges Archivmaterial und fachkundige Analysen seines
Oeuvres wechseln sich ab mit Erzählungen aus seinem Privatleben, wie es
Bills Witwe Angela Thomas erinnert.
Großer Erfolg und
zahlreiche Rückschläge lagen in Max Bills Leben eng beieinander.
Besonders aus den tragischen Momenten schien Max Bill auch eine
Kraft zu ziehen, die er in kreative Energie umzuwandeln verstand. Am
Bauhaus verlor er bei einem Zusammenstoß mit einem Trapezkünstler die
Hälfte seiner Zähne. Daraufhin entstand das Bild
Siamesische Zwillingsakrobaten. Als ihm 1977 wegen eines Tumors ein Auge entfernt werden musste,
entwarf er schon am Tag nach der Operation im Krankenbett die
Grafikreihe
seven twins. Der Regisseur betont jedoch niemals das dramatische Moment,
sondern wahrt eine sachliche Distanz zum Geschehen und bindet dieses in einen übergeordneten Kontext ein.

Max Bills Typografie gegen den Faschismus
So bleibt dem Betrachter ein Spielraum für Interpretationen gerade
dort, wo sich Zeitläufte und Lebenslinien konfliktreich überlagern. Im Jahr 1968 wurde die Ulmer Hochschule für Gestaltung vom
baden-württembergischen Ministerpräsidenten Hans Filbinger geschlossen.
Seine Worte: »Für den Aufbau von etwas Neuem, bedarf es der
Liquidierung des Alten« riefen Erinnerungen an düstere Zeiten wach.
Filbinger selbst war ehemaliger Nazirichter. Max Bill, der sich Zeit
seines Lebens antifaschistisch engagierte, hat Filbinger für die
Schliessung der Hochschule jedoch nie verantwortlich gemacht.

Max Bills Fiche: über 50 Jahre lang polizeilich beobachtet
Fazit:
Dem Film gelingt es,
komplexe Zusammenhänge auf verständliche Weise darzustellen und die
große thematische Vielfalt im Leben von Max Bill in einen Erzählduktus einzubinden, der, ganz
im Sinne Bills, die Schönheit der Reduktion beschwört.
Ein
Film von Erich Schmid, Schweiz 2008, 85 Min. + Bonusmaterial, DVD,
Farbe, Dolby Digital, PAL, deutsche Originalfassung, Untertitel:
dt./engl./frz., Edition Salzgeber,
ISBN 4040592003313, € 24,99
Peter Popp
Link-URL: http://www.detail.de/artikel_bill-dvd_24649_De.htm