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Zlin - Modellstadt der Moderne [19.11.2009]

Foto: Frank Kaltenbach
Spricht man von Modellstädten der Moderne, denkt jeder an Lucio Costas Brasilia oder Le Corbusiers Chandigarh. Kaum jemand kennt eine kleine Stadt im Hinterland Tschechiens, die beide dieser Hauptstädte vom Reißbrett in punkto Radikalität und Konsequenz in den Schatten stellt: Zlín, die Produktionsstätte der Brüder Bat’a, die hier in den 1920er und 1930er Jahren aus dem nichts Europas größte Schuhproduktion aufbauten und eine Gesellschaft formten, die nur einem Ziel dienen sollte: kompromissloser Effizienz und maximalem Profit.
Die speziell für München vollständig neu gestaltete Ausstellung bietet einen intensiven Einblick in ein Imperium, die Schuhfabrik Bat’a, das zu Beginn des 20. Jahrunderts innerhalb kürzester Zeit aufgebaut wurde und noch heute erfolgreich ist.
Beeinflusst und inspiriert von Henry Ford´s Arbeitsorganisation die durch Arbeitsteilung und Fließbandarbeit eine rationelle Produktion ermöglicht, versuchte Tomás Bat’a dieses System auf die gesamte, im Osten Tschechiens gelegene Stadt Zlín zu übertragen. So hatte man bei der Herstellung der Schuhe stets höchste Produktivität zum Ziel. Bat'a allerdings beabsichtigte, durch radikale Kontrolle über alle Lebensbereiche, eine Gesellschaft zu formen, die ausschließlich dazu beitragen sollte, dem Unternehmen zu noch mehr Ruhm zu verhelfen. Aufbauend auf dem immer gleichen Rastermaß von 6,15 m x 6,15 , das entspricht dem damaligen amerikanischen Industriestandard von 20 x 20 Fuß entstanden nicht nur Bat'a-Fabriken, sondern Bat'a-Verwaltungshochhäuser, Bat'a –Internate oder ein Batà-Hotel. Sport und Film liefern Freizeitbeschäftigungen zur Effizienzsteigerung, eine homogene Gesellschaft entsteht.
Zlín wurde jedoch von den Architekten der Moderne, darunter Le Corbusier, mit großer Begeisterung aufgenommen. Durch die strenge Einteilung der Bereiche Arbeiten, Wohnen, Erholen und Verkehr sah man in Zlín die „funktionale Stadt“ verwirklicht und bezeichnete sie als „leuchtendes Phänomen“, als „Modellstadt der Moderne“.
Le Corbusier, der auf der Suche nach einer „Autorität“ war, die seine Ideen und Konzepte verwirklichen würde, sah in Bat’a einen Auftraggeber und glorifizierte ihn vom kapitalistischen Patriarchen zum Philantrophen. Mit den Bat’a Boutiquen oder dem Pavillon zur Weltausstellung in Paris 1937 lieferte Le Corbusier radikale Entwürfe, die aus ökonomischen Gründen ausnahmslos abgelehnt wurden.
Große soziale und kulturelle Leistungen Bat'as stehen im Schatten von Ausbeutung, Kontrolle und gezielter Homogenisierung der Gesellschaft in der die Bewohner dieser Modellstadt einem fast totalitären Kapitalismus untergeordnet waren.
Das Architekturmuseum liefert in der Ausstellung zunächst Hintergrundinformationen und führt mit historischen Daten zu Bat'a und der Entwicklung Zlíns in die Thematik ein.
Ein großflächiger Geländeplan als Zentrum der Ausstellung zeigt die streng nach Raster konzipierte Stadt.

Foto: Frank Kaltenbach

Foto: Frank Kaltenbach
Diese Werbeplakate entstanden um 1930 und wurden in der werkseigenen Kunstsschule hergestellt.

Foto: Frank Kaltenbach

Foto: Frank Kaltenbach
Im Jahre 1914 erhält die Firma Bat'a einen Großauftrag zur Produktion von Militärstiefeln für das österreichisch-ungarische Heer des 1. Weltkrieges. In den 1930er Jahren lagen die Produktionszahlen bereits bei 200 000 Paar Schuhen pro Tag.

Foto: Frank Kaltenbach

Foto: Frank Kaltenbach
Sandra Reinalter
Link-URL: http://www.detail.de/artikel_zl-n-utopie-moderne_24875_De.htm