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Unbegrenzte Möglichkeiten: Erik Behrens über die 60er-Jahre und die Architektur der Zukunft

Hier Hightech-Bauten in prosperierenden Metropolen und womöglich gar Kolonien auf dem Mars, dort die Weiterentwicklung tradierter Bauformen und Konstruktionen: Erik Behrens von Aecom sagt der Architektur eine vielgestaltige Zukunft voraus. Sein Credo: Der Wandel kommt bestimmt – und womöglich schneller, als wir uns das vorstellen können. 

Was haben uns die 60er-Jahre in der Architektur hinterlassen?
Die 60er waren geprägt von Optimismus und rasantem Fortschritt in Technologie und Gesellschaft. Es war eine Zeit, in der Politik, Popkultur und Technologie kollidierten und eine neue Ära von höchster Kreativität in der Architektur auslöste. Vor allem in England hatte eine Generation von Architekten wie Cedric Price und Archigram das Interesse am „Mainstream Modernism“ verloren, hinterfragte die gängige Architekturpraxis und versuchte sie neu zu definieren. Ihre Projekte atmeten einen sozialliberalen Geist. Die Aneignung von Architektur durch den Nutzer war ein zentrales Thema. Architektur sollte nicht einschränken, sie sollte neue Entfaltungsmöglichkeiten für den Nutzer schaffen. Fasziniert von den Entwicklungen in der Raumfahrt und neuen technischen Möglichkeiten, entwickelten sie eine Architektur von mobilen Städten („Walking Cities“), oder wandelbaren Strukturen in modularer Bauweise, die sich den Gewohnheiten ihrer Benutzer anpassen sollten („Plug-In Cities“). Architekten wie Price und Archigram realisierten selbst kaum Projekte, aber durch ihre Lehrtätigkeit und ihre Publikationen hatten sie einen unglaublichen Einfluss auf die darauffolgenden Architektengenerationen. Sie schufen unter anderem auch die Grundlagen die sogenannte britische High-Tech-Architektur. Viele ihrer Ideen sind heute relevanter als je zuvor und geben uns das Gefühl, dass es unendlich viele Möglichkeiten gibt, die Welt zu verbessern. Wir müssen nur bereit sein, unsere Perspektiven zu wechseln.

Wann sind Sie Detail zum ersten Mal begegnet? Was verbinden Sie mit unserer Zeitschrift?
Zum ersten Mal bin ich Detail im Studium begegnet. Ich hatte das klassische Studenten-Abo und erwartete immer mit Spannung die neueste Ausgabe. Bis heute ist Detail für mich eine wichtige Informationsquelle, weil es die neuesten Architekturprojekte mit Fachwissen analysiert und porträtiert. Meine zweite Begegnung mit Detail war auf einem Wochenmarkt in China, als ich dort Anfang 2002 arbeitete. Zwischen Fisch- und Gemüseständen gab es perfekt gebundene Sammelausgaben der letzten Detail-Ausgaben zu kaufen. Da wurde mir klar, dass Detail bereits internationalen Kultstatus erlangt hatte. Detail ist und bleibt einmalig und hat einen großen Einfluss auf die Wahrnehmung von Architektur im international Umfeld. Damit leistet es auch einen wichtigen Beitrag zur Lehre.

Wo, glauben Sie, steht die Architektur in 60 Jahren? Mit welchen Fragen werden sich Architekten und Architektinnen befassen, welche Gebäude werden sie entwerfen?
Mein Eindruck ist, dass wir als Architekten von unseren eigenen Zukunftsvisionen überholt werden. Diesmal werden es aber die Technologiekonzerne sein, die den Fortschritt vorantreiben.  Die heutigen Vordenker kommen hauptsächlich aus dem IT- und Technologiebereich und haben auch die finanziellen Mittel, sie umzusetzen. Wir Architekten werden lernen müssen, damit umzugehen und uns den neuen Herausforderungen zu stellen, um nicht an Relevanz zu verlieren.

Robotik und künstliche Intelligenz, atemberaubende Transportinnovationen wie Flugautos, Hyperloop-Geschwindigkeitszüge und Multi-Aufzugssysteme werden das urbane Leben nachhaltig verändern, ganz zu schweigen von der geplanten Marskolonisation.

Ich glaube, dass in der Zukunft viele verschiedene Stadtmodelle und Architekturformen koexistieren werden. Dieser Fortschrittsdrang wird sicherlich eine Gegenbewegung hervorrufen, eine Sehnsucht nach dem Ursprünglichen und Traditionellen. Manche unserer Kollegen werden sich auf der Überholspur in die Zukunft befinden und den neuen Bauaufgaben in den Metropolen und Marskolonien widmen. Eine andere Gruppe wird versuchen, lokale und tradierte Architekturformen zu erhalten. Neue Software und Technologielösungen werden uns dabei helfen, futuristische High-Tech- sowie auch traditionelle Low-Tech-Architektur zu perfektionieren.

Die Welt wird sich durch Innovationen wandeln, vielleicht sogar schneller als wir uns das vorstellen können. Ganze Konzerne wurden bereits über Nacht zu virtuellen Unternehmen, wir arbeiten und lernen jetzt mobil, kaufen viele unserer Produkte online und reisen virtuell zu Terminen um die ganze Welt. Auf der anderen Seite schätzen wir unsere unmittelbare Umgebung, schadstofffreie Stadträume und den Gebrauch von elektrischen Fahrzeugen und freuen uns bereits auf die erste Generation von Flugtaxis. Ist das womöglich der Vorgeschmack einer „Broadacre City“ von Frank Lloyd Wright? Die nächsten 60 Jahre werden in jedem Fall spannend sein und uns viele neue Aufgaben stellen.

Erik Behrens ist Design Director bei Aecom London. Seit 2006 arbeitet er dort federführend an Großprojekten im In- und Ausland. Erik Behrens studierte Architektur in Karlsruhe, wo er von 1999 an auch in der Lehre und Praxis tätig war. Fasziniert vom Hochgeschwindigkeits-Urbanismus in Asien, zog es ihn 2002 nach China, um mit Qingyun Ma und Rem Koolhaas zu arbeiten. 2006 kam er nach London zum Buero AECOM, wo er maßgeblich an der Masterplanung der Olympischen Spiele von 2012 beteiligt war und seitdem ein Architekturstudio leitet. Zu seinen Werken zählen unter anderem der Oxygen Park und die Al Wahda Arches in Katar sowie der Umbau des Waterloo International Terminals in London.

Erik Behrens, AECOM, Foto: Nick Eagle Photography
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