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273 Tage Hongkong - Stipendiatin Angelika Hinterbrandner über ihren Aufenthalt in Hongkong

Meine letzten Tage in Hongkong sind nicht angebrochen, sondern schon vorbei. Mein Leben ist einmal mehr in einem 50-Liter Rucksack verstaut. Zurück lasse ich nicht nur überflüssiges Gepäck, sondern viele inspirierende Menschen die mich ein gutes Jahr begleitet haben. Neue Freunde, Lieblingsplätze und eine ganze Reihe fantastischer Erinnerungen sind auch dabei.

In den letzten beiden Wochen bin ich mehr als einmal gefragt worden, wie es denn nun weitergeht und was ich denn mitnehme von meiner Zeit hier. Zuerst möchte ich einen kleinen akademischen Einblick geben. Ich hatte die Chance an zwei spannende Studio Projekten zu arbeiten. Das Projekt aus dem ersten Semester kann man sich in einer kleinen Zusammenfassung hier ansehen. In das aktuelle und abschließende Projekt gebe ich heute einen Einblick.

Kurze Werbepause

Tsi Ni Tang ist eine leerstehende Industriebrache, die in ein Kunst- und Kultur Zentrum der Gegend nahe Guangzhou umgewandelt werden soll. Einige Künstler der Stadt arbeiten bereits in den überwiegend leeren und baufälligen Industrieruinen. Im Rahmen des Studios haben wir für eines der größten Fabrikgebäude einen Entwurfsvorschlag entwickelt.

Mein Entwurf konzentriert sich auf den Balanceakt der Kombination von Alt und Neu. Integration, Neuinterpretation und das Nebeneinanderstellen von starken Positionen. „Ruin-porn meets Bubble“ könnte man es reißerisch nennen. Neben dem explorativen formalen Ansatz des Studios, war für das Konzept die Entwicklung einer realisierbaren Strategie wichtig: Wie kann die gesamte Brache belebt werden? Wie ist es möglich, Kunstinteressierte anzulocken und gleichzeitig einen Platz für die Bewohner der Stadt zu schaffen? – dass waren die Ausgangsfragen, die ich mir stellte.



Das Studio selbst war gegliedert in drei Phasen. In den ersten Wochen haben wir vollkommen frei gearbeitet. Ohne Referenzen wie Bauplatz, Konzept oder Programm wurden Raum, Form, Ästhetik und Material ganz nach eigenem Interesse in unterschiedlichsten Modellen erforscht. Meinen Schwerpunkt legte ich auf das Thema Widerspruch: weich und hart, erstarrt und fließend, Beton oder Textil? Welches Material erzeugt welche Wirkung bei dem Betrachter? Bewegung, Wahrnehmung und Illusion.



In den darauffolgenden Wochen ging es erst fokussiert um die Entwicklung des Konzepts und danach intensiv in die dritte Phase — den Entwurf. Programmierung und Bespielung wurden von allen Studierenden im Studio unterschiedlich gelöst. Von der Kombination Hotel – Ausstellung bis hin zum Künstlerwohnen waren unterschiedlichste Ansätze vertreten.  Ich habe mich dazu entschlossen ein Kunst- und Kulturzentrum zu entwickeln, das der neue Mittelpunkt des „Tsi Ni Tang Art-Villages“ werden kann. Der offene Grundriss im Erdgeschoss lädt Besucher ein, sich mit aktuellen Ausstellungen der örtlichen Künstler zu beschäftigen, sich selbst zu beteiligen oder einfach nur das Gebäude zu erkunden. Ergänzt durch eine Theaterimplikation, die durch die Form mit dem Bestand bricht und so zum eigenständigen Objekt im rigiden Raster wird. Die Blase ist Hülle für eine neue räumliche Erfahrung, abgekoppelt von der Attraktivität des Bestandes auf sich selbst konzentriert. Eine neue Raumerfahrung entstehen durch die „poche spaces“ — die Zwischenräume, die als Entré zum Theater dienen oder beim Betreten der Blase über das Obergeschoss des Bestandes dramatisch über Brücken inszeniert sind.

Off the record | Wie war das studio?


Das Studio war ein sogenanntes digitales Studio. Wir haben uns neben Konzept und Entwurf verstärkt mit digitaler Fabrikation und rapid prototyping auseinandergesetzt. Für den Modellbau in der ersten Phase waren neben klassisch analogen Herangehensweisen bald 3D Drucker und CNC Fräsen im Einsatz. Es wurde betoniert, geschnitzt, vakuum-geformt, gefräst und geätzt. Zwischen Phase zwei und drei hatten wir außerdem die Möglichkeit eine Woche lang mit zwei Robotern zu arbeiten; Die digitalisierten Modelle zu programmieren und in größerem Maßstab herzustellen.



Das Studio an der cuhk ist grundsätzlich sehr intensiv. Montags und donnerstags verbringt man den ganzen Tag im Studio für die Korrektur mit dem Tutor. Was es einerseits möglich macht intensiv zu arbeiten und voranzukommen, auf der anderen Seite hatte ich manchmal das Gefühl es fehlt mir die Zeit fürs einfach mal „liegen lassen“ und nachdenken. Großartig war aber die Bandbreite, die wir im Studio abgedeckt haben. Wir hatten unglaubliche Freiheiten bei der formalen Entwicklung über den Einstieg mit explorativem Modellbau und bekamen viel hilfreiche Kommentare während mehrerer Zwischenkritiken in der Konzept Phase. Obwohl ich mich selbst eher als Box-affin —ja, ich mag ortho, rechte Winkel und klare Linien — in meiner Architektursprache definieren würde, war die andere Herangehensweise eine absolute Bereicherung, vielleicht sogar eine Befreiung für mich. Auch, oder gerade weil, es ein Kampf bis zum Schluss war, die Form auf eine mich zufriedenstellende Weise mit dem Bestand zu verflechten, bin ich sehr froh über den neuen Einfluss und bin gespannt, wie das losgelöste Entwerfen mein letztes Studio in Graz beeinflussen wird.
Neben dem intensiven Studio standen dieses Semester auch viele Spaziergänge auf dem Plan. In einem der Wahlfächer galt es Hongkong zu erleben und sogenannte „Spacial Fragments“ zu sammeln. Diese Bruchstücke haben wir in den letzten Wochen zusammengesetzt zu einer kleinen Hongkong Bibel. Ein Buch mit mehr als 600 Seiten zeigt Hongkong von unterschiedlichsten Perspektiven aus den Augen von 16 Studierenden und bietet somit einen Einblick in alltäglichen Raum, abseits vom gefilterten Hochglanz-Blick, den man als Architekt_In so gerne entwickelt. Von der Schönheit des Alltäglichen bis zur erstaunlichen Überlagerung und Klugheit unterschiedlichster Nutzungen die einfach passieren, dokumentiert das Buch 144 Conditions gesammelt in ganz Hongkong.

Aber wie geht es denn nun weiter? Nachdem ich meine einleitende Frage elegant nicht beantwortet habe, komme ich nun darauf zurück: Ich fliege mit meinem Studio nach Zürich, wo wir unsere Projekte zum Semesterschluss an der ETH Zürich vorstellen und mit den Studierenden, die das gleiche Thema bearbeitet haben, unsere Entwürfe diskutieren werden. Dann geht es zur Biennale Eröffnung nach Venedig, und gleich darauf zu den Architekturtagen nach Graz. Es steht also eine ganze Menge auf dem Programm.  
Was ich wirklich mitnehme aus diesem spannenden Jahr ist weit mehr als ich es gerade in Worte fassen kann. Mein Rückflug wird Übergang, Reflektion und dem Nachdenken darüber gewidmet sein. Ich hatte in jedem Fall eine großartige Zeit, die ich nicht missen möchte. Auch hier noch einmal ein großes Danke, an alle die mich dieses Jahr in Hong Kong begleitet haben und meine Zeit hier eine so wunderbare haben werden lassen!

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