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Immer mehr Menschen ziehen auf der Suche nach Bildung und Arbeit aus ländlich geprägten Regionen in die boomenden Metropolen. Doch welche Folgen für die oftmals strukturschwachen Herkunftsgebiete hat ihre Abwanderung, wie korrespondieren Wachstums- und Schrumpfungsregionen und wie lässt sich die wachsende Kluft zwischen Zentren und Peripherien begegnen? Dr. Manfred Kühn, kommissarischer Leiter der Forschungsabteilung „Regenerierung von Städten" am IRS-Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung in Berlin-Erkner, erörtert diese Fragen – nicht ohne ein gesellschaftpolitisches Fazit zu ziehen.

Regionale Polarisierung (Quelle: ILS/IfL) / Wachsende und schrumpfende Klein- und Mittelstädte (Quelle: BBSR)
Regionale Polarisierung (Quelle: ILS/IfL) / Wachsende und schrumpfende Klein- und Mittelstädte (Quelle: BBSR)

 

„Seit etwa 10 Jahren befindet sich Deutschland in einer Art Metropolfieber“, eröffnet Manfred Kühn seinen Vortrag im Rahmen des DETAIL research Forums zur BAU 2015 in München. In dieser Zeit kristallisierten sich elf Wachstumszentren heraus, zu denen Großstädte wie München oder Hamburg, aber auch wirtschaftlich starke Regionen wie das Emsland oder der Schwarzwald zählen. Demgegenüber stehen Dreiviertel der deutschen Gemeinden, deren Wirtschaftskraft und Einwohnerzahlen sinken. Hierzu gehören weite Teile Ostdeutschlands, aber auch ländlich geprägte Gebiete im Westen. Der Erfolg der Metropolen geht einher mit dem Niedergang der Peripherie. „Jede erfolgreiche Wachstumspolitik verschärft großräumige Disparitäten“, zitiert Kühn die Stadtsoziologen Häußermann, Läpple und Siebel. Dabei verläuft die Peripherisierung stets als Prozess: Der Abwanderung folgt die Abkopplung von Innovationsdynamik bzw. Infrastrukturen und mündet in einer Abhängigkeit von Machtzentralen aus Wirtschaft und Politik.

Wanderungssaldo (Quelle: ILS) / Entscheidungs- und Kontrollfunktionen (Quelle: ILS)
Wanderungssaldo (Quelle: ILS) / Entscheidungs- und Kontrollfunktionen (Quelle: ILS)

 

Allein aus Ostdeutschland sind in den letzten 20 Jahren über eine Million Menschen abgewandert. Mit ihrem Wegzug findet zumeist eine selektive Abwanderung junger und qualifizierter Fachkräfte, der „brain drain“, statt. Dies hat nicht nur demographische Folgen, sondern besitzt auch sozioökonomische und politische Dimensionen. Die ohnehin strukturschwache Wirtschaft wird weiter geschädigt, was wiederum die Arbeitslosigkeit erhöht. Während wachsende Immobilienleerstände vom Niedergang der Region künden, kämpfen die Kommunen aufgrund rückläufiger Einnahmen bei zeitgleich steigenden Sozialausgaben mit zunehmend leeren Kassen. Dazu kommen Probleme bei der Daseinsvorsorge. Der Abbau von Infrastrukturen sorgt für eine unzureichende Gesundheitsversorgung sowie Kürzungen im Bildungs- und Kultursektor. Korrespondierend mit dem Bedeutungs- und Funktionsverlust entsteht schnell die Stigmatisierung und eine Abwärtsspirale setzt sich in Gang. Auf der anderen Seite stehen die Metropol- und Großstadtregionen, die von der Peripherisierung profitieren. „Das Wachstum von München wird u.a. aus der Abwanderung aus Dessau und Halle gespeist“, erläutert Kühn. Neben den positiven Einflüssen auf die Wirtschaftskraft bringt der starke Zuzug aber auch Konsequenzen mit sich. Infrastrukturen wie Schulen und Kitas oder Verkehrsnetze für öffentlichen und privaten Nahverkehr müssen geschaffen werden. Auch die Lage auf dem Wohnungsmarkt gestaltet sich in den deutschen Wachstumsregionen zunehmend angespannt.

Beispielregion Pirmasens (Quelle: IRS)
Beispielregion Pirmasens (Quelle: IRS)
Beispielregion Stendal (Quelle: IRS)
Beispielregion Stendal (Quelle: IRS)

 

Die stadtpolitischen Mittel, einer Peripherisierung entgegenzuwirken, finden sich laut Manfred Kühn in fünf Handlungsfeldern. Neben den rein baulichen Aspekten über Städtebau und Architektur hat sich seinen Untersuchungen vor allem die Förderung von Bildung und Wirtschaft, eine intakte Infrastruktur für Verkehr und Kommunikation sowie als die gesicherte Daseinvorsorge als eminent erwiesen. Besonderes Augenmerk sollten die schrumpfenden Regionen auch auf interkommunale Kooperationen richten. Anstatt gegenseitig zu konkurrieren ist auf diese Weise eine gerechte und sinnvolle Verteilung von Schwerpunkten als gemeinsame Strategie mehrerer Kleinstädte oder einer gesamten Region möglich. Allerdings sind die Handlungsspielräume der schrumpfenden und folglich finanziell zumeist schwachen Kommunen sehr beschränkt. Zudem unterliegen sie in vielen Bereichen wie beispielsweise einer drohenden Schließung des Hochschulstandorts den übergeordneten Entscheidungen auf Landes- oder Bundesebene. Die staatliche Ausgleichspolitik beschränkt sich in erster Linie auf den Finanzausgleich von Ländern und Kommunen. Dabei könnten von einer Politik der Dezentralisierung alle profitieren. Anreize zur Ansiedlung in der Peripherie stärken die Wirtschaftskraft und Attraktivität im ländlichen Raum und könnten den Wachstumsdruck der Zentren mit all seinen negativen Folgen entlasten. 

Vortrag im Rahmen des DETAIL research Forums "Building the Future" zur Messe BAU 2015 am Thementag "Globalisierung versus Regionalismus".

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