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Abschied vom Baumhaus? Experimenteller Wohnungsbau in Berlin

Wer heute an einer Podiumsdiskussion mit dem Thema „experimenteller Wohnungsbau“ teilnimmt, muss damit rechnen, dass es nicht nur um Architektur geht, sondern vor allem um die ökonomischen und gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen Wohnungsbau heute in großem Maßstab gedacht und gemacht wird. So war es auch bei der Veranstaltung am vergangenen Dienstag in der Reihe „Stadt Wert schätzen“ auf dem Tempelhofer Feld in Berlin. Zu der von der Plattform „Zukunftsgeräusche“ und dem Netzwerk „Architekten für Architekten“ AfA initiierten Diskussion waren neben Architekten und Stadtplanern auch Vertreter der Wohnungsbaugesellschaften geladen.

Die "Plattenvereinigung" auf dem Tempelhofer Feld, Foto: Cordula Vielhauer

Hintergrund der Diskussion sind die Pläne des Berliner Senats, nach jahrelangem Stillstand im Bereich des öffentlich geförderten Wohnungsbaus nun 6.000 neue Wohnungen jährlich bauen zu wollen. Die für Architekten und alle an Stadtentwicklung interessierten Berliner irritierendste Nachricht dieses Sommers war jedoch, dass die in diesem Zusammenhang geplante dritte Internationale Bauausstellung IBA 2020 in Berlin nun ausfällt. Als Auslöser gilt unter anderem ein vom Berliner SPD-Chef Jan Stöß im Frühjahr 2013 in die Diskussion eingebrachter Vorstoß, eine IBA für die "historische Mitte" Berlins zu veranstalten. Damit war er Bausenator Michael Müller und Senatsbaudirektorin Regula Lüscher in die Parade gefahren, die seit mehreren Jahren eine IBA 2020 vorbereiten, die sich der städtebaulichen Entwicklung peripherer oder als peripher empfundener Stadtgebiete annehmen wollte, gerade um einen Ausgleich zum enormen Druck auf die Innenstadt zu schaffen. 

Kein Ort für Baumhäuser: Tempelhofer Feld. Foto: Cordula Vielhauer

Unter dem Titel "Draußenstadt wird Drinnenstadt" sollte es darum gehen, besonders die wenig urbanen „Großstrukturen“ (zweiter Abschnitt der Karl-Marx-Allee, Gropiusstadt, Hansaviertel) oder heterogene "Patchwork-Strukturen" (Lichtenberg) zu lebendigen Quartieren zu entwickeln. Auch "ausgedienten XXL-Bauten" wie dem Flughafengebäude Tempelhof oder der ehemaligen Stasi-Zentrale in Lichtenberg wollte man sich widmen. Angesichts der hier tatsächlich vorhandenen Probleme ebenso wie brachliegender Potenziale war der – selbstverständlich Stadtmarketing-freundlichere, da auf bekannte Bilder setzende – Vorstoß von Stöß tatsächlich ein Rückschritt. Insgesamt entstand so viel Verwirrung, dass letztlich das Budget von 50-60 Millionen Euro, das die IBA gekostet hätte, komplett aus dem Haushalt gestrichen wurde.

IBA-2020-Illustration zu Großstrukturen, Bild: Senatsverwaltung für Stadtentwicklung / Th. Rustemeyer

Das ist ungefähr genau so ernüchternd wie die ökonomischen Bedingungen des öffentlichen Wohnungsbaus. Und auch wenn alle Podiumsgäste betonten, sich mehr Experimentierfreude zu wünschen, wurden experimentelle gestalterische Ideen doch recht zaghaft vorgetragen. Die Architektin Gudrun Sack (Nägeli Architekten) brachte das Dilemma auf den Punkt: Kreativität im Wohnungsbau beschränke sich heute häufig auf die „Interpretation von Normen“. So sei es schon ein großer architektonischer Erfolg, einen „Bauherrn vom Einbau einer zweiten Wohnungstür“ überzeugen zu können, um die Möglichkeit einer „Schaltbarkeit der Wohnung“ mitzudenken. Immerhin erlaube solch eine „Addition oder Subtraktion von Raum“ die Möglichkeit veränderbarer Nutzungszuweisungen, wie die Umwandlung eines Teils der Wohnung in ein Büro – oder umgekehrt. 

IBA-2020-Szenario zu "Patchwork-Strukturen", Bild: Senatsverwaltung für Stadtentwicklung / Th. Rustemeyer

Doch was sind die Bedingungen, die den sozialen Wohnungsbau heute konditionieren? Laut Podium lassen sie sich vor allem an zwei Zahlen festmachen: 17 Milliarden Euro ist die erste Zahl. So viel kostet die bundesdeutschen Kommunen jedes Jahr der Wohnunterhalt aller Hartz-IV-Empfänger. 11 Euro die zweite. So hoch ist die Nettokaltmiete pro Quadratmeter eines Neubaus, der nach den hier geltenden Normen errichtet wird – ohne Experimente. Und auf Grund dieser beiden Zahlen wird inzwischen darüber nachgedacht, ob für Hartz-IV-Wohnungsbauten künftig andere Standards gelten sollen, als für „normale“ Wohnungen. Einen „Abschied vom Leitbild der Wohlstandsgesellschaft“ nannte dies Bernd Hunger (GdW - Bundesverband Deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen).

Doch bedeutet das Anerkennen der ökonomischen Zwänge und Bedingungen, die in diesen Zahlen stecken, automatisch auch den Abschied vom experimentellen Entwerfen? Eine Bemerkung von Ingo Malter (Geschäftsführer der Stadt und Land Wohnbauten-Gesellschaft mbH) legte dies nahe: Einerseits schilderte er kreative Experimente der Umsiedlung „gutsituierter Bürger vom Esslinger Stadtrand“ auf den sozial schwachen Neuköllner Rollberg und betonte immer wieder den biografischen Wert der Wohnung jenseits aller ökonomischen Kriterien. Dennoch wollte er es sich nicht verkneifen, für experimentellen Wohnungsbau das Bild des exaltierten Architekten zu beschwören, der „eine vierköpfige Familie in ein Baumhaus“ stecke.

IBA-2020-Szenario zu "XXL-Bauten", Bild: Senatsverwaltung für Stadtentwicklung / Th. Rustemeyer
IBA-2020-Szenario zur "Peripherie", Bild: Senatsverwaltung für Stadtentwicklung / Th. Rustemeyer

Es gibt in Berlin ein Bild, das sowohl den Abschied vom „Experiment Wohnungsbau“ als auch vom „Leitbild der Wohlstandsgesellschaft“ illustriert: der Abriss der IBA-Bauten von O.M. Ungers am Lützowplatz in Berlin-Tiergarten im Februar 2013. Dieses durchgrünte Stadtvillen-Ensemble war ja nicht nur ein subversiv gesetzter Baustein von Ungers’ Idee eines „Grünen Archipels“ innerhalb Berlins (entwickelt u.a. mit Rem Koolhaas), mit dem Ungers ein Gegenbild zur Rekonstruktion des historischen Stadtkörpers entworfen hatte. Es stand mit seinen villenartigen Maisonetten und kleinen Gärten auch paradigmatisch für die IBA-Idee, sozial Schwächeren den Zugang zu einem individuellen, bürgerlichen Wohnen mitten in der Innenstadt zu ermöglichen.

Doch dieses Bild von Bürgerlichkeit hat sich eben gewandelt. Kann die vierköpfige Familie heute noch das durchgängige Leitbild des bundesdeutschen Wohnungsbaus sein? Ist sie dafür nicht viel zu selten geworden? Selbst bei stabilen Familienverhältnissen umfasst der gemeinsame "Wohnzeitraum" solch einer Konstellation nur ungefähr zwanzig Jahre. Warum sollte es nicht möglich sein, mit der Architektur die Dynamik biografischer Veränderungen nachvollziehbar zu machen – ohne ständigen Wohnungswechsel, aber tatsächlich zum Beispiel mit einer zweiten Wohnungstür? Dafür sind experimentelle Architektur und experimenteller Städtebau kein Zusatz, den man sich „leisten können muss“, nachdem man alle bürokratischen Normen und ökonomischen Bedingungen erfüllt hat.

Berlin kann es sich vielmehr nicht leisten, an überkommenen Leitbildern kleben zu bleiben – seien es nun soziale wie die Kleinfamilie oder städtebauliche wie die "historische / europäische Stadt". Damit plant man an der gesellschaftlichen Realität und am Leben in der Großstadt vorbei. In einer Metropole des 21. Jahrhunderts kann es kaum darum gehen, Bühnenbilder zu entwerfen, in denen ein paar handverlesene Berliner "Die glückliche Kleinfamilie vor historisierender Fassade" spielen. In den sanierten Gründerzeitvierteln Berlins gibt es genug authentische historische Substanz, hier kommen alle Lebensentwürfe vor: Groß-, Klein- und Patchworkfamilien, Paare, Singles, Wohngemeinschaften... Geht es also darum, mit experimenteller Architektur den "Zeitgeist abzubilden"? Darauf konnte sich zumindest das Podium der Diskussionsveranstaltung einigen. Oder könnte es jenseits ästhetischer Vorlieben darum gehen, auf ganz unterschiedlichen Maßstabsebenen Strukturen und Räume zu entwickeln, die der Dynamik zeitgenössischer Lebensläufe ebenso gerecht werden, wie sie einseitige städtebauliche Dynamiken auffangen und ausgleichen?

Der ursprünglich als IBA-2020-Wettbewerb gedachte, nun mit dem Titel Urban-Living ausgeschriebene Städte- und Wohnungsbau-Wettbewerb der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, wird bestimmt spannende Antworten auf diese Fragen finden. Dies lässt zumindest die Zusammensetzung der Fachjury vermuten: Jean-Philippe Vassal (Paris/Berlin), Francine Houben (Delft), Ingrid Spengler (Hamburg), Muck Petzet (München), Arno Brandlhuber (Berlin). Interessant ist dabei auch die Art des Verfahrens: Es handelt sich nicht um eine klassische Konkurrenz mit Preisgeldern, sondern um ein Workshopverfahren mit festem Bearbeitungshonorar.

(Cordula Vielhauer)

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