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Ansteigende Volumen: Musikschule von Carlos Arroyo

Die kleine Stadt Dilbeek westlich von Brüssel hat kulturell weiter aufgerüstet: In unmittelbarer Nachbarschaft zum bereits seit über 40 Jahren bestehenden Kulturzentrum "Westrand" mit seinen diversen Einrichtungen wie Theater, Ausstellungs- und Tagungsräumen, sowie öffentlicher Bibliothek, errichtete das spanische Büro Carlos Arroyo Arquitectos ein formal eigenwilliges Gebäude für die "Academie voor Musiek, Woord and Dans (MWD)". Neben Musikunterricht werden hier auch Kurse für Tanz und Schauspiel angeboten. Ein großer Theatersaal ermöglicht freie Produktionen. Die vertikal strukturierte Außenhülle initiiert einen farbenfrohen Dialog mit der heterogenen Umgebung. Der nachfolgende Film belegt dies eindrucksvoll.

Architektur:
Carlos Arroyo Arquitectos, Madrid
Standort: Kamerijklaan 50, B-1700 Dilbeek

Das neue Gebäude befindet sich im Zentrum der Stadt Dilbeek inmitten einer städtebaulich heterogenen Nachbarschaft: Im Süden befindet sich der Hauptplatz mit dem Rathaus, im Westen liegt das von Alfred Hoppenbrouwers entworfene Kulturzentrum "Westrand", entstanden in der Blütezeit des Brutalismus. Nach Norden erstreckt sich der geschützte Naturraum "Wolfsputten" und im Osten schließlich befinden sich in direkter Nachbarschaft eine ganze Reihe kleinmaßstäblicher Villen umgeben von grünen Gärten. Zwischen den unterschiedlichen Maßstäben zu vermitteln und dabei ein Haus mit eigenständigem Charakter zu entwickeln, das die Umgebung einbezieht, war eine der großen Herausforderungen des Entwurfs.

Das Volumen des neuen Gebäudes soll einen weichen Übergang zwischen der Kleinmaßstäblichkeit der benachbarten Villen und der herausragenden Erscheinung des Kulturzentrum "Westrand" herstellen. Die bewegte Form des Gebäudes spiegelt mit seinen Giebeln entlang der Straßenfront die Häuser auf der anderen Seite der Straße wider.

Nach Südwesten hin entwickelt die Fassade eine mächtige, freitragende Auskragung, die sich dem alten Kulturzentrum zuwendet. Hier befindet sich auch der Hauptzugang ins Gebäude. Die anderen drei Seiten des Gebäudes geben keinerlei Hinweise bezüglich dahinter liegender Funktionen.

Unter dem auskragenden Auditorium befindet sich ein geschützter öffentlicher Raum, von dem aus man durch einen transparent gehaltenen Eingang ins Foyer des Gebäudes gelangt. Von hier aus werden sowohl das darüber liegende öffentliche Auditorium, als auch die intimeren Schulungs- und Übungsräume der Akademie erschlossen.

Die Klassenräume sowie Tanz- und Orchesterräume sind auf beide Geschosse verteilt. Die Fenster im Gebäude sind so angeordnet, dass sie möglichst viel natürliches Licht in die Räume lenken. Alle Innenwände sind in Weiß gehalten, um das Licht reflektieren zu können. Selbst das Auditorium kann theoretisch ausschließlich mit Tageslicht genutzt werden. Lediglich die Linoleumfußböden sind in verschiedenen Farben gehalten, so dass die Wände in unterschiedlichen Farbtönen getaucht erscheinen.

Vertikal angeordnete, senkrecht zur Fassade stehende Lamellen an der südöstlichen Straßenfassade fangen zudem das Licht ein und lenken es in verschiedenen Winkeln weiter in die Innenräume. Diese reflektierenden Lamellen sind Bestandteil einer ausgeklügelten Fassadengestaltung die darauf abzielt, das Volumen des Baukörpers optisch aufzulösen.
Sie sind jeweils geklemmt zwischen eine Reihe farbig lackierter Metallpaneele.

Durch unterschiedliche Farbigkeit und Bedruckung wechselt das Aussehen der Straßenfassade in Abhängigkeit von der Blickrichtung komplett: Bewegt man sich in Richtung der Bäume des angrenzenden Naturparks "Wolfsputten", scheint sich das Gebäude zu entmaterialisieren. Die senkrecht stehenden Lamellen wurden hier mit einem Motiv aus dem angrenzenden Park bedruckt, der sich nun weiter in die Straße fortzusetzen scheint. Dieser Effekt erinnert an eine bedeutende Stilrichtung der bildenden Kunst aus den 1960er Jahren: Die Op-Art erzeugte ebenfalls Flimmereffekte und optische Irritationen mittels geometrischer Farbfiguren und präzise geschnittener Formen.

Geht man entgegengesetzt in Richtung Kulturzentrum, sieht man graue, weiße und blaue Himmelsfarben.

Blickt man jedoch direkt auf die Straßenfassade, sieht man die Farben von Alfons Hoppenbrouwers. Der Architekt des Kulturzentrum "Westrand" war ein Farbexperte. Er beschäftigte sich viel mit Malerei und die Farbgebung der Straßenfassade zur Kamerijklaan basiert auf einem seiner Gemälde. Dieses Gemälde wiederum interpretiert ein Musikstück des flämischen Komponisten Johannes Ockeghem aus dem 15. Jahrhundert. Die Interpretation des „Kanon für 36 Stimmen“ versucht, die gemeinsamen Merkmale der Malerei und der Musik auszuloten – Linienführung, Maßstäbe, Proportionen, Geometrie, Rhythmus, Farbe und Textur.

Die übrigen Fassaden bilden dieselben Rhythmen nach, jedoch mit Metallpaneelen, die unterschiedliche Beschichtungen aufweisen und dadurch das Licht, den Himmel und den Wald in unterschiedlichen Farbtönen widerspiegeln.

Die gewählte kompakte Form des Gebäudes führt zu einem guten Oberfläche-Volumen-Verhältnis. Dadurch reduzieren sich auch mögliche Wärmeverluste. Die dünnen, tragenden Wände bleiben im Inneren sichtbar, sie sorgen für viel Masse im Baukörper, die Wärme speichern kann. Auf der Außenseite sind die Wände durchgehend stark gedämmt. Die Trennwände zwischen den Klassenräumen sind ebenfalls massiv ausgeführt, sowohl wegen der besseren Wärmespeicherung als auch aus Schallschutzgründen.

Die verwendeten Baumaterialien wurden möglichst umweltfreundlich ausgewählt. So besteht zum Beispiel die horizontale Tragkonstruktion aus FSC-zertifiziertem Schichtholz. Die Details der Konstruktion wurden bewusst schlicht gehalten, es gibt keine weitere Oberflächenbehandlung. Als letzte Beschichtung wurde jeweils nur weiße Farbe aufgetragen, so dass die Textur der darunterliegenden Materialien sichtbar bleibt.

Peter Popp

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DETAIL 2013/11

Stichworte:
Dieser Artikel ist aus dem Heft:
DETAIL 11/2013

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