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Antikörper. Arbeiten von Fernando & Humberto Campana

Sofas wie riesige Seesterne aus Plüsch, Sitzlandschaften, bei denen Plastikstühle in ein amöbenhaftes Korbgeflecht eingewoben sind oder Stahlrohrrahmen, die durch ein Gewirr aus Gummischläuchen oder roten Kordeln zu Sesseln werden – die Möbel der Brüder Fernando und Humberto Campana haben längst Kultstatus erreicht. Ihre Werke sind in Galerien und Designshops auf der ganzen Welt zu finden. Aber noch nie zuvor gab es eine so umfangreiche Ausstellung der letzten zwei Jahrzehnte ihres Schaffens, wie sie jetzt seit dem 16.05.2009 - 28.02. 2010 im Vitra Design Museum in Weil am Rhein zu sehen ist.

Fernando & Humberto Campana, Vitra Design Museum
view of the exhibition, Vitra Design Museum 2009, Photo: Thomas Dix

Die Ausstellung fällt zeitlich mit dem zwanzigjährigen Bestehen des Museums zusammen und zeigt dadurch nicht nur die berühmtesten Designer Lateinamerikas, sondern auch einen radikalen Trendwechsel im Designbetrieb. War der klassische Designbegriff meist von Funktionalität, der »guten« Form und kostengünstigen Massenartikeln bestimmt, so bewegen sich immer mehr Stardesigner in Richtung Kunst, die Grenzen der Disziplinen scheinen zu verschwimmen. Von diesen Künstler-Designern, berühren uns die Arbeiten der Brüder Campana vielleicht am meisten. Mit ihrer unvoreingenommenen Herangehensweise, die traditionelle Handwerkstechniken und spontanes Straßenkunsthandwerk ihrer Heimat Sao Paolo mit banal billigen international austauschbaren Massenartikeln zu seltsamen Assemblagen verbindet, treffen sie den Zeitgeist mitten ins Herz.

Fernando & Humberto Campana , Vitra design Museum
view of the exhibition, Fernando & Humberto Campana, Vitra Design Museum, Photo: Frank Kaltenbach

Die Arbeiten selbst erzählen ohne jeden erklärenden Text von Themen wie Recycling, Naturschutz oder sozial verantwortungsvoller Produktion in einem globalen Kontext. Quietschend farbige Putzschwämme werden mit gezacktem Filzstreifen zu kreisförmigen Stuhlbezügen geformt, die abstrakte Muster erzeugen und doch irgendwie an in Heimarbeit gestrickte Untersetzer errinnern. Trivialer Wabenkarton bildet den Rohstoff für Sessel, die im Innern wie Flugzeugflügel durch Querschotten ausgesteift sind und das statische Prinzip der Kartonwabe in einen größeren Maßstab übertragen.

Campana, Frank Kaltenbach
Vitra design Museum 2009 Foto: Frank Kaltenbach

Berührend ist die Liegelandschaft »Kaiman Jacaré«: Sind es Stofftiere, die da mit einander verschlungen auf dem Boden liegen und dazu einladen, sich dazuzulegen, oder handelt es sich tatsächlich um mit Schaumstoff ausgestopfte Krokodilhäute? Wird hier Artenschutz eingefordert oder Luxus zur Schau gestellt? »Favela« heißt bezeichnender Weise auch einer der aus groben Holzlatten zusammengenagelte Sessel in Anspielung an die Elendsviertel in Sao Paolo. Aber wie passt es zusammen, dass die Werke von Fernando und Humberto Campana zwar von einheimischen Handwerkern produziert werden, aber meist nur als limitierte Edition mit wenigen Exemplaren oder gar als »One of Piece« also als Einzelstück, das wie ein Kunstwerk auf einschlägigen Auktionen im Verhältnis zu den Lohnkosten fast obszön hohe Rekordpreise erzielt?
Vielleicht ist es gerade diese Widersprüchlichkeit aus Sozialromantik, echtem Engagement, Geschäftstüchtigkeit und künstlerischem Genie, die die magnetisierende Wirkung der Arbeiten von Fernando und Humberto Campana ausmacht.

Campana
Vitra Design Museum, Foto Thomas Dix
Fernando & Humberto Campana , Vitra Design Museum
view of the exhibition, Vitra Design Museum 2009, Photo: Thomas Dix

Mit ihrer direkten Herangehensweise und ihrem archaischen Materialeinsatz animieren die Campana Brüder zum Selbermachen, zum Ausprobieren und zum Nachdenken über Kunst und Design. Das Vitra Designmuseum von Frank Gehry als der räumliche Rahmen der Ausstellung hat auch nach zwanzig Jahren nichts von seinem Charme und seinen Qualitäten verloren. Es ist bis heute ein gelungenes Beispiel für die Verschmelzung von Kunst und Architektur.

Fernando & Humberto Campana , Vitra Design Museum
view of the exhibition, Vitra Design Museum 2009, Photo: Thomas Dix

Leuchte aus PET-Flaschen

Fernando & Humberto Campana , Vitra Design Museum
Studio Campana, Produktion Multidao Hacker, Estudio Campana, Photo: Estudio Campana
Campana
Produktion Multidao Hacker,Foto: Estudio Campana

Stardesign als Handarbeit im Estudio Campana

Fernando & Humberto Campana
Fernando & Humberto Campana 2006, Estudio Campana Foto: Lelia Arruda

Die Publikation, die die gleichnamige Retrospektive des Vitra Design Museums begleitet, ist die erste umfassende Darstellung des Werkes und stellt nicht nur die wichtigsten Entwürfe vor sondern untersucht anhand von Prototypen und Experimenten sowie unterschiedlicher Berichte auch den Arbeitsprozess.

Frank Kaltenbach

Katalog:

Antibodies Antikörper
Fernando & Humberto Campana 1989-2009
Paperback, 32,5 x 24,5 cm, 128 Seiten
250 Abbildungen, überwiegend farbig
Herausgeber:
Alexander von Vegesack, Mathias Schwartz-Clauss
ISBN 978-3-931936-47-1, zweisprachig: DE/EN
Art. Nr. 200 803 01
EUR 43,90 (inkl. MwSt 7%)


Alle Termine zum Begleitprogramm und weitere Informationen unter:

www.design-museum.de/museum/news

Weitere Informationen zu den Designern auf der kreativ gestalteten, sehr empfehlenswerten Homepage

www.campanas.com.br

Dieser Artikel ist aus dem Heft:
DETAIL 9/2009

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