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Auditiv-städtisches Entwerfen: Klanggestaltung als Teil der Baukultur

Thomas Kusitzky forscht und lehrt in diesem Feld an der Universität der Künste Berlin und befasst sich im Rahmen seiner Dissertation zu dem Thema „Klang als Teil städtischer Baukultur“ an der Bauhaus Universität in Weimar mit den Möglichkeiten der Klanggestaltung von urbanen Räumen. Sein Ziel ist es, die akustischen Aspekte von Städtebau und Architektur zum Teil der Baukultur werden zu lasse.

Foto: Thomas Kusitzky

Die Leipziger Strasse in Berlin: Der Straßenlärm scheint beinahe schon sichtbar. Würden unsere städtischen Räume anders aussehen, wenn diese nach auditiv-städtischen Entwurfskriterien gestaltet wären? (Foto: Thomas Kusitzky)

 

 

Zur Person
Thomas Kusitzky ist Klangforscher und Klangkünstler. Er ist Doktorand der Bauhaus-Universität Weimar und Stipendiat der Thüringer Graduiertenförderung. Kusitzky ist Mitbegründer der "Auditory Architecture Research Unit" (AARU) an der Universität der Künste Berlin (UdK Berlin) und Mitglied des Leitungsteams. Seit 2008 ist er Lehrbeauftragter am "UNI.K – UdK | Studio für Klangkunst und Klangforschung" und von 2012 bis 2014 unterrichtete er außerdem im UdK-Masterstudiengang Sound Studies. Im Zusammenhang mit dem Forschungsprojekt "Visuelle und auditive Wahrnehmungsdispositive" war Kusitzky von 2012 bis 2013 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Gegenwartskunst der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK). Über seine Forschungs- und Lehrtätigkeit hinaus produziert Thomas Kusitzky seit vielen Jahren Klanginstallationen und Hörstücke. Thomas Kusitzky studierte Musik an der Hochschule für Musik Hanns Eisler sowie Sound Studies an der Universität der Künste Berlin

DETAIL research: Was genau kann man sich unter auditivem Entwerfen vorstellen?

Thomas Kusitzky: Der Unterschied von auditivem Entwerfen zur geläufigen Bau- und Raumakustik ist der Aspekt des bewussten Hörens und der Wahrnehmung. Während sich Ingenieure mit der Schallausbreitung befassen, geht es bei der auditiven Perspektive darum, die Erfahrungen und das Empfinden zu erforschen, die beim Hören bestimmter Klänge stattfinden. Das Ziel des auditiv-architektonischen oder auditiv-städtischen Gestaltens ist es, durch das Hören einen neuen Erfahrungsraum zu schaffen und diesen als erweitere Gestaltungsebene der Architektur zu verstehen.

DETAIL research: Welche Auswirkungen hätte die akustische Gestaltung für den Entwurfsprozess des Architekten?

Thomas Kusitzky: Im architektonischen, städtebaulichen Entwerfen gibt es fast schon ein Primat des Visuellen. Viele Entwurfstechniken und -verfahren basieren auf visuellen Aspekten. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass die klangliche Dimension im städtischen Raum wenig berücksichtigt wird. Und wenn doch, dann im Entwurfsprozess ganz am Schluss, wenn die Fachplanung an die Bau- und Raumakustiker übergeben wird. Diese können dann noch ein wenig „reparieren“, wurden aber meist nicht von Anfang an in den Gestaltungsprozess integriert. Das kann dann dazu führen, dass Räume letztendlich anders erfahren werden, als in der Planung vorgesehen – einfach dadurch, dass oftmals die auditive Dimension der visuellen Erfahrung widerspricht. Ein visuell gelungener Ort kann als unangenehm oder ungemütlich empfunden werden, weil die klanglichen Aspekte nicht berücksichtig wurden.

DETAIL research: Wie könnte dieses auditive Entwerfen konkret aussehen?

Thomas Kusitzky: Ich glaube nicht, dass es ausreicht, bestimmte Entwurfsmethoden, Planungswerkzeuge oder Softwaretools zu entwickeln, die die Gestaltung von Klang praktisch ermöglichen. Gleichzeitig müssen der Gesamtkontext und eine Legitimation innerhalb der Baubranche geschaffen werden. Den Beruf des auditiven Architekten oder des auditiven Städteplaners gibt es noch nicht. Natürlich sind auch Einzelansätze und Vorreiter, die sich des Themas annehmen, wünschenswert, aber für eine ganzheitliche Berücksichtigung muss hier noch viel Forschungsarbeit geleistet werden und der Aspekt in die Lehre einfließen. Wir befinden uns gerade an dem Punkt, an dem wir erkennen, dass die reine Lärmvermeidung nicht immer zielführend ist.

DETAIL research: Wie werden sich die gestalteten Klänge von den jetzigen Klängen einer Stadt unterscheiden?

Thomas Kusitzky: Genauso wie im visuellen Bereich eine Vielfältigkeit angestrebt wird und eine Auswahl an Raumerfahrungen erreicht werden soll, wären solche Zielsetzungen auch in Bezug auf den Klang wünschenswert. Ein städtischer Platz kann ruhig sein, er kann aber auch lebendig sein oder bestimmte kulturelle Eigenschaften verdeutlichen. Als Planer muss man sich überlegen, wie man nun die besten Bedingungen dafür schafft. Dass der Aspekt des Hörens hierbei so lange und so rigoros vernachlässigt, wurde ist beinahe schon erstaunlich.

DETAIL research: Nach welchen Kriterien wäre diese Gestaltung bewertbar?

Thomas Kusitzky: Gestaltungskriterien, wie es sie in Hinblick auf visuelle Aspekte der Architektur wie Baustile, Licht, Farbe oder Materialoptiken gibt, existieren im auditiven Bereich noch nicht. Hier fehlen die kulturelle Entwicklung und die Erfahrungswerte, an denen man sich orientieren könnte. Damit man sich als Gestalter positionieren kann, muss es zuerst realisierte Beispiele geben, mit denen man sich auseinandersetzen kann. Bewertet wird das Auditive dann natürlich genauso, wie es auch im Visuellen passiert – im Rahmen einer dynamischen Baukultur. Entsprechend der jeweiligen Werte und Vorstellungen einer Zeit entwickeln sich dann bestimmte Vorlieben.

DETAIL research: Haben Sie selbst bereits eine konkrete Vorstellung, wie sich die auditiv gestaltete Stadt anhören sollte?

Thomas Kusitzky: Ich werde mich hüten, vorzugeben, wie eine Stadt zu klingen hat! Natürlich habe ich meine eigenen Vorlieben und Vorstellungen, was ich als gelungen empfinden würde. Aber letztlich geht es darum, dass im Rahmen eines konkreten Projekts – für einen bestimmten Platz, einen Straßenzug, ein Quartier – genauso wie im Visuellen eine individuelle Lösung gefunden wird, die genau für diesen Raum und seine Nutzung geeignet ist. „So muss sich ein gut klingender Raum anhören“ – diese allgemeingültige Aussage kann es meiner Meinung nach nicht geben. Die Kriterien gelten immer nur für eine bestimmte Situation, für einen bestimmten Zeitpunkt und für einen bestimmten Ort.

DETAIL research: Haben Sie schon konkrete Pläne, in welche Richtung sich Ihr Forschungsprojekt weiterentwickeln soll?

Thomas Kusitzky: Momentan ist das noch Grundlagenforschung. Aber trotz einer stark theoretischen Dimension meiner Promotion ist meine Forschung, die ich unter anderem auch mit den Kollegen von der „Auditory Architecture Research Unit“ an der UdK betreibe, durchaus praxisorientiert. Und je häufiger das Thema öffentlich präsentiert wird, desto größer wird auch das Interesse von Architekten- und Industrieseite. Viele Architekten haben schon die Erfahrung gemacht, dass der Klang ein Aspekt ist, der unterrepräsentiert ist in ihrem Gestalten. Mein Ziel ist es, dazu beizutragen, diese Ratlosigkeit in Bezug darauf, wie die akustische Dimension in den momentanen Entwurfs- und Bauprozess integriert werden kann, zu beheben und dem Klang einen Weg in die architektonische und städtebauliche Gestaltungspraxis zu ebnen.

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