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Auf den Spuren der »Masterdesigner«

Knoll produziert und verkauft seit Jahrzehnten »Klassiker« im Möbeldesign, wie Sofas, Stühle und Tische von Florence Knoll, Mies van der Rohe, Marcel Breuer und Eero Saarinen. Demetrio Apolloni als Präsident von Knoll Europa hat sich viel vorgenommen. Er will sowohl den guten Ruf der Firma festigen, als auch neue Möbelentwürfe ins Portfolio aufnehmen – mit dem Potenzial zu »neuen Klassikern«.

Demetrio Appoloni mit dem Barcelona Chair von Mies van der Rohe
Demetrio Appoloni mit dem Barcelona Chair von Mies van der Rohe

GRID: Neben den Klassikern, wie dem Barcelona Chair von Mies van der Rohe oder dem Wassily Chair von Marcel Breuer finden sich auch zeitgenössische Produkte bei Knoll, die Architekten entworfen haben. Was bewegt Sie dazu nach wie vor Architekten als Designer zu beauftragen?

Demetrio Apolloni: Die Klassiker stellten vor über siebzig Jahren die Verbindung zur Architektur her, als die Firma Ihren Anfang nahm. Knoll hat heute zwei Schwerpunkte: Zum einen den Arbeits- und zum anderen den Wohnbereich. Als Knoll in den USA mit der Produktion begann, stellte der Bürosektor ein erstes wesentliches Standbein dar. Die Gestaltung des Arbeitsplatzes war schon immer eng mit der Architektur des umgebenden Gebäudes verknüpft, daher spielte sie eine wichtige Rolle in der Firmengeschichte. Gerade in den vierziger und fünfziger Jahren entstanden viele Möbelentwürfe der »Masterdesigner« wie Mies van der Rohe und Eero Saarinen, die  die Grenze zwischen Architektur und Design überschreiten. Diese Gruppe von Gestaltern verstand Möbel als integralen Bestandteil der Architektur, die sich gegenseitig in Form und Proportion bedingen. Knoll nahm dabei eine Schlüsselposition ein und die Klassiker entwickelten sich zur »DNA« der Firma. Sie nimmt diese Herausforderung bis heute an und engagiert neben Designern auch bekannte Architekten wie Frank Gehry oder Rem Koolhaas. Mit einem Architekten zusammen zu arbeiten, bedeutet immer eine neue Erfahrung und einen Wechsel der Perspektive.

Wassily Chair von Marcel Breuer (links), Executive Armless Chair von Eero Saarinen (Mitte), Diamond Chair von Henry Bertoia (rechts)
Wassily Chair von Marcel Breuer (links), Executive Armless Chair von Eero Saarinen (Mitte), Diamond Chair von Henry Bertoia (rechts)

GRID: Haben Architekten eine andere Herangehensweise beim Entwurf von Produkten?

Demetrio Apolloni: Ja, ich finde schon, dass es da Unterschiede gibt. Wenn ich an Designer denke, die Möbel für den Bürobereich entwerfen, fällt mir auf, dass sie atmosphärischer vorgehen. Sie betrachten vor allem den Lifestyle der Zielgruppe. Bei den Möbeln unserer Kollektion, die von Designern entworfen wurden, gerade bei den zeitgenössischen Modellen, steht das Material und die Haptik stark im Mittelpunkt, während die Architekten ihren Fokus auf Proportion und Funktionalität setzen.

GRID: Welche Designer und Architekten wählten Sie zuletzt für Ihre neuen Kollektionen aus?

Demetrio Apolloni: Wir treffen die Entscheidung basierend auf unseren Wunschvorstellungen für das Portfolio für Büro- und Wohnmöbel. Unsere Wahl fiel aktuell auf Rem Koolhaas und auf den relativ jungen Architekten David Adjaye, für den es eine besondere Herausforderung bedeutete Möbel zu gestalten, da er noch nicht in dieser Form im Produktbereich gearbeitet hatte. Für den Wohnbereich haben wir die britischen Entwerfer Edward Barber und Jay Osgerby beauftragt eine zeitgemäße Sofakollektion zu entwickeln, um eine Balance zwischen neuen Möbeln und den klassischen Ikonen herzustellen und zwar auf einem einheitlich hohen Qualitätsniveau, sowohl was die Verarbeitung betrifft, als auch die Feinheit der Proportionen und der Detailausbildung, die die Identität der Marke Knoll ausmachen. Kunden, die an dem Barcelona Chair oder dem Wassily Chair interessiert sind, schätzen die Marke Knoll und werden daher auch einen Blick auf die zeitgenössische Modelle werfen und vielleicht ein neues Sofa kaufen. Daher müssen wir den Standard aufrecht erhalten und ein ausgeglichenes Portfolio schaffen.

David Adjaye mit seiner Washington Collection
David Adjaye mit seiner Washington Collection

GRID: Sie entscheiden also zunächst, welche Möbelstücke in Ihrer Kollektion noch fehlen und suchen dann den entsprechenden Designer, den Sie für fähig halten einen »neuen Klassiker« zu erschaffen?

Demetrio Apolloni: Das entspricht mehr oder weniger unserer Herangehensweise. Daneben beeinflusst auch unsere Preisliste und das Archiv die Auswahl. Wir arbeiten außerdem mit einem Netzwerk von Händlern zusammen die manchmal Vorschläge machen oder ein bestimmtes Produkt nachfragen. Wir versuchen natürlich dieser Nachfrage gerecht zu werden. In den letzten zehn Jahren verlor Knoll Europa die strategische Produktentwicklung etwas aus den Augen; in den USA fokussierte die Firma vor allem den Officebereich, der dort 80% des Umsatzes generiert, aber richtete entsprechend wenig Augenmerk auf den Wohnsektor mit 20% des Umsatzes. Als ich zu der Firma stieß, trat der Präsident, der über 25 Jahre Erfahrung in der Firma mitbrachte, mit dem Anliegen an mich heran, das gute Image von Knoll in Europa wieder herzustellen. Ich brachte dafür als Manager besonders viel Erfahrung im Wohnbereich mit.

GRID: Welche Erfahrungen aus Ihrer vorherigen Arbeit bei Kartell oder Cassina konnten Sie konkret bei Knoll einbringen?

Demetrio Apolloni: Neben Kartell und Cassina war ich auch für B&B und Vitra tätig und all diese Firmen verkaufen weniger als 20% in Italien, das heißt sie sind sehr international und vorwiegend im Luxussektor tätig. Ich möchte bei Knoll die Herstellung zurück nach Italien bringen, die Firma hat dort zwei Fabriken. Eine davon befindet sich in der Nähe von Rom, basierend auf der ehemaligen Firma von Gavina, die Knoll in den 70er-Jahren zukaufte. Dort stellen wir noch immer die Klassiker her. Daneben haben wir den neuen Standort in der Nähe von Mailand, wo wir die Designer einladen können und die Office-Produkte entstehen. Ich bringe als Erfahrung also vor allem den Umgang mit hochwertigen Marken mit. Die Marke stellt die Basis dar, auf der sich alles andere aufbaut. Sie gibt den Kunden die Garantie für die hohe Qualität jedes Produkts. Meiner Meinung nach hat Knoll in den letzten Jahren nicht genug Wertschöpfung aus dem guten Image gezogen. Daher besteht meine Strategie für die Zukunft darin, dort aktiv zu werden, wo die Wertschöpfung verbessert werden kann. Wir müssen unsere führende Rolle vor allem unseren Händlern vermitteln und die Produkte auf Präsentationen hautnah vorstellen. Hierfür planen wir einige Aktivitäten rund um unser »Produkt-Archiv«. Zum Beispiel feiern wir nächstes Jahr den hundertsten Geburtstag von Harry Bertoia. Die Events rund um Bertoia haben einerseits natürlich kommerzielle Gründe, aber andererseits auch einen erzieherischen Wert, den wir der jungen Generation bieten, die vielleicht nicht mehr weiß, wer Harry Bertoia ist. Sie kann auf diese Weise neben seinen Möbeln auch sein Leben und sein Werk kennen und schätzen lernen.

Compact Two Seater Sofa von Edward Barber & Jay Osgerbyy (links), Settee von Florence Knoll (rechts)
Compact Two Seater Sofa von Edward Barber & Jay Osgerbyy (links), Settee von Florence Knoll (rechts)

GRID: Auf einer Podiumsdiskussion in München beschrieb der französische Designer Patrick Jouin, wie digitale Herstellungsprozesse Einfluss auf die Formgebung von Produkten nehmen – von modularen hin zu freien Entwürfen ohne den wirtschaftlichen Zwang der Standardisierung von Elementen. Wirken sich diese Prozesse auch auf die Produktgestaltung von Knoll aus?

Demetrio Apolloni: Das hängt sehr stark vom Produkt ab. Natürlich wirkt sich der Prozess auf die Formgebung aus, wenn Sie einen Stuhl aus Kunststoff entwerfen. Bei einem Sofa dagegen ist das Polster formgebendes Element und das Polster soll weich und bequem sein. In diesem Fall kann der Designer keine beliebigen freien Formen zeichnen, sondern muss vom Material ausgehen und überlegen was er damit machen kann.
Im Moment arbeiten wir gerade mit einem speziellen sehr weichen Leder. Wir haben uns ein ganzes Jahr  der Weiterentwicklung des Materials gewidmet, um zusammen mit der Lederfirma ein besonders weiches, mattes Leder zu erzeugen, das wir nicht nur als Polster verwenden können, sondern auch für andere Produkte, wo wir mit dem gleichen Material, »straffer« eingesetzt, einen ganz anderen Effekt erzielen. Auf diese Weise erhalten die Produkte einen eigenen Charakter, den in Wirklichkeit nicht nur der Entwurf, sondern auch das Material maßgeblich ausmacht. Neue Technologien können also helfen Produkte zu entwickeln, wenn es sich um einen Stuhl oder einen Tisch aus Kunststoff handelt, bei anderen Produkten, wie einem Sofa, spielt das Material die Hauptrolle.

GRID: Begründet die herstellungstechnische Firmentradition diese Herangehensweise?

Demetrio Apolloni: Natürlich kommt es auch auf die Mittel an. In unserer Fabrik in Mailand steht uns ein hoch spezialisiertes Team mit großer Erfahrung zur Verfügung. Dort fängt der Gestaltungsprozess mit einer Zeichnung an, aus der wir ein Modell erstellen und dann arbeiten wir an dem Modell weiter und nehmen Änderungen vor. Mit dem Computer wäre das vielleicht einfacher, aber ich ziehe die Arbeit im herkömmlichen Stil vor, wo wir zunächst mit dem Polster arbeiten, nach ein paar Stunden alles wieder ändern, dann in die Holzfabrik gehen, wo die Größe des Rahmens entsprechend angepasst wird und dann setzen wir alles zusammen. In der Fabrik arbeiten die Designer mit den besten Spezialisten aus allen Bereichen zusammen. Wenn das Team das Produkt im Modell vollständig erarbeitet hat, erstellen wir einen Prototypen und gehen dann erst in die industrielle Herstellung. So habe ich das Gefühl, dass der Entstehungsprozess mit der Produktion direkt verbunden ist – das ist Handarbeit, im wahrsten Sinne des Wortes.

Aluminium Chair von Jonathan Olivares
Aluminium Chair von Jonathan Olivares

GRID: Arbeiten Sie neben klassischen Materialien wie Leder, Stahl und Holz auch mit neuen Materialien, wie zum Beispiel recyceltem Kunststoff oder »Hightec Textilien«?

Demetrio Apolloni: Wir fangen gerade damit an. Unsere Forschungsabteilung eruiert, welche Materialen lieferbar sind und welche sinnvoll einsetzbar. Aber mein Anliegen liegt in der hochwertigen Verarbeitung klassischer Materialien, die zu unserem Möbel-Portfolio passen. Wir versuchen dabei eher eine besondere Qualität oder ein spezielles Finish zu erreichen, als mit neuen Materialien zu experimentieren. Wenn ich etwas in unserer Kollektion vermisse, dann sind es die zeitgenössischen Entwürfe und nicht »Hightec Materialien«. In diesem Bereich nehmen wir einige Justierungen vor.

Hat Trick Chair von Frank Gehry
Hat Trick Chair von Frank Gehry

GRID: Was verstehen Sie unter »Justierungen«?

Demetrio Apolloni: In den letzten zehn Jahren hat sich beispielsweise die Höhe der Sofas verändert und mit ihnen die der Tische. Die Standardhöhe eines klassischen Sofa-Tisches beträgt ungefähr 45 Zentimeter. Jetzt haben wir sie auf 38 Zentimeter reduziert, weil das der aktuell gefragten Sofahöhe entspricht. Das ist eine ganz einfache Maßnahme, aber bis jetzt hatten wir auf diese Entwicklung keine Rücksicht genommen. Wir hatten zum Beispiel den hohen Tisch von Florence Knoll in der Kollektion, nahmen ihn dann heraus, und jetzt können wir ihn mit der kleinen Justierung neu präsentieren. Nach mittlerweile 18 Monaten in der Firma, habe ich das Ziel die gesamte Kollektion auf den neuesten Stand zu bringen und daneben noch einige neue Designer zu engagieren.

GRID:
Welche neuen Möbel haben Sie dieses Jahr auf der »Salone« in Mailand präsentiert.

Demetrio Apolloni:
Das wichtigste Produkt war die Washington Collection von David Adjaye. Dazu kamen einige »Updates« der Barber Osterby Sofa-Kollektion und der klassischen Kollektion mit neuen Materialien oder Finishes. Unsere Kunden erwarten natürlich eine Weiterentwicklung unserer Produkte aber in einer konsistenten Art und Weise.

GRID: Haben Sie einen neuen Messestand in Auftrag gegeben?

Demetrio Apolloni:Wir haben den Stand von Rem Koolhaas beibehalten, den wir letztes Jahr neu entwickelt hatten. Es gab kleine Veränderungen innerhalb des Stands, aber die Gesamterscheinung blieb erhalten. Der Stand steht für die Marke Knoll, unter deren großem Schirm die Büro- und Wohnmöbel stehen.

Messestand auf der Salone del Mobile in Mailand von Rem Koolhaas
Messestand auf der Salone del Mobile in Mailand von Rem Koolhaas

GRID: Warum nehmen Sie keine Möbel aus anderen Bereichen, wie Küche oder Garten in Ihr Portfolio auf?

Demetrio Apolloni: Wir legen großen Wert auf Konsistenz. Wir konzentrieren uns auf unseren Bereich und versuchen das was wir tun möglichst gut zu tun. Dadurch geben wir unseren Partnern auch eine gewisse Sicherheit. Wir werden einige Jahre brauchen, um unsere Händler restlos davon zu überzeugen, dass sie Knoll im Alltagsgeschäft ganz entspannt einsetzen können. Im Moment ist Knoll ehr eine Firma, bei der die Endverbraucher kaufen. In der Vergangenheit war unsere Herangehensweise recht passiv, jetzt wollen wir aktiver werden. Auf der »Salone« waren wir zuletzt vor zehn Jahren, daher haben wir uns letztes Jahr entschlossen wieder präsenter zu sein und unsere Kunden dort vor Ort zu überzeugen.
Es ist natürlich ein großer Unterschied ob Sie ein Produkt verkaufen, das hundert Euro kostet oder eines für 4000 Euro, wie bei Knoll. Das ist ein ganz anderer Maßstab und erfordert eine enge Zusammenarbeit mit den Händlern. Wir müssen uns überlegen, warum ein Kunde gerade ein Produkt von Knoll kaufen sollte und nicht von einer anderen Firma. Wir haben ein großes Erbe und eine Verantwortung. Die klassischen Produkte sind »Evergreens«, die wir ins rechte Licht setzen müssen. Das räumliche Umfeld, in der die Möbel präsentiert werden spielt dabei eine wichtige Rolle.

GRID: Damit wären wir wieder beim Bezug zur Architektur...
Vielen Dank für das Gespräch.

Möbelentwurf von Rem Koolhaas auf der Salone del Mobile
Möbelentwurf von Rem Koolhaas auf der Salone del Mobile
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