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Bürogebäude, London, Allford Hall Monaghan Morris

Vertikale Fabrik: Bürogebäude in London

Auch in den Banken und Anwaltskanzleien der Londoner City mögen sich die Einrichtungsstile und Umgangsformen in den vergangenen 20 Jahren verändert haben. Doch nur wenig verbindet ihre Prestigebauten mit dem 16-geschossigen Bürohaus, das Allford Hall Monaghan Morris (AHMM) rund einen Kilometer nördlich der Bank of England am Old Street Roundabout im Herzen Londons errichtet haben. Große Bullaugenfenster und mit kleineren, kreisrunden Perforationen versehene Brise-soleils kennzeichnen die Fassaden. Innen dominieren Stahl und Holz, nackter Sichtbeton und offen geführte Lüftungsleitungen. Wohl auch, weil die Architekten auf einen High-End-Innenausbau verzichteten, lagen die Baukosten nach ihren Angaben 15-20% niedriger als bei einem marktüblichen Bürogebäude gleicher Größe.

Der etwas raue Charme der Innenräume passt zu dem Bild, das man sich gemeinhin von der Zielgruppe des Hauses macht: Mit der »White Collar Factory« wenden sich das Immobilienunternehmen Derwent London und AHMM gezielt an die Unternehmen der Digital- und Kreativwirtschaft. Der Plan scheint aufgegangen zu sein. Unter anderem haben hier mehrere Softwarefirmen wie Adobe, zwei Finanzdienstleister und das Ingenieurbüro AKT II (das selbst an der Planung des Gebäudes mitwirkte) Flächen angemietet. Im ersten bis dritten Obergeschoss hat die Firma »The Office Group« einen Coworking Space mit flexibel vermietbaren Büros eingerichtet.

Insgesamt umfasst die White Collar Factory knapp 22.000 m2 Fläche. Im Keller ist Platz für 300 Fahrräder und auf dem Dach wurde Londons vermutlich höchstgelegene Joggingstrecke mit 150 Metern Länge eingerichtet. Auf klassischem, knallroten Stadionbelag können die Mitarbeiter hier ihre Runden drehen. Ebenfalls im Dachgeschoss, windgeschützt durch ein Metallscreen, befindet sich eine Cafeteria. Dort tragen markante, currygelbe Stahlstützen in Y-Form das Dach. Neben den Fassadenpaneelen sind sie das zweite Element im Gebäude, das stark an Jean Prouvé erinnert.

Jean Prouvé und Frank Lloyd Wright als Vorbilder
Der französische Ingenieur ist einer von zwei großen Gestaltern aus der Architekturgeschichte, die Simon Allford, Direktor bei AHMM, als Vorbilder für seinen Neubau anführt. Das andere ist Frank Lloyd Wright, namentlich dessen Fabrikgebäude für Johnson Wax in Racine (Wisconsin, USA) aus dem Jahr 1936. Fünf positive Eigenschaften historischer Fabrikgebäude suchten die Architekten in ihrer »White Collar Factory« wieder aufzugreifen: die hohen Decken, tiefen Grundrisse, einfachen Fassadenkonstruktionen, die nackte Betonkonstruktion und den auf das Notwendigste reduzierten technischen Ausbau.

Die Büroebenen sind so konzipiert, dass sie sich jeweils am Stück vermieten oder in zwei Mieteinheiten aufteilen lassen. Die lichte Raumhöhe beträgt großzügige 3,45 Meter. Auf abgehängte Decken verzichteten die Architekten, um die Speichermasse der Betondecken als thermischen Puffer heranziehen zu können. Überdies sind die Decken mit einer Betonkernaktivierung ausgestattet, die die Räume bei Bedarf kühlt. Um unnötige Wärmeeinstrahlung zu vermeiden, variiert der Fensterflächenanteil je nach Ausrichtung: Im Norden und Osten ist er höher als im Süden und Westen.

Das Ungewöhnlichste an diesem Haus sind jedoch – für ein Gebäude dieser Höhe – die durchweg öffenbaren Fenster. Die Jean-Prouvé-Fassadenmodule dienen nicht nur als Brise-soleil, sondern auch als Windschutz für die dahinter liegenden, öffenbaren Fensterflügel. Die oberste Büroebene ist mit markenten, deutlich größeren Bullaugenfenstern ausgestattet, die sich ebenfalls öffnen lassen.

Lüftungsampeln unterstützen die Nutzer
Wann sie die Fenster öffnen, bleibt einzig und allein den Nutzern im Haus überlassen. Die Ingenieure von Arup erhoffen sich durch die natürliche Lüftung jedoch eine erhebliche Energieeinsparung. In den Büros zeigen kleine Ampeln in Fensternähe an, wann die Witterung draußen für eine Fensterlüftung geeignet ist. Nach Berechnungen von Arup soll das während rund 50 % des Jahres der Fall sein: Dann liegen die Temperaturen zwischen 14 und 25 °C. Siebzig Prozent der Geschossflächen lassen sich auf diese Weise natürlich mit Frischluft versorgen. Der Rest der Räume wird ständig, die fensternahen Bereiche hingegen – gesteuert durch Fensterkontakte - nur bei geschlossenen Fenstern mechanisch belüftet.

Trotz oder wegen dieses Verzichts auf High-End-Technologie, so haben die Ingenieure berechnet, liegt der rechnerische CO2-Ausstoß der White Collar Factory um rund 25% unter dem gesetzlich vorgeschriebenen Maximalwert. Die Energiekosten dürften – je nachdem, wie großzügig die Mieter ihre Büroflächen mit IT und anderen Stromverbrauchern ausstatten – um 10 bis 33% geringer ausfallen als in einem  Standard-Bürogebäude. In puncto Nachhaltigkeitszertifizierung hat die White Collar Factory bereits alle einschlägigen Trophäen abgeräumt: Sowohl im BREEAM- (Outstanding) als auch im LEED-System (Platinum) erhielt sie jeweils die höchstmögliche Bewertung.

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Weitere Informationen:

Generalunternehmer: Multiplex
TGA- und Energieplanung: Arup
Tragwerksplanung: AKT II
Projektsteuerung: Jackson Coles
Kostenplanung: AECOM

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