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Authentizität und Schutz für Jüdisches Ritualbad in Erfurt

Midas-Metall im Ritualbad Mikwe in Erfurt
Foto: gildehaus.reich architekten BDA,

Die Mikwe in Erfurt wird urkundlich bereits 1248 erwähnt und zählt nun, nach Abschluss der Sanierungen, zu den wenigen kulturellen Zeugnissen jüdischen Lebens im Mittelalter in Deutschland. Entdeckt wurde die Erfurter Mikwe 2007 bei städtischen Bauarbeiten. Das Ritualbad der jüdischen Gemeinde befand sich ursprünglich im Keller eines gewöhnlichen Hauses innerhalb der dichten Stadtbebauung. Bei den ersten Grabungsarbeiten konnten Nutzungsspuren bis zum Abbruch in den 1960er-Jahren erfasst werden. Nach dem Abriss dieser Bebauung wurde eine Grünfläche angelegt, in deren Untergrund die Mikwe weiter existierte. Da eine Rekonstruktion wegen nicht vorhandener Unterlagen und Befunde ausschied, wurde ein Wettbewerb zur Sicherung und Präsentation der Baureste ausgeschrieben. Dabei sollten sie dauerhaft vor Wettereinflüssen und möglichem Vandalismus geschützt werden, aber trotzdem für Besucher öffentlich einsehbar sein. Zusätzlich musste ein barrierefreier Zugang geschaffen werden und alle Maßnahmen sollten sich optisch in die vorhandenen Grünflächen an der Krämerbrücke einfügen. Übergeben wurde das Projekt an das Architekturbüro Gildehaus und Reich aus Weimar. Da die Mikwe als Bau weitestgehend erhalten war, stellten die Architekten die sakrale Atmosphäre als gedanklichen Kern in den Fokus des Entwurfs. Entrückt vom eigentlichen Raum sollte die rituelle Handlung in Form und Material sichtbar werden. So entstand ein Raum, der sich von der strengen Geometrie der vorhandenen Baureste löst.

Im ersten Entwurf war eine Hülle aus Stahlblech geplant, die wie eine Haube fungieren sollte. Dieser Entwurf musste aus Statikgründen einem konventionellen Stahlbetonbau weichen. Um trotzdem ein nahtloses Erscheinungsbild, welches dem Entwurfsgedanken der gestalterischen Umsetzung des jüdischen Rituals nahe kommt, zu realisieren, entschieden sich die Architekten, die Konstruktion mit einer Metalloberfläche zu überziehen, genauer gesagt mit Midas-Metall von Midas Surfaces GmbH. Midas-Metall knüpft an die Legende von König Midas an, der alles in Gold verwandelte, was er berührte. Diese Beschichtung kann nahezu jeden Gegenstand mit einer geschlossenen Echtmetallhaut versehen und ihm somit das Aussehen und die natürlichen Eigenschaften von Metall verleihen. Je nach Qualität enthält die Oberfläche bis zu 95 % Gold, Silber, Bronze, Messing, Aluminium, Kupfer oder ein anderes Metall. Das Material musste aber nicht nur optisch überzeugen. Es sollte auch den natürlichen Verhältnissen in der Mikwe wie permanenter Kälte und Feuchtigkeit trotzen und gleichzeitig die Robustheit und Langlebigkeit typischer touristischer Attraktionen bieten. Da es im Außenbereich Anwendung fand, stand auch UV-Beständigkeit auf dem Anforderungsprofil. Zudem war die einwandfreie Haftung auf Beton- und Metalluntergrund gefordert. Zuerst wurden die Betonflächen bearbeitet, bis eine homogene, fugenlose Oberfläche trotz Restfeuchte im Beton geschaffen war. Nur minimale Toleranzabweichungen aus der Rohbauphase blieben. Erst dann wurde die flüssige Masse großflächig im Spritzverfahren auf die Stahl- und Metallkonstruktionen aufgetragen und anschließend verspachtelt. Nach der Trocknungsphase wurde das Metall in mehreren Schleifgängen geschliffen, bis die gewünschte Optik erreicht war: eine einheitliche Oberfläche mit eigener Identität in leichter Spachteloptik. Dank der strukturierten Metallschicht mit ca. 0,5 mm Stärke ist die Eigenart der eigentlichen Trägermaterialien nicht mehr sichtbar. Eine edle, glatte Metalloptik bestimmt das Bild.

Die erkennbar handwerklich aufgetragenen Bronzeoberflächen hüllen die steinernen Zeugnisse des Mittelalters ein und schaffen einen würdevollen Gesamteindruck. Schwaches Tageslicht erhellt die baulichen Reste, einzelne Lichtakzente verweisen auf wichtige Details. Zudem erwächst eine bronzene Stele aus Midas-Metall aus dem Dach des Neubaus hinauf in die Freifläche. Diese Stele ist nicht nur skulpturales Zeichen, sondern auch das Fenster, welches Tageslicht und interessierte Blicke in das Innere der Mikwe lenkt. Sie wurde zusätzlich mit Schutzwachs versehen. Heute liegt der Schutzbau halb eingegraben am Rand der neu gestalteten Freifläche. Die bronzefarbene Hülle schützt und konserviert die archäologischen Funde.

Stichworte:
Dieser Artikel ist aus dem Heft:
DETAIL 7+8/2012

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