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Foto: Jakob Schoof

Bauen als sozialer Prozess: Die Highlights der Architekturbiennale (2)

Alejandro Aravena eilt der Ruf voraus, ein sozialer Erneuerer der Architektur zu sein. Mit seinen Wohnbauprojekten hat der chilenische Pritzker-Preisträger und diesjährige Biennale-Direktor den Herstellungsprozess von Gebäuden neu definiert und damit neue Impulse für das Bauen mit begrenzten Ressourcen geliefert. Aravena stellt seinen Kunden keine (nach westlichen Maßstäben) »fertigen« Häuser zur Verfügung, sondern Edelrohbauten, die die Bewohner im Lauf der Zeit nach Gutdünken an-, auf- und ausbauen können. Nicht alle Politiker, die gern rote Bändchen durchschneiden, sind davon begeistert. Aber der Erfolg gibt Aravenas Büro Elemental recht: Binnen 15 Jahren sind nach ihren Entwürfen mehr als 2500 Wohneinheiten entstanden.

Auch auf der diesjährigen Architekturbiennale finden sich viele Beiträge, die sich mit den sozialen Prozessen des Planens, Bauens und Bewohnens befassen. Dabei geht es um Absender und Empfänger von Architektur, aber auch um den sozialen und ökonomischen Kontext, in dem Gebäude entstehen.

Wie das Bauen Arbeitsplätze schaffen und Sinn stiften kann, führt exemplarisch die indische Architektin Anupama Kundoo mit ihrem Beitrag vor. Gemeinsam mit ihren Helfern hat sie in den Hallen des Arsenale den Prototypen eines Wohnhauses aus dünnwandigen Faserbetonelementen errichtet. Die Fertigteile des »Full Fill Home« sind Tragstruktur und Stauraum in einem. Sie resultierten aus der Suche der Architektin nach einer kostengünstigen und auch für die Bewohner indischer Armensiedlungen leicht realisierbaren Baumethode. Ihre Bestandteile sind Zement, eine Maschendrahtbewehrung aus Metall, Wasser und ein Farbanstrich.

Bei der Umsetzung in Venedig erfuhr das Projekt eine pragmatische Wende: Statt die Elemente für die Ausstellung neu anzufertigen, verwendeten Kundoo und ihr Team Trockenbauplatten vom deutschen Pavillon der Kunstbiennale 2015. Der Herstellungsprozess wurde situationsbezogen angepasst, der Raumeindruck und die Grundintention – nämlich Ressourcen- und Kostenersparnis – sind noch die gleichen wie im ursprünglichen Konzept.

Von Indien nach Venedig: Eine Kostensteigerung um das 12-Fache
Anupama Kundoo gibt den Preis eines »Full Fill Home«, gebaut in Indien mit indischen Arbeitskräften, mit 4000 Euro an. 1000 Euro teurer sollte ursprünglich das Exponat von Matharoo Architects aus Indien ausfallen. Es zeigt einen 1:1-Nachbau der Fassade des »House with Balls«, das das Architekturbüro 2004 in Ahmedabad realisierte. Als Gegengewicht für die vertikal ausstellbaren Klappläden dienen Betonkugeln, die die Architekten in Einwegschalungen aus aufgeschnittenen Kunststofffußbällen gießen ließen.

Doch Venedig ist nicht Indien. Bei dem Vorhaben, die Fassade im Arsenale-Freigelände nachzubauen, kam es zu einer wahren Kostenexplosion: Das erste Angebot eines italienischen Bauunternehmens belief sich auf 60.000 Euro. Daraufhin wurde umgeplant, das Mock-Up im Trockenbau statt aus Massivbeton neu ausgeschrieben und in einer Last-Minute-Aktion kurz vor Biennale-Eröffnung für 20.000 Euro in den Freianlagen des Arsenale errichtet.

Indischen Architekten mag das Lohngefälle zwischen dem indischen Subkontinent und den Industriestaaten der Welt zu schaffen machen. Andere praktizieren davon, etwa die Golfstaaten, die für ihre Prestigebauten bevorzugt auf Billig-Arbeitskräfte aus Pakistan oder Nepal setzen. Die Zustände auf den Baustellen der Welt thematisiert der polnische Pavillon mit seinem Beitrag »Fair Building«. Ein Baugerüst füllt den Ausstellungsraum beinahe komplett aus. Dazwischen Schautafeln mit Texten und Statistiken sowie Videoleinwände, auf denen Bauarbeiter über ihren Arbeitsalltag und ihr Selbstverständnis berichten. Leider ist das Ganze inhaltlich recht dünn ausgefallen. Vielleicht finden sich in den kommenden Jahren Biennale-Beiträge, die das wichtige Thema weiter vertiefen.

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Schwimmende Schulen und eine Sitzung beim Psychiater
Auf den sozialen Nutzen gebauter Architektur fokussiert eine ganze Reihe von Ausstellungbeiträgen. Das Studio NLÉ von Kunlé Adeyemi etwa machte vor einigen Jahren mit der Makoko Floating School, einer schwimmenden Schule in der Lagune von Lagos, auf sich aufmerksam. Im Hafenbecken des Arsenale haben die Architekten nun einen leicht modifizerten Nachbau der Schule vom Stapel gelassen. Geplant ist, das schwimmende Bauwerk nach Ende der Biennale nach Afrika zu transportieren und dort tatsächlich als Schule zu nutzen.

In Europa bauen vor allem die Wohlfahrtsstaaten Skandinaviens auf die soziale Wirkung der Architektur. Das schlägt sich in der Wertschätzung des öffentlichen Raums sowie in wegweisenden Schul-, Kultur- und Tourismusbauten nieder. Die Ausstellung »In Therapy« im Pavillon von Sverre Fehn zeigt weit über 100 dieser Projekte auf kleinen Abreißblocks, die farblich sortiert auf einer großen Stufenpyramide aus Holz abgelegt sind. In ihrem zweiten Teil reflektiert die Ausstellung den sozialen Impetus des skandinavischen Bauens auf ironische Weise. Ein knappes Dutzend Chaiselongues, Orientteppiche und Flatscreens laden zu einer Psychoanalyse-Sitzung mit führenden nordischen Architekten ein. In den Interviews geht es um die Frage, was Architektur für die Gesellschaft leisten kann und wo ihr Einfluss endet. In puncto Ausstellungsgestaltung zählt der Beitrag sicher zu den Höhepunkten der diesjährigen Biennale.

Große Geste, inhaltliche Leere: der deutsche Pavillon
Auch der deutsche Pavillon wartet mit großer gestalterischer Geste auf, enttäuscht dann jedoch im Inneren. Selten präsentierte sich das Gebäude bisher so offen: Die Perforation der Außenmauern mit zusätzlichen Türöffnungen ist ein durchaus sinnfälliger Kommentar zur anhaltenden Debatte um Grenzöffnung und –schließung in Deutschland.

Offenbar beanspruchte die Genehmigung und Realisierung der Umbauten aber so viel Kosten, Zeit und Energie, dass für die eigentlichen Ausstellungsinhalte nicht mehr viel übrig blieb. Im Stil eines Zweitsemester-Pinups präsentiert der Pavillon einen unentschiedenen Mix von Bildreportagen aus Migrantenvierteln, Reflexionen über die deutsche Einwandererkultur und einigen wenigen aktuellen Flüchtlingsunterkünften. Ein diffuses Gefühl von Willkommenskultur geistert durch die Räume, um Architektur geht es dabei nur am Rande. Auch die thematische Verquickung von Flüchtlingsarchitektur und jahrzehntelang etablierter Migrantenkultur lässt den Beitrag wenig stringent erscheinen.

Cleverer sind die Österreicher an das gleiche Thema herangegangen. Hier haben die Kuratoren nicht auf Bauprojekte Anderer gewartet, sondern selbst welche initiiert. Drei Bestandsgebäude in Wien wurden in den Wochen vor der Biennale nach Entwürfen österreichischer Architektur- und Designbüros für Geflüchtete hergerichtet. Die Ausstellung in Venedig dokumentiert die Ergebnisse auf plakative Weise: Im Eingangsraum des Pavillons stapeln sich Poster mit Aufnahmen von Paul Kranzler aus den drei Unterkünften. In einem zweiten Raum sind Zeichnungen, Texte, Mock-ups und Materialmuster zu den drei Entwürfen auf langen Arbeitstischen  ausgestellt. Über Erfolg und Misserfolg der Eingriffe lässt die Ausstellung natürlich noch keine abschließenden Rückschlüsse zu. Doch sie vermittelt einen guten Eindruck, wie sich auch im hochpreisigen Mitteleuropa mit wenig Zeit und Mitteln zumindest ansatzweise menschenwürdiger Wohnraum schaffen lässt.

Installationen und Beiträge, die in diesem Kapitel genannt sind:

Full Fill Home
Anupama Kundoo Architects  - Anupama Kundoo

House with Balls
Matharoo Architects - Gurjit Singh Matharoo

Fair Building (Polen)
Generalkommissar: Hanna Wróblewska
Kuratoren: Dominika Janicka, Martyna Janicka, Michał Gdak.

In Theraphy - Nordic Countries Face to Face (Norwegen/Schweden/Finnland)

Generalkommissare: ArkDes, The Swedish Centre for Architecture and Design/
The Finnish Museum of Architecture/Nasjonalmuseet
Kuratoren: David Basulto, James Taylor-Foster

Making Heimat. Germany, Arrival Country (Deutschland)
Generalkommissar: Peter Cachola Schmal, Deutsches Architekturmuseum (DAM)
Kurator: Oliver Elser, Deutsches Architekturmuseum (DAM)

Places for people (Österreich)
Generalkomissarin: Elke Delugan-Meissl
Kuratoren: Liquid Frontiers (Sabine Dreher, Christian Muhr)

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