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Bauen für die Innenraumgesellschaft

Wir halten uns zu viel in Innenräumen auf – das wissen wir, aber die Zahlen vor Augen geführt zu bekommen, ist dann doch erschreckend. Im Durchschnitt verbringen die Menschen 90 Prozent ihrer Zeit in Innenräumen, darunter werden Gebäude oder auch Verkehrsmittel gezählt. Auch, dass das nicht gesund sein kann, ahnen viele schon, ignorieren aber weiterhin die mit der sesshaften Lebensweise in geschlossenen Räumen einhergehenden Gesundheitsrisiken. Zwischen den tatsächlichen Fakten und der subjektiven Wahrnehmung gibt es große Abweichungen, wie jetzt die Ergebnisse der von der Velux Gruppe präsentierten Studie »Indoor-Generation« verdeutlichen.

Neben einer YouGov-Umfrage, die im März/April 2018 unter 16.000 Hausbesitzern in 14 Ländern in Nordeuropa und Nordamerika (Großbritannien, USA, Kanada, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Belgien, Niederlande, Tschechische Republik, Slowakei, Italien, Österreich, Schweiz und Spanien) durchgeführt wurde, basieren die Ergebnisse der Studie auf folgenden Aussagen und Quellen:
•Die Menschen verbringen bis zu 90 % ihrer Zeit in Räumen (WHO-Europabericht 2013, US-Umweltschutzbehörde)
•Die Raumluft kann bis zu fünfmal stärker mit Schadstoffen belastet sein als die Außenluft (EPA, Arhus-Universität, CBST)
•Durch das Wohnen in feuchten und schimmeligen Gebäuden kann das Asthmarisiko um 40 % steigen (IBP Fraunhofer)
•Die Schlafräume von Kindern sind unter Umständen die am stärksten belasteten Räume im Haus (Danish Building Research Institute/Danish Eco Council/Universität Kopenhagen)

»Weshalb sollte uns das interessieren?« fragen die Autoren der Studie und geben die Antwort: »Die Belastung (der Raumluft mit Schadstoffen) führt zu einer Reihe möglicher Beschwerden wie die Reizung von Augen, Nase und Rachen sowie Husten und andere Atemwegserkrankungen. Zweitens schneidet uns das Leben in geschlossenen Räumen vom natürlichen 24-Stunden-Rhythmus ab, in dessen Rahmen wir uns als Spezies entwickelt haben. Der Chronobiologe Till Roenneberg berichtet, dass sich ein Angestellter während eines durchschnittlichen Arbeitstages im Schnitt nur 15 Minuten im Freien aufhält. Diese Zahl ergibt sich aus den Antworten mehrerer Tausend Personen, die online befragt wurden. Elektrisches Licht, digitale Geräte und eine 24-Stunden-Gesellschaft haben uns zunehmend vom Rhythmus der Natur isoliert. Dadurch kann unser natürlicher zirkadianer Rhythmus (die körpereigene 24-Stunden-Uhr, die unsere Physiologie an die verschiedenen Phasen des Tages anpasst) gestört werden, was ernste Auswirkungen auf die Schlafqualität und die allgemeine Gesundheit haben kann.«

Frühere Untersuchungen ergaben, dass die Europäer der Qualität ihres Wohnumfelds mehr Bedeutung beimessen als einer gesunden Ernährung oder körperlicher Aktivität. Dennoch zeigte die aktuelle Umfrage eine erschreckend geringe Kenntnis der Faktoren, die ein gesundes Zuhause ausmachen – wie beispielsweise ein mangelndes Bewusstsein der Bedeutung einer ausreichenden natürlichen Belüftung. Daraus leitet sich für die Autoren ein Handlungsauftrag ab: »Öffentliche Gebäude müssen genauso berücksichtigt werden wie private Wohnhäuser. Viele Büros sind mit Fenstern ausgestattet, die sich nicht öffnen lassen, oder sind so schlecht belüftet, dass die Leistungsfähigkeit nachlässt und die Fehlzeiten steigen, da verbrauchte und mit Schadstoffen belastete Luft im Gebäude gefangen ist und nicht nach draußen entweichen kann. Und auch wenn Untersuchungen schlüssig nachweisen, dass sowohl Tageslicht als auch Frischluft positive Auswirkungen auf beispielsweise Prüfungsergebnisse haben, gibt es keine eindeutige gesetzliche Regelung, die die Situation zum Positiven verändert«, erläutert Peter Foldbjerg, Head of Daylight Energy and Indoor Climate bei Velux. Der Trend zu immer energieeffizienteren Gebäuden habe unbeabsichtigt die Folge, Schadstoffe innerhalb der Gebäude einzusperren. Auch der aktuelle Beschluss der überarbeiteten europäischen Richtlinie zur Gesamtenergieeffizienz von Gebäuden, die Gesundheit, Wohlbefinden und Raumkomfort mittels technischer Gebäudeausrüstung zwar nun berücksichtigt, geht Foldbjerg noch nicht weit genug: »Es braucht mehr, um das ganzheitliche Konzept für die Gebäudegestaltung weiter zu fördern. Die gesundheitlichen Vorteile durch ein besseres Raumklima sind wissenschaftlich nachgewiesen, aber wir haben noch einen langen Weg vor uns, wenn wir die Menschen davon überzeugen wollen, dass diese Veränderungen mehr als nur ein Nice-to-have sind. Wenn wir nicht handeln, steht unsere Gesundheit auf dem Spiel.«

Erste Schritte zur Lösung sind dabei bereits die Bewusstmachung der Thematik und eine einfache Anpassung der persönlichen Verhaltensweisen. Die Architektur müsse neben der Energieeffizienz wieder den Faktoren der menschlichen Gesundheit mehr Priorität einräumen. Die Forderung scheint banal: »Gebäude sollten so gestaltet sein, dass sie ein ausreichendes Niveau an Tageslicht und Frischluft bieten und sich im Einklang mit unserem zirkadianen 24-Stunden-Rhythmus befinden.« Die Realität der uns umgebenden Alltagsarchitektur zeigt aber, dass die Auseinandersetzung mit dem Thema noch lange nicht in dem notwendigen Maße stattgefunden hat. Das Circadian House Konzept, das bereits vor einigen Jahren im Rahmen von Workshops von internationalen Experten gemeinsam mit Velux erarbeitet wurde, könnte beispielsweise Denkanstöße liefern. Es soll erleichtern im Einklang mit der Natur zu leben, da sich das Gebäude an tageszeitliche und saisonale Bedingungen anpasst und vor gefährlichen Substanzen schützt. Durch die Studie »Indoor Generation« sollen Architekten und Planer ermutigt werden, menschliche und grundlegende gesundheitliche Anforderungen in den Mittelpunkt des Bauens zu rücken. Es ist sicher wert, darüber nachzudenken. Denn an der Tatsache der Innenraumgesellschaft wird sich so schnell nichts ändern.

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