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Bauen für die Zukunft - die dritte Fassadenveranstaltung in München

Im ersten Werkvortrag mit dem Titel »Die Fassade und der Ort – Topografie, Tradition, Transformation« stellte Per Pedersen verschiedene Entwurfskonzeptionen von Staab Architekten aus Berlin vor, bei denen der Genius Loci maßgeblich Einfluss auf die Fassadengestaltung hatte. Die Einbettung in die Landschaft war das Thema etwa beim Besucherzentrum am Herkules in Kassel, das in Hanglage einen Übergangsraum zwischen Parkplatz und Schlosspark definiert. Das Leitmotiv »Fortschreibung durch Neu­interpretation« demonstrierte Per Pedersen am Beispiel des Geschäftshauses am Oberanger in München. En detail erläuterte er die Entwurfssystematik der zwei floralen Betonpaneele, die die Fassade durch unterschiedliche Perforationsgrade in den Obergeschossen zunehmend transparenter machen. Der Neubau wirkt nach außen hin geschlossen und integriert sich so in die historische Umgebung.

Anders beim Museum für Kunst und Kultur des Landesverbands Westfalen-Lippe, wo durch die Verwendung von Sandstein für die Fassade ein Bezug zum nahegelegenen Dom hergestellt wurde. Auf der Südseite des Gebäudekomplexes wird die Topographie des nach Süden abfallenden Geländes durch die Gestaltung einer öffentlichen Platzanlage mit Sitzstufen aufgegriffen.


Die nahezu vollständige Integration hinsichtlich Bautypologie und Einbettung in die Landschaft des Darß gelingt dem Kunstmuseum in Ahrenshoop. Fassade und Dach des eingeschossigen Gebäudeensembles sind gleichförmig mit gekanteten Messingblechpaneelen überzogen, durch deren fortgeschrittene Patinierung das Museum kaum mehr von den benachbarten, mit Reet gedeckten Bestandsgebäuden zu unterscheiden ist.

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Martin Sassning, Leiter des technischen Marketings der quick-mix Gruppe, stellte Verarbeitungs- und Anwendungsmöglichkeiten des Traditionswerkstoffs Putz, Wärmedämmverbundsysteme mit keramischen Belägen sowie Beispiele mit zweischaligem Verblendmauerwerk vor. Referenzprojekte wie etwa der Neubau in der Berliner Chaussestraße von Nöfer Architekten machten deutlich, dass auch klassische Gestaltungsansätze in der Baupraxis nach wie vor eine hohe Verbreitung haben. Und auch der später von Elisabeth Endres vorgestellte Low-Tech Ansatz belegt, dass Putz auch in Zukunft für die Fassadengestaltung ein aktueller und relevanter Werkstoff bleiben wird.

Roman Schieber, Leiter Fassadenplanung bei Knippers Helbig in Stuttgart und New York, stellte in seinem Vortrag »Mehrwert durch integrierte Lösungen – Die Fassade als aktiver Bestandteil des Gebäudes« die ganzheitliche Entwurfsstrategie von Knippers Helbig vor. Anhand der gezeigten Beispiele etwa des Bao’an International Airport in Shenzhen von Massimiliano Fuksas, dem Museum of Fine Arts in Houston von Steven Holl und dem Academy Museum of Motion Pictures von Renzo Piano wurde deutlich, wie stringent und überzeugend die Funktionsbündelung und die Integration von Gebäudehülle, Tragwerk und Klimatechnik aussehen kann.

Tillman Klein, derzeit Gastprofessor an der TU München, berichtete zusammen mit seinen wissenschaftlichen Mitarbeitern Moritz Mungenast und Philipp Molter über Lehre und Forschung an der Professur für Entwerfen und Gebäudehülle. Er stellte zunächst ein Forschungsprojekt über den Fassadenentwurfs- und Bauprozess vor, in dem die Rollen, Zuständigkeiten und Interessen aller Beteiligten untersucht wurden. Das Engagement der Planungsbeteiligten – angefangen beim Investor, über den Architekt, Fachplaner, Fassadenbauer, Systemhersteller – endete meist mit der Fertigstellung. Auffällig war, dass bei immer kürzer werdenden Planungs- und Produktionszyklen dem Performance Monitoring in der Nutzungsphase meist nur wenig Aufmerksamkeit zuteil wird und auch, dass in der heutigen Baupraxis so gut wie keine End-of-Life-Betrachtungen, geschweige denn Strategien für Demontage, Wiederverwendung oder Rezyklierung von Fassaden existieren. Hier müsse der Planungs- und Bauprozess in Zukunft schon in viel früheren Planungsphasen ansetzen.

Einblick in Lehre und Forschung bot Moritz Mungenast anhand von zwei Bachelorarbeiten, die sich mit den Möglichkeiten für geometrische Neuentwicklungen und die Integration von Funktionen in Bauteilen durch den 3-D Druck von Gebäudehüllen befassten. Die Attraktivität dieser noch jungen Technologie bestehe dabei vor allem in der Aussicht auf eine geschlossene digitalen Kette – von der Planung bis zur Fertigung – sowie in der Entwicklung neuer Geometrien, bei der die Gestaltungskompetenz von Architekten in Zukunft stärker denn je gefragt sein wird. Philipp Molter stellte abschließend am Beispiel zweier Studentenarbeiten experimentelle, autoreaktive Verschattungssysteme für Gebäudehüllen vor. Es wurden einfache Thermozylinder als Aktuatoren für textilen Sonnenschutz, aber auch neue Kompositmaterialien, die als Faltstrukturen ohne mechanische Gelenke auskommen, eingesetzt.

Unter dem Titel »Perfekte Ästhetik voll automatisiert – Architektur mit übergroßen Isoliergläsern« präsentierte Ralf Scheurer, Sales Engineer und Projektleiter für konstruktiven Glasbau bei sedak, einen Einblick in den Produktionsprozess, wo mit bis zu 3,2 x 15 m die weltweit größten Isolierverglasungen hergestellt werden können. Referenzprojekte wie der Apple Cube in New York und das jüngst fertig gestellte Broad Museum in Los Angeles von Diller Scofidio + Renfro machen neugierig auf zukünftige Anwendungen dieser übergroßen Verglasungen.

Elisabeth Endres, Architektin und Projektleiterin im Ingenieurbüro Hausladen, ging in ihrem Vortrag »Interaktion Fassade – Mensch – technische Systeme« der Frage »Wieviel Technik brauchen wir wirklich?« nach. Anhand von drei Beispielen – der Ganzglasfassade des O2 Towers in München, der Bandfassade des Verwaltungsgebäudes der Hypothekenbank in München und Dietmar Eberles Massivbau Lustenau 2226 – wurde eindrücklich klar, dass die Fassadenkonzeption eine maßgebliche Stellschraube in der gesamtenergetischen Betrachtung ist. Wieviel Planungsakrobatik und Berechnungskunst mithin notwendig ist, um den vom Ingenieurbüro Hausladen verfolgten Low-Tech Ansatz im energetischen Sanierungsfall zu realisieren, erläuterte sie am Beispiel der Villa Massimo in Rom, die es als deutsche Liegenschaft EnEV konform nach Nullenergiestandard zu sanieren galt.

Zum Abschluss der Veranstaltung trat Peter Haimerl, Architekt aus München auf. In seinem Vortrag mit dem Titel »Hinter der Fassade ist nichts« präsentierte er seine Arbeit, die er immer als künstlerische Intervention im Raum inszeniert. Wie das »Schwarze Haus«, ein radikaler Umbau eines so genannten Hundert-Reichsmark-Hauses in einer Siedlung für getreue NS-Parteigenossen aus den 1930er Jahren im Südwesten Münchens, bei dem sich eine Bitumenhaut als schwarzer Schatten von der Straße die Fassade hoch über das Dach und den rückwärtig anschließenden Baukörper legt.

Die Dekonstruktion der Bauaufgabe »Loft« demonstrierte er am Beispiel des nicht realisierten Entwurfs für eine Medienfabrik auf der Münchner Theresienhöhe. Hier wurde der Begriff Fassade als Raumbegrenzung verstanden, vollständig aufgelöst und in Form von Screens aus programmierten Pixeln angeordnet: Als plane Flächen in einer Matrix, in der konzeptionell weder zwischen Innen und Außen noch zwischen Boden und Decke unterschieden wird.Anders beim »Castle of Air« im Stadtpark von Cincinnatti, wo durch die Umstülpung des Grundrisses des Spiegelsaals der Nymphenburger Amalienburg eine Folly entstand, die den Pavillon selbst und die umgebende Parklandschaft gleichermaßen vervielfältigt und auflöst.

Am Ende des Tages wurde nicht nur das Leistungsspektrum eines Bauteils deutlich, das vor gar nicht allzu langer Zeit lediglich der Raumabschluss war, sondern vor allem die breite Vielfalt gleichwertiger Konzeptionen für die Gestaltung der Gebäudehülle. Und so überwältigend die Aufgabe in der Gesamtschau der Vorträge auch scheinen mochte, so vielversprechend sind die vielen neuen Ansätze in der Materialforschung und in der Weiterentwicklung von Anwendungen traditioneller Werkstoffe. In den gezeigten Konstruktions- und Fertigungsprozessen und nicht zuletzt den Möglichkeiten einer energetisch und gestalterisch hochqualitativen Architektur wird das Potenzial für das Bauen der Zukunft deutlich.

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