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Betrachtungsmodelle "FarbRaum"

Studien zur Vergangenheits- und Gegenwartsbetrachtung

von Prof. Markus Schlegel, HAWK

Trends setzen auf vergangene Trends auf und entwickeln sich aus einem bestehenden System heraus. Dabei ist Forschung vonnöten, die Trends und Stile der Vergangenheit analysiert.

Das Wissen und Verstehen der Vergangenheit und Gegenwart, also bereits vorhandener Ausdrucksformen zu Raum, Produkt, Grafik, Farbe und Materialität sowie soziokulturellen und geospezifischen Typologien ist Basis für die Entwicklung von Zukunftsszenarien und Neukreationen. Sind nachweisbare Farb-, Material- oder Strukturzyklen und Epochen in der Gestaltung erfassbar und zu beschreiben? Welche Zusammenhänge haben diese mit soziokulturellen oder politischen Entwicklungen? Wie kann ein analytisch-methodischer Scouting- und Monitoringprozess zur Vergangenheits- und Gegenwartsbetrachtung zugrunde gelegt und reproduzierbar gemacht werden? Wie kann zur Formulierung von (visualisierten) Zukunftsmodellen die Trendforschung vorgehen, um die Sehgewohnheiten nicht überzustrapazieren und diese Grenzen zu analysieren und auszuloten?

Über eigens entwickelte Betrachtungsmodelle und Mittels des Roadmappings wurden Farbphasen mit ihren Farbkompositionen erfasst und dokumentiert. Ihre Lebenszyklen und semantischen Zusätze beschreiben methodisch eine Farbepoche eines spezifisches Milieus und charakterisieren ein vergangenes Konsumentenverhalten >>Farbe<<. Die Laufzeiten und Lebenszyklen der Farbkombination können gerade durch die Beschreibung und Identifikation deren Übergänge relativ präzise verfasst werden. Politische und gesellschaftliche Rückkopplungen sind ablesbar und gestalterisch nachweisbar. Signifikante Gestaltcharaktere der Epochen sind Grundlage für die "Kontur" der Sehgewohnheiten.

Das Ziel ist die Entwicklung und Anwendung von Betrachtungsmodellen zur Erfassung und Visualisierung von Gestalttypologien. Wechselprinzipien der Einflussfaktoren auf den Gestaltungs- und Trendbildungsprozess vergangener Epochen und der Gegenwart sollen methodisch aufgespürt werden. Ein weiteres Ziel ist die Entwicklung eines Tools zum Filtern und Abbilden von gestalterisch relevanten Signifikanzen über ein systematisch-analytisches Procedere. Die Zusammenführung aller Ergebnisse, Prozesse und Anwendung führt über wissenschaftliche, kreative und szenografische "Bild"-Neuverknüpfungen zu Zukunftsmodellen.

Ausgangssituation

Der Begriff der Zukunftsforschung spielt in der Architektur, abgesehen von den ökologischen Themen, bis heute kaum eine Rolle. Trendforschung und Trendscouting ist dazu in der Architektur- und Designszene zum Teil negativ belegt. Trendforschung kann speziell für den Berufzweig Innenarchitektur von besonders großer Bedeutung sein, da wegweisende Architekturgestaltung auch von der ständigen Auseinandersetzung mit innovativen Materialien und deren Farbigkeit abhängt. Architekten, Innenarchitekten und Designer sind in ihrer Grundveranlagung Jäger und manchmal auch Sammler und somit oft an der Wegbereitung für neue Form-, Farb- und Materialtendenzen beteiligt. Die Grenzen zwischen Architektur, Design und auch direkten Einflüssen der Kunst, Mode und des Grafikdesigns sind in einigen Themenfeldern oft kaum noch auszumachen.

Ein wesentlicher Bestandteil der Zukunfts- und Trendforschung ist nach Auffassung des IIT das Verstehen der Vergangenheit und der Gegenwart sowie die ständige Dokumentation dieser in >>Text und Bild<< zu unterschiedlichen Themen.

In diesem Forschungsprojekt wird der Schwerpunkt der Betrachtung auf die letzten 50 Jahre gelegt werden. Innerhalb dieser Zeitspanne haben sich Funktion, Form, Farbe und Material von Innenarchitektur und Design, getrieben durch gesellschaftliche und technische Weiterentwicklungen und Bedürfnisse, rasant entwickelt und verändert.

Die aus Vorprojekten bestehende Dokumentation einzelner Farb- und Materialtypologien werden als epochale Farb- und Materialzyklen beschrieben. Diese setzen sich innerhalb einer Phase in der Regel aus einem Farbspektrum, verschiedenen Oberflächen, Strukturen und Formsprachen zusammen. Jeder Zyklus besteht meist aus unterschiedlichen Gestaltphasen, da immer mehrere Designrichtungen, stärker oder schwächer ausgeprägt, parallel auftreten. Die Laufzeit einer Phase, Epoche oder eines Zyklus ist themenabhängig geprägt und unterschiedlich lange.

Entwicklung eines Betrachtungsmodells zum Screening und Scouting von Rauminformationen Raumatmosphären als Schnittstelle von Mensch und Raum, die das leibliche befinden beschreiben, sind weitaus mehr als nur Raumproportion, Materialität, Struktur, Muster, Farbigkeit und Form im Raum. Hierzu zählt zum Beispiel auch das Verhältnis von Kunst- und Tageslicht, Akustik, Klima oder auch die Raumorganisation. Der Schwerpunkt unserer Betrachtung soll sich dennoch auf die visuell wahrnehmbaren Fakten der Raumhaut, der Oberflächen und deren Farbigkeit konzentrieren. Selbst die Formenvielfalt einzelner Produkte wollen wir in dieser Phase nicht immer mit einfließen lassen.

Entstanden ist eine Matrix, die als >>geführte Bildbetrachtungsanalyse<< aufgebaut ist und so systematisch die einzelnen Positionen im Bild, wie Bauelement, Material, Muster und Farbigkeit abfragt. Bildquellen und Titel werden in der Matrix erfasst und genannt, damit eine spätere Auswertung mit relevanten Bilddaten vergleichbar ist.

Die vorliegenden Erfassungen und Auswertungen der Farbkompositionen deuten eindrucksvoll darauf hin, welches Informationspotenzial in den Ergebnissen verborgen ist. Es werden erstmals nicht nur sogenannte Farbphasen in den epochalen Zyklen aufgespürt und nachgewiesen, sondern auch die zugehörigen Kompositionen und Harmonien sind erfassbar, die zu Aussagen über Farbtrends der Vergangenheit und der Zukunft von fundamentaler Bedeutung sind.

Roadmapping

Das Roadmapping stellt einen zeitlichen Ablauf dar. Alle ca. 5000 Bilddaten der Studie FRF II, die aus den jeweiligen Zeitepochen zwischen 1955 und 2009 erfasst und über signifikante Bildmerkmale als relevant dokumentiert wurden, sind in einem chronologischen zeitlichen Ablauf als Roadmap visualisiert. Dadurch ist gut ablesbar, dass die erfassten und ausgewerteten Bilddaten typische Farbspektren innerhalb eines bestimmten Zeitraums aufweisen. Eine Farbphase besteht dazu aus einer Kombination mehrerer Farbtöne, die wiederum jeweils typische Partnerschaften und Harmoniekombinationen mit sich bringen. Die Darstellung der Roadmap zeigt allerdings zum Projektabschluss Schwachstellen.

Alle über die Betrachtungsmodelle und das Roadmapping erfassten und dokumentierten Farbphasen mit ihren Farbkompositionen, ihren Lebenszyklen und semantischen Zusätzen beschreiben methodisch eine Farbepoche eines spezifisches Milieus und charakterisieren oder beschreiben ein vergangenes Konsumentenverhalten >> Farbe<<. Die Laufzeiten und Lebenszyklen der Farbkombination können gerade durch die Beschreibung und Identifikation der Übergänge relativ präzise erfasst werden. Der Prozess der Erfassung und Fortschreibung ist reproduzierbar und bildet in der Zukunft das Fundament unserer Arbeit.

Wir können die vergangenen 50 Jahre zum Beispiel in Pastell-, Bunt-, Braun- oder Weißphasen mit unterschiedlich langen Laufzeiten einteilen. Diese verhalten sich innerhalb einer entsprechenden Phase meist sehr vielschichtig, was bedeutet, dass >>Trends und Nebentrends<< niedergeschlagen in vergleichbaren und artverwandten Farbtypologien existieren. Die Interaktion von Design - Gesellschaft - Politik ist vereinzelt sehr direkt an anderen Stellen verdeckter nachweisbar. In der Studie >>FarbRaum<< des IIT der HAWK wird somit nicht nur der Wechsel von Bunt- zu Verhüllungsphasen etc. untermauert und belegt, sondern auch das Auftreten von typischen, immer wiederkehrenden Farbkombinationen in den letzten 50 Jahren festgestellt.

Allgemein ist festzuhalten, dass Gestaltrichtungen bzw. Trendtypen oder Trendwelten in Feinheiten von geospezifischen, soziokulturellen oder individuelle Faktoren abhängig sind. Das bedeutet, dass trotz globaler Strömungen und formalästhetischer Typologien immer lokale/regionale Spezifikationen beeinflussen können und die Betrachter selbst die Entschlüsselung der zeichenhaften Botschaften unterschiedlich deuten können. Diese Zusammenhänge oder Wechselbeziehungen sind bestenfalls über Live-Trendscoutings vor Ort zu prüfen.

Copyright: Institute of International Trendscouting (IIT), HAWK

Weitere Informationen finden Sie hier

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