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Foto: Studio Mumbai

Between the Sun and the Moon: Studio Mumbai Ausstellung

Lange bunte Tücher, die vor Häusern zum Trocknen hängen, ein hellblau gestrichenes Straßenlädchen mit ausklappbaren Sitzen und ein Rummelplatz bei Nacht. Drei Fotografien stimmen schon im Flur des DAM auf die Welt ein, in die man als Besucher der Ausstellung nun eintaucht. Wer schon in Indien war, verbindet sofort die Gerüche, die Geräuschkulisse und diesen unvergleichlichen Überfluss an Reizen damit. Die Ausstellung möchte auf genau diese sinnliche Art und Weise ihre Inhalte vermitteln. Dabei propagieren die Fotografien nicht das Produkt Incredible India, sondern bilden die wesentlich individuellere, kreative und informelle Lebenswirklichkeit Indiens ab.

Neue Ausstellungskonzepte setzen immer mehr auf die Möglichkeit haptischer Erfahrungen. In der von Arc en rêve centre d'architecture Bordeaux kuratierten Ausstellung sind die Ausstellungsstücke selbst so anschaulich, so sinnlich, dass sie sofort Gefühle oder Erinnerungen auslösen und so das Berühren sogar überflüssig machen. Die Exponate reichen von 1:1-Modellen und Prototypen, die zum Test der handwerklichen Technik gebaut wurden, über auf Sperrholz angefertigte Detailzeichnungen, die wie Kunstwerke an der Wand positioniert wurden, bis hin zu Filmen und Diashows, welche die Arbeitsweise in der Hofanlage des Büros in Alibag zeigen. Diese Hofanlage verkörpert die Herangehensweise des Büros und ist essentiell, um sie zu verstehen: Die über 100 Mitarbeiter, von denen gerade einmal zehn Prozent Architekten sind und der Rest vor allem Handwerker, können hier kommunizieren und arbeiten und so gemeinsam zur Entwicklung von Entwürfen beitragen. Unter ihnen sind Steinmetze, Maurer, Zimmerleute, Möbelschreiner und Blechschmiede. Da Studio Mumbai momentan ein kleines Hochhaus in Mumbai baut, sind neuerdings auch mehr Ingenieure und Bauunternehmer im Team. Diese unkonventionelle Arbeitsweise, die das Lernen vom jeweils anderen Gewerk voraussetzt und fördert, klingt für das Bauwesen nur logisch, dennoch hat es auch bei Bijoy Jain, dem Gründer von Studio Mumbai, gedauert, bis er sich dieses Konzept zu eigen machte.

Er studierte in den USA an der Washington University in St. Louis, arbeitete drei Jahre bei Richard Meier vor allem am Getty Center und gründete sein erstes Büro nach der Rückkehr in sein Heimatland 1995. Zuerst arbeitete er auf dem konventionellen Weg, legte den Handwerkern Pläne vor und versuchte gewissermaßen, ihnen die an der Hochschule erlernte Formensprache beizubringen. Obwohl er es mit sehr begabten Handwerkern zu tun hatte, war die Verständigung schwierig – was auch hierzulande kein Einzelfall ist. Doch Bijoy Jain tat, was sonst nur die wenigsten Architekten bereit sind zu tun: Er wich von seinem Plan ab und war offen für die oft viel simpleren und praktischeren Lösungen, die die Handwerker fanden. Er beschreibt diesen Prozess folgendermaßen: »In gewissem Sinne musste ich zunächst die architektonische Arbeitskultur aufgeben und eine sehr praktisch ausgerichtete Kultur des Bauens einführen. Erst nach einiger Zeit mündet dies dann wieder in Architektur.«

Diese Zusammenarbeit hatte auch zur Folge, dass die Verständigung über die Bauweise schon bei den Modellen beginnt. Selbst in kleinen Maßstäben werden zum Beispiel Mauerwerk und Anschlussdetails gezeigt. Mit Miniziegeln, die natürlich auch selbst vor Ort hergestellt wurden, wird eine hinterlüftete Hauswand gebaut. So viel Hingabe zum Modellbau ist nicht selbstverständlich und nimmt wesentlich mehr Zeit in Anspruch.

Yorck Förster, der Kurator des DAM für diese Ausstellung, freut sich deswegen aber besonders, dass die Räume nicht nur mit Surrogaten bestückt wurden, sondern dieses Mal auratische Objekte die Besucher in ihren Bann ziehen. Lehmziegel, Pigmente, Kupferdachprototypen und Testwände des Agronet House. Für letzteres wurde ein Testbau auf dem Gelände errichtet, dessen Wandkonstruktion mit Netzten aus der Landwirtschaft bespannt wurden. So konnten die Winddurchlässigkeit und Blickachsen geprüft werden. Solche Stücke machen den Charakter des Büros aus, doch muss sich dafür auch ein Bauherr finden, der sich die Zeit nehmen kann, diesen Prozess zu durchlaufen. Viele der Bauten könnte man als Low-Tech-Luxusbauten beschreiben, sie beherbergen Spa-Resorts, Wohnhäuser für Plantagenbesitzer oder hochpreisige Hotels. Durch die Arbeit von Hand und vor allem mit Materialien, die am Standort vorzufinden sind, werden die Bauprozesse zwar vereinfacht, die Transportwege kürzer – die Qualität ist überdies nicht vergleichbar mit Objekten, die sich aus industriell hergestellten Bauteilen zusammen setzen – doch es dauert auch wesentlich länger. Im deutschsprachigen Raum gebe es nur zwei Architekten, die sich in ähnlichem Maße von den zeitlichen Standards frei machten und einem detaillierten, langwierigen und der Materialität verpflichteten Bauprozess frönten. Einerseits der leider schon verstorbene Heinz Bienefeld, andererseits Peter Zumthor, so Yorck Förster.

Abschließend ist noch der bemerkenswerte Umgang des Studio Mumbai mit der Lebensdauer von Gebäuden zu erwähnen. Viele der Grundstücke, auf denen sie bauen, sind nur gepachtet. Die Nutzung der Gebäude wird sich ändern oder sie müssen sogar – wenn auch nicht in nächster Zukunft – einem anderen Objekt weichen. Als Vorbild für die alternden, ungenutzten Gebäude dienen Almen, von denen am Ende nicht mehr als ein Haufen Steine übrig ist. Sobald sie nicht mehr genutzt und in Stand gehalten werden, beginnen die Holzteile zu verrotten. Verbindungen lösen sich auf, werden zersetzt und übrig bleibt nicht die übliche, vor sich hin rostende Stahlbetonruine. Im Gegensatz zur ephemeren gebauten Architektur stehen die Modelle aus teils massiver Bronze, die für die meisten Projekte in filigraner Handarbeit angefertigt werden. Was am Ende bleibt, ist die Idee.

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