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Hierl Architekten, München, Paulaner, Headquarter

Bierseelig modern: Neue Hauptverwaltung der Paulaner-Brauerei

Tradition ohne Ziegeldach
Nicht jeder Münchner ist von dem strengen Gebäude begeistert, so mancher Nachbar vermisst an »seiner« alten Bierbrauerei das große Ziegeldach – noch während der Baustelle, als bis auf die denkmalgeschützten Außenwände der Altbau abgetragen war, gab es Proteste bis hin zu einer fraktionsübergreifenden Petition im Bayerischen Landtag. Alternativen hätte es gegeben: Nach den Entwürfen anderer Wettbewerbsteilnehmer wäre das historische Gebäude vollständig rekonstruiert worden mit einem Neubau im Hinterhof.
 
Innenhof statt Schallschutzmauer
Der ausgeführte Entwurf des Wettbewerbsgewinners bezieht sich dagegen abstrakt typologisch auf die Historie: Statt der in der Auslobung geforderten 130 Meter langen Schallschutzbebauung konfiguriert sich das Gebäude aus alt und neu um einen abgeschiedenen Innenhof, der Tageslicht in die tiefen Bürogrundrisse bringt, vor allem aber einen attraktiven Freiraum für Veranstaltungen und einen internen Biergarten bietet, der nicht von der viel befahrenen Ohlmüllerstraße beeinträchtigt wird.
Den feierlichen, fast barock anmutenden Auftakt in die neuen Bürowelten für bis zu 350 Mitarbeiter auf 8000 m2 Fläche bildet das historische Portal aus dem Jahr 1822 und die Treppenanlage, an deren Entwurf einst Leo von Klenze mitgewirkt haben soll. Auch die historischen Gewölbe im Untergeschoss, unter denen Empfänge und große Versammlungen abgehalten werden können, sind für zeitgemäße Bürobauten einzigartig. Die Verbindung von alt und neu stellen die Architekten über die Farb- und Materialwahl her: In Anlehnungen an alte Holzfässer mit Stahlringen sind die Treppenwangen aus Schwarzstahl, Türen und Wandbekleidungen aus Eiche. Bis hin zur Kantine, die hier »Esszimmer« genannt wird. Weiß getünchte Wände und schwarze Böden bringen auch in den Altbau eine Frische, fernab von jedem Wirthausmief und lassen ihn auch im Innern zu einem integrierten Teil des Ganzen werden.
 
Fassade aus tragenden Betonfertigteilen
Die offenen, bis zu 15 Meter tiefen Büroräume ohne jede Stütze oder tragende Innenwand wurden durch spezielle Stahlbetonfertigteildecken ermöglicht, in denen die gesamte Haustechnik integriert ist. Die Deckenplatten liegen auf den Beton-Fertigteilstützen der Fassade auf, die nicht als Verkleidung, sondern als tragende Fassade ausgeführt sind, bzw. auf Stahlbetonstützen, die rund um den Innenhof hinter der Ganzglasfassade stehen.
Um den Arbeitsplätzen am Hof die erforderliche Privatsphäre zu vermitteln ist die Verglasung mit einem zweifarbigen Punktraster bedruckt: Weiße Punkte zum Innenraum erlauben einen großzügigen Ausblick, während graue Punkte vom Hof aus gesehen den Blick auf und unter die Schreibtische stark filtern.
 
Nockerberg ohne Starkbier?
Weshalb erregt ein Verwaltungsgebäude eine so hohe öffentliche Aufmerksamkeit? Auf dem Paulaner Areal wird seit 1627 Bier gebraut, zunächst von den Mönchen des Kloster Neudeck zum Eigenverbrauch in der Fastenzeit, nach der Säkularisierung von Franz Xaver Zacherl, der 1822 die in den Neubau integrierte Mälzerei errichtete. Nur wenige Meter weiter, am Auer Mühlbach, befindet sich noch heute die ehemalige Eisfabrik zur Kühlung des Biers. Hier steht seit 1881 die älteste, noch am Originalstandort vorhandene Kältemaschine der Welt von Carl von Linde.
Einmal im Jahr strahlt der »Nockerberg« gar über das bayerische Fernsehen in alle Welt: mit dem Derblecken zum Starkbieranstich, einem Singspiel, bei dem die Haut Volle der Landespolitik auf die Schippe genommen wird, unter Anwesenheit der Protagonisten.
Den Salvator und die leichteren Biersorten braut Paulaner seit 2014 nicht mehr auf dem Areal in der Münchner Innenstadt, sondern am Stadtrand. Die frei gewordenen Flächen werden bis 2023 als Stadtquartiere mit insgesamt 1500 Wohnungen entwickelt.
Die Firmenleitung wollte den Traditionsstandort jedoch nicht verlassen: Im Zuge dieser Umstrukturierung wanderte der Hauptsitz vom Nockerberg hinunter ins Tal, wo er mit der ehemaligen Mälzerei als markantes Eckgebäude den städtebaulichen Auftakt zu den neuen Quartiere bilden wird.

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