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Bird's Nest. Herzog & de Meuron in China

Schwindelerregendes Wachstum, Jahrtausende alte Tradition – zwischen diesen Extremen bewegt sich der rasante Umbruch, der China in den letzten Jahren zu einer tragenden Wirtschaftsmacht aufsteigen ließ. Architekturimporte westlicher Stararchitekten wie das Olympiastadion von Herzog & de Meuron zählen zu den sichtbarsten Insignien dieser Entwicklung. Die viel diskutierte Frage, ob spektakuläre Neubauten tatsächlich eine Bresche für mehr Demokratie schlagen können oder lediglich für eine globale Umdeutung etablierter Architekturcodes stehen, verhandelt der Film allerdings nur am Rande. Er konzentriert sich stattdessen darauf, eine moralische Dimension auf kulturtheoretischer Ebene zu erschließen. Indem sie die Vielfalt disparater Lebensumstände auf engstem Raum zeigen und mit der baulichen Tristesse identitätsloser Massenware kontrastieren, liefern die Autoren gewichtige Argumente für die Dringlichkeit ambitionierter Projekte. So setzen sich Herzog & de Meuron bei den Planungen für einen neuen Stadtteil in Jinhua intensiv damit auseinander, kulturelle Eigenheiten für die Jetztzeit zu interpretieren. Ob das Projekt jemals realisiert wird steht in den Sternen, aber die Auseinandersetzung ist in vollem Gange.

Zahlreiche Interviewpartner spiegeln die Stimmungslage zwischen Regimetreue und dem Wunsch nach Erneuerung, der gegenwärtig im Bau des Olympiastadions kulminiert. Sein Voranschreiten bildet den roten Faden der Erzählung. Man sieht wie tonnenschwere Stahlträger unter enormen Anstrengungen durch die Luft gehievt werden, immer in dem Wissen, dass eine Dokumentation über Baustellenabläufe in China lückenhaft bleiben muss. Für das was einmal sein könnte, wenn man an die Unschuld von Architektur glaubt, liefert der Film gegen Ende eindrucksvolle Bilder. Der in filigrane Stützen aufgelöste Zwischenraum als symbolträchtiger Ort der Möglichkeiten und des Übergangs. In einer Überblendung sieht man Stadtbewohner Arm in Arm um das Stadion flanieren. Man trifft sich, redet, tanzt miteinander. So entsteht ein Stück Öffentlichkeit, das es ansonsten nicht gibt in der Stadt. In diesem Sinne wäre das Stadion möglicherweise tatsächlich das wichtigste Gebäude in der Karriere von Herzog & de Meuron, eine gegen den Willen zu totaler Kontrolle gebaute Utopie.

Peter Popp

Ein Film von Christoph Schaub & Michael Schindhelm T & C Film, Zürich 2008, 88 Min., dt., engl., chin. mit Untertiteln, € 22,90

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Dieser Artikel ist aus dem Heft:
DETAIL 6/2002

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