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BMW Guggenheim Lab in Berlin gelandet

Mit der Eröffnung des BMW Guggenheim Lab auf dem Berliner Pfefferbergsgelände erwartet die Besucher des urbanen Forschungslabors ein vielfältiges Programm zu städtischen Themen, aber auch Workshops, Exkursionen und Experimente.

Standort des Lab auf dem Pfefferberg-Gelände in Berlin-Prenzlauer Berg, alle Fotos: Christian Richters

„Würden Sie erlauben, dass die lokale Universität im Zentrum Ihrer Stadt ein fünfziggeschossiges Studentenheim baut?” Oder: „Würden Sie Start-up-Unternehmen eine großzügige sechsmonatige Steuerermäßigung gewähren?“ Zehn – ständig alternierende – Fragen werden dem Nutzer beim Online-Spiel Urbanology gestellt, das im Rahmen des BMW Guggenheim Lab New York im Jahr 2011 entwickelt wurde. Am Ende erfährt man, welche reale Stadt den eigenen Entscheidungen am nächsten kommt und welches Profil man „seiner“ Stadt geben würde: Ob Lifestyle, Nachhaltigkeit oder Innovationen vorne stehen, sagt etwas über die Prioritäten aus, die wir in unserem Leben setzen und auf unsere Städte übertragen. „Urbanology“ zeigt auf spielerische Weise, ob wir damit Entwicklungen wie solche in Shanghai (Nachhaltigkeit) oder Johannesburg (Lifestyle) begünstigen. 

Das seit gestern in Berlin-Prenzlauer Berg „gelandete“ BMW Guggenheim Lab hat in der deutschen Hauptstadt ein ganz anderes Programm: „Ich war selbst überrascht, wie handfest die Inhalte der Workshops sind, die schließlich für das Lab in Berlin erarbeitet wurden,“ sagt Maria Nicanor, Kuratorin des „mobilen Labors zur Erforschung zukunftsweisender Lösungsansätze für das Leben in der Stadt“. Während in New York unter anderem visionäre Szenarien zu basisdemokratischen Entscheidungsprozessen entwickelt wurden und das in den USA virulente Thema „Gesundheitsversorgung“ viel Raum einnahm, wird es in Berlin eher praktisch zur Sache gehen: In einem „Marathon of Making“ wird mit Laserschneidern und 3-D-Scannern gewerkelt, in der „Engineering Genius Bar“ kann man das eigene Daniel-Düsentrieb-Potenzial entfalten und bei „Making Things Move“ werden alltägliche Gegenstände in Bewegung versetzt.

Seit heute ist das Lab für die Öffentlichkeit zugänglich, selbstbewusst steht die leichte Carbon-Konstruktion auf einem der Höfe des Pfefferberg-Geländes. Rund 8,80 Meter hoch, 6,30 Meter breit und knapp 31 Meter lang besteht der zweigeschossige Bau aus sechs statischen Feldern, von denen je eins an jedem Ende auskragt. Und mit etwas Phantasie kann man die Schreckensvision des Trojanischen Pferdes, die zeitweise die Diskussion um den Standort des Lab dominierte, zumindest in die „Physiognomie“ des sechsbeinigen Volumens hineinlesen. 

Dabei ist die Form des langgestreckten Körpers allein aus der städtebaulichen Mikrosituation des ersten Standorts in New York entstanden: „Wir wollten in einer Baulücke zwischen zwei Straßen einen Ort schaffen, der sowohl Durchgang und Weg sein kann, als auch einen Aufenthaltsort mit Platzqualitäten bietet.“, erläutert Momoyo Kaijima von Atelier Bow Wow (Tokio) ihren Entwurf. Während sich das Lab in New York also als schmaler Riegel zwischen zwei  Brandwände geschoben hatte und dort auf beiden Seiten im öffentlichen Straßenraum präsent war, steht es in Berlin auf einem großen privatwirtschaftlich genutzten Hof. Die Idee eines urbanen „Bühnenraums“ ist dadurch schwächer, auch wenn die dem Theater entlehnten Elemente wie der „Schnürboden“, an den das mit Metallgewebe verkleidete obere Technik-Geschoss erinnert, und die ringsum verlaufenden Vorhänge bleiben. Dafür gibt es mehr Platz für die Aktivitäten, die sich auch auf die Freifläche neben dem Lab ausbreiten können, was Workshopideen wie dem „Bauen von Skateboards“ entgegenkommt.

Auch die statische Situation ist in Berlin ganz anders: „In New York waren die Windlasten geringer, auftretende Scherkräfte wurden über die Brandwände abgefangen. Zudem konnten die Fundamente vor Ort verbleiben. In Berlin wird das Lab als „Fliegender Bau“ eingestuft, die sechs Punktfundamente müssen nach dem Abbau des Lab wieder ausgegraben und der Bauplatz wieder als Wiese angelegt werden.“ Lena Kleinheinz von Magma Architekten listet die Auflagen auf, die das Berliner Büro als zuständige Kontaktarchitekten erfüllen musste. Da das für die Träger und Stützen verwendete Carbon zwar viel fester als Stahl, aber dafür sehr spröde ist, werden die Windlasten in Berlin über Zugseile in den Boden abgeleitet, auf dem Dach dreht sich sicherheitshalber ein kleines Windmessrad. „Wenn es stürmt, müssen die Metallgewebe abgenommen werden.“ Als „Baustoff der Zukunft“ sieht Momoyo Kaijima von Atelier Bow-Wow die Carbonfasern trotz ihrer bestechenden Eigenschaften nicht: „Wir haben uns vor allem wegen der Leichtigkeit des Materials für Carbon entschieden. Um eines der Profile zu tragen und einzubauen, braucht man nur zwei Personen. Aber bisher ist Carbon noch viel zu teuer, um es in größerem Maßstab einzusetzen.“ 

Einige der Workshops wurden in Berlin in Kooperation mit den ortsansässigen Initiativen entwickelt  – die Gruppe Urbanophil gehört dazu und natürlich die von der Architekturgalerie Aedes ins Leben gerufene Plattform ANCB, die direkt nebenan ihren Standort hat. Die vielen familienorientierten Programmpunkte werden vielleicht auch die lokalen Initiativen in Berlin versöhnen und die Ängste abbauen, dass hier eine global agierende und durch einen Automobilkonzern unterstützte Kulturstiftung das übertrumpfen will, was in Berlin an urbaner Kultur – von Urban Gardening bis zu den Pionierprojekten auf dem Tempelhofer Feld – bereits Tradition hat. Womöglich wird sie diese einfach ergänzen.

(Cordula Vielhauer)

Allgemeine Informationen:

Guggenheim Lab Berlin, Pfefferberg, Schönhauser Allee 176, Berlin-Prenzlauer Berg

15. Juni – 29. Juli 2012, geöffnet mi-fr von 14-22 Uhr, sa+so 12-22 Uhr

Präsentiert werden über hundert kostenfreie Veranstaltungen: www.bmwguggenheimlab.org

Das BMW Guggenheim Lab ist ein über sechs Jahre laufendes Projekt, das in drei zweijährige Zyklen gegliedert ist. Derzeit läuft der erste Zyklus unter dem Motto „Confronting Comfort: Ideen für die Großstadt“. Das von Atelier Bow-Wow (Tokio) entworfene Gebäude wird in den beiden folgenden Zyklen durch je andere Architekturen ersetzt. Das Lab-Team für Berlin besteht aus Carlo Ratti, José Gómez-Márquez, Corinne Rose und Rachel Smith unter der Leitung der Kuratorin Maria Nicanor.

Die Programmpunkte sind in vier Hauptthemen untergliedert:

Empowerment Technologies: Technologien zum Mitgestalten von Städten (15. – 24. Juni) José Gómez-Márquez leitet die Little Devices Group am Massachusetts Institute of Technology in Boston und ist ein Pionier innovativer Ansätze im Gesundheitswesen. Er wird eine Serie von Do-It-Yourself Workshops durchführen, die zeigen, wie man die eigene Stadt mitgestalten kann, indem man öffentliche Räume „hackt“ und umwandelt.

Dynamic Connections: Dynamische Verbindungen (27. Juni – 6. Juli) Rachel Smith, leitende Verkehrsplanerin bei AECOM in der australischen Stadt Brisbane, wird Aktivitäten im Bereich nachhaltige Mobilität und Gemeinschaftsbildung leiten.

Urban Micro-Lens: Städtische Mikroanalyse (7. – 18. Juli) Die in Berlin lebende Künstlerin und Psychologin Corinne Rose, die im Bereich Fotografie und Video arbeitet und an der Schweizer Hochschule der Künste Bern lehrt, wird sich mit der Schnittstelle zwischen Psychologie, Architektur und Kunst beschäftigen. Dabei geht es um Wahrnehmung, Kommunikation und Emotion im städtischen Raum.

 

SENSEable City: Sinnliche Wahrnehmung und die Stadt (19. – 29. Juli) Der Architekt und Ingenieur Carlo Rats, der in Italien ansässig ist und auch das SENSEable City Lab am Massachusetts Institute of Technology in Boston leitet, hinterfragt in seinem Programmteil, wie neue Technologien das urbane Leben, Bewusstsein und Design verändern können.

Maria Nicanor (Kuratorin Guggenheim-Stiftung), Momoyo Kaijima (Atelier Bow-Wow, Tokio) und Lena Kleinheinz (magma architecture, Berlin), dieses und alle folgenden Fotos: DETAIL
Modellfoto Situation in New York, Foto: DETAIL
Modellfoto Situation in New York, Foto: DETAIL
Maria Nicanor vor dem Lab auf dem Pfefferberg, Foto: DETAIL
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