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Herzog & de Meuron, Bergbahn Chäserrugg

Chäserrugg – Gipfel der Bescheidenheit?

James Bond oder Heidi?
Selbst Stubenhocker, die nie einen eigenen Schritt in die Bergwelt setzen werden, haben ein festgefahrenes Bild von einer Schweizer Bergstation: Die Schaltzentrale des Bösewichts Blofeld auf dem Piz Gloria, die im James-Bond-Klassiker »Im Geheimdienst Ihrer Majestät« 1969 so dramatisch in Szene gesetzt wurde. Noch heute kann man am Originalschauplatz, dem knapp 3000 Meter hohen Gipfel des Schilthorns, auf den Spuren von 007 wandeln.

Der Bergrücken des Chäserrugg kann mit einer solch prominenten Historie nicht aufwarten. Mit 2262 Metern thront er dennoch als einer der sieben Churfürsten erhaben über Rheintal und Walensee. Im Sommer wie im Winter bietet das weitläufige Gelände zahlreiche Bergsportmöglichkeiten. Die Schlepplifte ermöglichten jedoch nur in der Wintersaison eine durchgängige Erschließung. Lange Wartezeiten und unattraktive, zu kleine Verpflegungsstationen brachten die Bergbahnen an die Grenzen der Rentabilität.

In zwei Bauabschnitten haben die Betreiber nun das Erholungsgebiet besser erschlossen und hoffen damit, dem gesamten Tal zu einem wirtschaftlichen Aufschwung zu verhelfen: Die Bergstation der Gondelbahn Unterwasser-Iltios-Chäserrugg aus dem Jahre 1972 und die beengte Gaststätte wurden abgetragen. An gleicher Stelle, aber um 90 Grad gedreht, wurde ein neues Gipfelrestaurant in vorgefertigter Holzkonstruktion errichtet, in die die Bergstation unter einem gemeinsamen Dach integriert ist. Die verglaste Längsseite des großzügigen Gastraums orientiert sich jetzt zum Bergpanorama. Ende Januar 2016 wurde als zweite neu angelegte Gondelbahn von der anderen Bergseite die Espel-Stöfeli-Chäserrugg-Bahn eröffnet – mit 10er Kabinen, die zwei alte Schlepplifte ersetzen.

Neue Einfachheit ohne Starattitüde
Beide Projekte entwickelten die Bauherren gemeinsam mit Herzog & de Meuron. Spektakuläre, futuristische High-Tech-Architektur à la James Bond war hier jedoch nicht gefragt. Die Architektursprache und Materialisierung folgt vielmehr einfachen ortstypischen Typologien der Scheunen und Berghäuser. Damit stehen das Chäserrugg-Gipfelrestaurant und die Stöfeli-Bahn im Werk von Herzog & de Meuron in einer Reihe mit archaischen Bauten wie dem Parrish Art Museum auf Long Island (2012), der Sporthalle Arena do Morro im brasilianischen Natal (2014), dem Slow Food Pavillon auf der EXPO 2015 Milano oder dem Museum Unterlinden in Colmar (2016).

Die Stahlkonstruktionen der Berg-und Talstation ruhen auf  Stahlbetonfundamenten. Bei der Talstation Espels ist die Bodenplatte nur flach über dem Boden angehoben, bei der Bergstation Chäserrugg können im aufgeständerten Betonsockel Pistenfahrzeuge eingestellt werden. Graue Faserzementschindeln auf den Satteldächern und graue Faserzement-Wellpatten an den Fassaden der Tal- und Bergstation erinnern an die verwitterten Holzställe.
Für die Zwischenstation Stöfeli, die am Rande eines Lawinenhangs liegt, wählten die Architekten die Typologie einfacher Lawinenverbauungen. Der Richtungswechsel der Bahn bildet sich in der Fächerstruktur des Stahlbetontragwerks ab. Hier können die 78 Gondeln geparkt werden und im Untergeschoss befindet sich der Antrieb und weitere Technikräume.
Beim Gipfelrestaurant ist trotz aller Zurückhaltung der ruppige  Charme der 1970er Jahre erhalten geblieben, nicht zuletzt durch die unbekleidete Fundamentplattform aus Sichtbeton. Und bei aller landschaftsbezogener Haltung strahlt die auskragende Platte dennoch einen Hauch von Kühnheit und Schauer über dem Abgrund aus. Ein Funken James Bond steckt in jedem Architekten, der es wagt auf einem Berggipfel zu bauen.

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