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Das Design der Knappheit

Heutzutage lebt ein Großteil der Bevölkerung in Westeuropa in einer Wohlstandsgesellschaft und gleichzeitig wird uns das Gefühl einer immerwährenden Knappheit vermittelt. Ob es sich um Kürzungen in unseren Sozialsystemen handelt oder ob es um den Flächenmangel in unseren Städten geht – die produzierte Austerität hat uns längst erfasst. Zur selben Zeit konsumieren wir mehr denn je. Das neue Mobiltelefon, der Laptop, die Kleidung. Wie kann eine geplante Obsoleszenz eine Knappheit rechtfertigen? Oder bildet sie als Form einer Begehrensproduktion gar einen Teil des Diskurses? Welche Rolle spielt dabei das Design?

Eine Forschung zur Knappheit
Das Studienheft zum Problemorientierten Design befasst sich in seiner siebten Ausgabe mit dem Design der Knappheit. Als Grundlage für das Buch diente das Forschungsprojekt Scarcity and Creativity in the Built Environment (SCIBE), das die Beziehungen zwischen Knappheit und Kreativität im städtebaulichen Kontext untersucht. Welche Auswirkungen haben Knappheitszustände auf die beteiligten Akteure und wie wirkt sich dieses Phänomen letztlich auf unsere Architektur aus? Geforscht wird dazu momentan in London, Oslo, Reykjavik und Wien.

In Form eines Essays geben die Autoren einen Überblick zur Komplexität und den Zusammenhängen dieser Thematik. Sie zeigen auf, dass dabei nicht die alleinige Betrachtung auf einer Disziplinebene ausreicht. Vielmehr muss der gesamte Kontext, der mit der Knappheit einhergeht, berücksichtigt werden. So werden in der Publikation neben dem Design auch die Felder der Ökonomie und Ökologie sowie historische Referenzen in Betracht gezogen.

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Das Design der Knappheit, Adocs Verlag Hamburg

Von der historischen Landwirtschaft bis zum heutigen Wohnungsmarkt
Für die Vielfältigkeit in der Erzeugung von Knappheit führen die Autoren als Beispiel eine historische Ursache auf, die ein Verständnis für die produzierte Knappheit schaffen soll. Bereits Ende des 18. Jahrhunderts wurden in Großbritannien aus kapitalsteigernden Bestrebungen Knappheiten in der Landwirtschaft geschaffen, die bis heute weitreichende Folgen mit sich ziehen sollten. Die Auflösung der Allmenderechte im sogenannten Enclosure Act sah vor, bisherig gemeinschaftlich genutztes Land zu privatisieren, um möglichst effiziente Erträge daraus zu generieren. Als Konsequenz resultierte eine massive Verarmung der Bauern, die u.a. emigrieren bzw. in nahe gelegenen Städten ihr Geld in den neu entstandenen Fabriken der Industrialisierung erwerben mussten. Die Begründung hierfür lag darin, dass durch die Privatisierung von Land die Effizienz der Erträge steigen würde, sodass man damit auch die Ernährung einer wachsenden Bevölkerung sicherstellen könne. Solche Mechanismen könnten die drohende Knappheit kontrollieren und gleichzeitig allen eine gleichberechtigte Versorgung gewährleisten.

Dass Knappheit sich auch in Designprozessen wiederfindet, lässt sich im technologischen Bereich besonders deutlich erfassen. Man strebt danach, Knappheit durch die optimale Nutzung von Ressourcen abzumildern und gleichzeitig die maximale Effizienz eines Produktes hervorzuholen. Diese steten Erneuerungen führen jedoch zu einer (geplanten) Obsoleszenz der Konsumartikel. Dies wird selbst bis in den Bereich der Architektur im Bereich des Wohnungsmarkts weitergetrieben. Statt nachhaltige und adaptierbare Grundrisse zu entwickeln, die sich an die persönliche Lebensphase anpassen lassen, werden starre Bauten entwickelt, die lediglich für eine bestimmte Phase bestimmt sind. Verändern sich die Lebensumstände, muss man sich eine neue Wohnung suchen, was letztlich zu fortwährenden Anfragen am Wohnungsmarkt führt und diesen weiter vorantreibt.

Dass die Form der Knappheit längst nicht nur bei den Grundrissentwürfen von Wohnbauten bleibt, zeigt die Weiterführung der Gedanken, die sich bis zur Wahl der Baumaterialien fortführen lässt. Selbst die Herstellung von Beton, dem weltweit am meisten verwendeten Material, führt zu ökonomischen und ökologischen Knappheiten, die massive, globale Auswirkungen haben. Die aufgeführten Beispiele zeigen, wie komplex die Thematik von Grund auf ist und welche Schwierigkeiten sie im Produktionsprozess bereiten kann. Wie lässt sich nun der richtige Umgang mit Knappheit finden? Kann man Knappheit beseitigen? Was geschieht, wenn man an einem Regler dreht – schafft man damit nicht gleichzeitig neue Knappheit an einem anderen Ende? Welche Aufgabe liegt dabei bei den Designern?

Redesign
Die Autoren schlagen einen Perspektivwechsel vor und plädieren für einen bewussten Umgang mit Knappheit. Design Thinking spielt dabei eine essenzielle Rolle. Unter Design Thinking versteht man eine neue Designpraxis, die sich interdisziplinär mit der Wirtschaft verknüpft und aus komplexen Problemfolgen nach Lösungen sucht. Um dies zu erreichen, benötigt man ein Verständnis über die komplexen Prozessabläufe. Diese schaffen wiederum ein Bewusstsein für das relationale Gefüge und ermöglichen Änderungen und Anpassungen. In der Architektur trifft man beispielsweise auf Cradle to Cradle Konzepte, die geschlossene Materialkreisläufe vorsehen.

Der Essay ruft auf, Produktionsprozesse kritisch zu hinterfragen und gleichzeitig nach ressourcenschonenden und nachhaltigen Optionen zu suchen. Knappheit wird unter anderem aus einem Begehren heraus geschaffen. Daher sollte man sich das Verhältnis aus Wunsch und Mangel vergegenwärtigen. Eine Perspektivänderung auf die Thematik kann schließlich alternative Gestaltungspraktiken in der Architektur und Stadtentwicklung schaffen und zu neuen Lösungsansätzen führen. 

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