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Deggendorf ist überall: Hochwasserpass und -schutzfibel als Instrumente der Prävention

Auch ein Jahr nach dem verheerenden Hochwasser 2013 im bayerischen Deggendorf und dem Hurrikan Katrina 2005 in New Orleans  werden die Folgen von Flutkatastrophen noch immer weltweit unterschätzt. Der folgende Artikel behandelt die Signifikanz des präventiven Hochwasserschutzes.

Donau-Anzeiger, Foto: Peter Kallus
Donau-Anzeiger, Foto: Peter Kallus

Was haben die Ortsteile Fischerdorf und Natternberg im bayerischen Deggendorf mit dem Französischen Viertel in New Orleans gemeinsam? An beiden Orten hat eine Flutkatastrophe die Bevölkerung getroffen, deren Folgen bis heute noch nicht restlos beseitigt sind. Beide Orte provozieren die Fragen, wie man solche Überschwemmungsereignisse verhindern kann, wie die Schäden sachgerecht zu sanieren sind und wie in Zukunft in Überschwemmungsgebieten gebaut werden muss. Einsatzpläne und Handlungsrichtlinien gab es in New Orleans wie in Deggendorf.

Beide Beispiele zeigen aber, dass diese Szenarien nicht als oberste Priorität der Verwaltungen gesehen wurden und dass es erheblichen Verbesserungsbedarf gibt in der Kommunikation zwischen Behörden, betroffenen Bürgern, Sachverständigen, Architekten und ausführenden Firmen.

In New Orleans findet am 17. Mai die zweite große Gala statt, um die Opfer zu unterstützen. Die Hochwasserschäden dort schafften es zweimal in die internationalen Schlagzeilen: Zum einen als Beispiel für das Versagen von unzulänglichen Katastrophenplänen, deren überarbeitete Neuauflage unbeachtet in den Schubladen liegen blieb. Im Zuge der zweiten Veröffentlichungswelle aber fand New Orleans weltweit Beachtung durch die bildmächtige Intervention von 150 pinkfarbenen Notunterkünften, die das gesamte Quartier zur poppigen Zeltstadt verwandelte. »The Pink Project« nannte der Hollywood-Schauspieler Bratt Pitt seine Initiative, viele Betrachter verwechselten die Bilder mit einer Kunstinstallation.

The Pink Project, Foto: Mavis Yorks
The Pink Project, Foto: Mavis Yorks

Der berühmte Name, die knalligen Bilder und die fachliche Unterstützung durch Partner wie das Berliner Architektenteam Graft sorgte nicht nur für kurzlebige Aufmerksamkeit, sondern trug inzwischen nachhaltig Früchte: Die von Brad Pitt 2007 gegründete Organisation »Make it Right« hat sich über den Think Tank und Spontanhilfe zu einer Plattform entwickelt, die auch über New Orleans hinaus Menschen in Not beim Wiederaufbau unterstützt.

Foto: Mark Kammerbauer
Graft, Foto: Mark Kammerbauer
Foto: Mark Kammerbauer
Foto: Mark Kammerbauer

Auf www.makeitright.org finden sich unter »Library and Laboratory« eigens für Überschwemmungsgebiete taugliche Materialien und Konstruktionen. Für den Wiederaufbau von Einfamilienhäusern im French Quarter in New Orleans hatte Brad Pitt zunächst 13 internationale Architekturbüros beauftragt, Anfang 2009 waren die ersten sechs »Hochwasserhäuser« fertig, zum Beispiel von Graft und  Kieran Timberlake. Alle sind auf Stelzen aufgeständert, sollen den LEED Platin -Standard erfüllen und Prinzipien des Cradle to Cradle berücksichtigen.
Das Projekt geht weiter und auch Stars wie Frank Gehry haben inzwischen Ihren architektonischen Beitrag geleistet.

Foto: Mark Kammerbauer
Foto: Mark Kammerbauer

Zurück nach Deggendorf: Hier bauen keine Stars, und die Neubauten stehen hier auch nicht auf Stelzen. Doch architektonische Kriterien sind nur ein Aspekt bei der Bewältigung von Überschwemmungskatastrophen. »Genauso wichtig, wie die Sanierung der Bausubstanz bzw. der Wiederaufbau ist die soziale Betreuung der Betroffenen. Oft handelt es sich um Alte und schwache Menschen. Im Internationalen Sprachgebrauch wurde daher der Begriff der Verwundbarkeit eingeführt, in Deutschland wird dieser Aspekt noch zu wenig beachtet« sagt Mark Kammerbauer, der sich im Rahmen seiner Dissertation und Publikation »Planning Urban Desaster Recovery« mit den sozialen Folgen von Katrina in New Orleans beschäftigt hat.

Jetzt durchstreift Kammerbauer das Gebiet von Deggendorf und Passau, um seine Forschungsergenbisse auf eine breitere Basis zu stellen und seine Erfahrungen miteinzubringen. Er spricht mit Betroffenen, Sachverständigen, Behörden. »Deggendorf braucht keinen Brad Pitt, aber die bereits Vorhandenen Erkenntnisse müssen einfach deutlicher kommuniziert werden. Insbesondere die brisante Suituation durch die Kontamination der Häuser durch ausgetretenes Heizöl wird von vielen Seiten unterschätzt.« Überall in den Ortsteilen Fischerdorf und Natternberg lässt sich bis heute der Hochwasserpegel durch eine braune Linie ablesen: An Hauswänden, Hecken und Scheunentoren.

Foto: Mark Kammerbauer
Foto: Mark Kammerbauer

Das beim Hochwasser ausgetretene Heizöl macht viele Häuser unbewohnbar. Die Folge sind Leerstand (Abb. links) oder Abriss (Abb. rechts), wenn aufgrund des hohen Schadstoffgehalts keine Sanierung möglich ist. Die ersten Neubauten sind schon wieder im Entstehen. Doch was haben Behörden und Bürger gelernt? Die Häuser stehen nicht auf Stützen, sehen dem Bestand zum Verwechseln ähnlich. Werden die Öltanks erneut unter dem Hochwasserspiegel im Keller eingebaut oder hat man dazugelernt? Werden die Behörden die Energieversorgung in Überschwemmungsgebieten mit Heizöl grundsätzlich verbieten? Werden sie den Einbau von doppelwandigen Sicherheitstanks und die Befestigung gegen Aufschwimmen konsequenter kontrollieren als bisher? Werden Bauherren intensiver informiert durch Broschüren wie die Hochwasserschutzfibel, die ja schon seit Jahren existieren und immer wieder aktualisiert werden? Viele Instrumente existieren bereits. Wieviele der Betroffenen kennen den »Hochwasserpass«, den ein Sachverständiger ausstellen muss? Sollte er in Überschwemmungsgebieten zur Pflicht gemacht werden?

An sämtlichen Hecken lässt sich der Hochwasserpegel durch eine braune Schlammschicht noch heute erkennen (links). Typisches Bild in Deggendorf: Haus mit abgeschlagenem »Hochwassersockel« (rechts). Fotos: Mark Kammerbauer
An sämtlichen Hecken lässt sich der Hochwasserpegel durch eine braune Schlammschicht noch heute erkennen (links). Typisches Bild in Deggendorf: Haus mit abgeschlagenem »Hochwassersockel« (rechts). Fotos: Mark Kammerbauer

Mark Kammerbauer warnt vor Aktionismus: »Vor einer Sanierung muss die Bausubstanz ausgetrocknet sein. Bei der Sanierung sollten die Bauherren fachkundigen Rat einholen und sich nicht von geschäftstüchtigen unqualifizierten Sanierungsfirmen Spontanmaßnahmen aufschwätzen lassen. In Passau zum Beispiel wurde versucht, durch Heizöl verseuchte Wände mit bituminösen Materialien abzudichten. So etwas kann nicht funktionieren.«

Foto: Mark Kammerbauer
Foto: Mark Kammerbauer

Die unsichtbare Gefahr nach dem Hochwasser stellt ausgetretenes Heizöl dar, das als Wasser-Öl-Gemisch bis in die feinsten Poren des Mauerwerks eindringt. »Vor einer Sanierungsmaßnahme müssen Bohrkerne entnommen werden, die im Labor auf den Grad der Kontamination untersucht werden. Ist diese zu hoch, bleibt nur noch der Abriss. Der Teufel steckt aber auch hier im Detail: Die Bohrkerne sollten in Glasbehältern transportiert und gelagert werden. Bei Lagerung in Plastiktüten besteht die Gefahr, dass diese ausgasen und die Messungen verfälschen.«

Mechanische Sicherungen gegen das Aufschwimmen von Heizöltanks bei Hochwasser. Stahlgerüste (links) oder Gurten mit Haken, die im Boden verankert sind (rechts). Wenn die Bodenhaken die Sicherungswanne durchdringen, sollten aber doppelwandige Sicherheits
Mechanische Sicherungen gegen das Aufschwimmen von Heizöltanks bei Hochwasser. Stahlgerüste (links) oder Gurten mit Haken, die im Boden verankert sind (rechts). Wenn die Bodenhaken die Sicherungswanne durchdringen, sollten aber doppelwandige Sicherheitstanks verwendet werden. Fotos: Peter Page
Doppelwandige Sicherheitstanks der neusten Generation ersetzen aufwändige bauseitige Wannenkonstruktionen und sind auch für Bioheizöl zugelassen. Einige Produkte sind mit Spezialanschlüssen ausgestattet, die sich beim Aufschwimmen des Tanks selbsttät
Doppelwandige Sicherheitstanks der neusten Generation ersetzen aufwändige bauseitige Wannenkonstruktionen und sind auch für Bioheizöl zugelassen. Einige Produkte sind mit Spezialanschlüssen ausgestattet, die sich beim Aufschwimmen des Tanks selbsttätig verschließen. Fotos: Rotex

Unmittelbar nach dem Hochwasser 2013 veröffentlichte das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung die Hochwasserschutzfibel für Objektschutz und bauliche Vorsorge. Das 60-seitige Dokument ist an Bauherren und Nutzer von Wohnbauten wie Hausbesitzer und Mieter ebenso orientiert wie an Architekten und Fachplaner. Als Ratgeber soll die Hochwasserschutzfibel dabei nicht nur Schutzkonzepte im Rahmen der Gebäudeplanung unterstützen. Sie weist auch auf Strategien zur Vorsorge und empfohlene Verhaltensweisen für Bürger im Fall eines Hochwassers hin. Das Ziel ist dabei die Vermeidung von Schäden.

Das behandelte Themenfeld umfasst bauliche Vorsorgemassnahmen, die persönliche und nachbarschaftliche Planung ebenso wie Evakuierung und den möglichen Aufenthalt in Notquartieren in Folge eines Hochwassers. Mögliche Risiken und Formen des Versagens schützender Infrastruktur werden ebenso angesprochen. Das Spannungsfeld reicht von technischen Optimierungsmöglichkeiten bis hin zur Öffentlichkeitsarbeit zur Information der Bürger, die einem Risiko ausgesetzt sind. Ergänzt wird die Hochwasserschutzfibel durch Anhänge über hochwasserbeständige Baumaterialien und Checklisten, die der privaten Hochwasservorsorge dienen.

Eine ausführliche Print-Dokumentation finden Sie in unserer Ausgabe DETAIL 2014/5 zum Thema »Umnutzung, Ergänzung, Sanierung«.

Stichworte:
Dieser Artikel ist aus dem Heft:
DETAIL 5/2014

Umnutzung, Ergänzung, Sanierung

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