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Der Architekt als Vergabedekoration

Geladene Wettbewerbe mit immer längeren Gästelisten, die Verlagerung des Ergebnisses in eine undurchsichtige Phase nach dem eigentlichen Wettbewerb und die Mutation des Wettbewerbsbeitrags vom Entwurfswerkzeug zum unfreiwilligen Give-Away in einer Stadtmarketing-Kampagne: ein Kommentar zum Wettbewerbswesen.

Kunsthalle Mannheim: Staab Architekten, 1.Preis
Kunsthalle Mannheim: gmp, 1.Preis
Kunsthalle Mannheim: Peter Puetz, 1.Preis

Es ist eine Tendenz, der man keine Zukunft wünscht: Immer häufiger wird – besonders bei geladenen Wettbewerben – nicht ein 1. Preis  vergeben, vielmehr werden mehrere erste oder zweite Preisträger gekürt. So geschehen beispielsweise beim Wettbewerb für das Bauhausmuseum Weimar oder jüngst beim Wettbewerb für die Kunsthalle Mannheim

Dabei führt das Verhandlungsverfahren, das für die „Gewinnerbüros“ im Anschluss an das „Zwischenergebnis“ ansteht, nun quasi zu einem neuen Wettbewerb, in dem die Kriterien Wirtschaftlichkeit, Projektorganisation und Honorarangebot höher bewertet werden (in Mannheim mit 50 Prozent) als die vorangegangene Entwurfsleistung (30 Prozent). Da letztere ohnehin für alle gleichrangig bewertet wurde, startet kein entwurfsstarkes Büro mehr mit einer höheren Punktzahl ins Rennen, vielmehr mutiert das gewonnene Preisgeld zum Bearbeitungshonorar, denn die Weiterentwicklung des Wettbewerbsergebnisses fließt (in Mannheim mit 20 Prozent) selbstverständlich ebenfalls in die Bewertung ein.

Die ursprüngliche Idee des Bewertungssystems der RPW, dem besten Entwurf einen punktemäßigen Vorsprung im anschließenden Verhandlungsverfahren zu sichern, wird bei einer Gleichbewertung aller Entwürfe konterkariert.

Weil zwei der drei „Gewinner“ in solch einem Prozess zu Verlierern werden (durch die Gleichverteilung des Preisgeldes kann auch ein Auftragsverlust schlechter kompensiert werden), bekommen die Worte von Jurymitglied Ulrike Lorenz, Direktorin der Kunsthalle Mannheim, einen schalen Beigeschmack: „Wir haben uns ... entschlossen, der Stiftung die Möglichkeit zu geben, aus drei gleichrangig guten Preisträgern tatsächlich das Maximum an Möglichkeiten herauszuholen.“

Als teilnehmender Architekt kann man jedoch schon ob der Zahl der geladenen Büros die Brauen runzeln: Ein geladener Wettbewerb mit 30 Architekten? Das ist eine Zahl, bei der aus rein statistischen Gründen die Chance auf eine Platzierung oder gar einen Gewinn stark schrumpft.
Ursprünglich waren geladene Wettbewerbe eine Auszeichnung für die erworbene Kompetenz der Architekten und mit einem geringeren Risiko verbunden, da sich deren Anzahl auf eine Handvoll beschränkte und man davon ausgehen konnte, dass über Platzierungen und Anerkennungen jeder Teilnehmer zumindest die Bearbeitungskosten wieder ausgleichen konnte. Doch bei 30 Teilnehmern steigt das Risiko selbstverständlich. „Wir sind überrascht, dass große internationale Namen aus guten Gründen schon in der ersten Runde ausgeschieden sind,“ sagt Ulrike Lorenz. Tatsächlich? Gerade die „großen internationalen Namen“ denken schließlich wirtschaftlich und werden den kostenintensiven Aufwand für ein derart unsicheres Vorhaben wie solch einen Wettbewerb stark begrenzen. Und sie sind nicht so angewiesen auf den Auftrag wie die kleineren Büros.

Die Listen der Teilnehmer sind häufig aber nicht nur lang, sie sind auch sehr heterogen; „Starchitects“ sind ebenso dabei wie „Big Player“, aber auch kleinere, künstlerisch arbeitende Büros. Besonders letztere dürfen sich fragen, ob sie bei solchen Wettbewerben nicht zur „Vergabedekoration“ benutzt werden. Für die Auslober ist so eine Bandbreite natürlich schön, man fragt sich aber auch, ob die Erzielung einer guten architektonischen Lösung in diesem Rahmen das einzige Ziel eines Wettbewerbs ist, oder ob nicht vielmehr Museums- und Stadtmarketing-relevante Aspekte heute ebenfalls eine große Rolle bei der Konzeption solcher Wettbewerbe spielen.

Dafür spricht auch, dass beispielsweise beim Wettbewerb um die Kunsthalle Mannheim trotz mannigfaltiger Zitate aus dem Preisgericht in der Pressemitteilung kein einziges die tatsächlichen entwurflichen Ansätze – vom großen Volumen für die harte städtebauliche Kante bis zum kleineren Stadtbaustein zur Erzeugung einer Platzsituation – benennt. Juryvorsitz Jörg Friedrich sagt vielmehr: „Super! 29 wahnsinnig interessante, völlig unterschiedliche Arbeiten. Viel Diskussionsstoff, große Bandbreite der Architektur. Wir haben hier einen Spiegel der derzeitigen Architekturentwicklung in der Welt in Mannheim versammelt.“ 

Genau. Damit können die Kunsthalle und die Stadt Mannheim jetzt werben: Beide bekommen nicht nur einen guten Entwurf, sondern auch gleich noch eine interessante Ausstellung mitgeliefert, mit der ihnen mediale Aufmerksamkeit und ein kunst- und architekturinteressiertes Publikum sicher sind. Der Wettbewerbsbeitrag des Einzelnen ist damit nun jedoch nicht mehr das Mittel zum Zweck einer guten architektonischen Lösung – sondern erhält zusätzlich noch eine ganz andere Funktion: Er wird zum Exponat in einer Ausstellung zur Imageförderung von Kunsthalle und Stadt Mannheim. Auch dagegen wäre zunächst gar nichts zu sagen. Aber es wäre schön, wenn auch alle Autoren dieser Exponate anständig vergütet würden – so wie dies bei jedem anderen Exponat der Fall ist.

Die Architekten müssten ja einfach nicht mitmachen? Zudem ist eine Stiftung kein öffentlicher Bauherr? Stimmt. Aber die Behauptung, so würde Baukultur gefördert, die stimmt nicht.

(Cordula Vielhauer)

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