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Der Baustoffmarkt der Zukunft

Das Ende der monolithischen Wand?

In höchst leistungsfähigen und spezialisierten Baustoffen liegt nach Ansicht von Dr.-Ing. Tanja Brockmann, Referatsleiterin im Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) des Bundesamts für Bauwesen und Raumordnung (BBR), die Zukunft der Baustoffe begründet. Eine große Herausforderung wird ihrer Ansicht nach vor allem sein, die Recycelfähigkeit der Baumaterialien zu verbessern. Dies geht aus einem kürzlich stattgefundenen Interview mit dem BBR hervor.

BBR: Neue Materialien im Bauwesen. Was kommt auf uns zu?

Tanja Brockmann: Die bestehenden Materialien werden bleiben - wir werden auch zukünftig mit Beton, Glas, Holz arbeiten. Innerhalb dieser Materialgruppen finden jedoch Veränderungen statt. Meist handelt es sich um kleinere Eingriffe, die starke Auswirkungen haben. Zum einen wird versucht, die Leistungsfähigkeit einzelner Baustoffe zu verbessern, um im Ergebnis hochfeste und schlanke Bauteile herstellen zu können. Ein weiterer Trend ist die Entwicklung hochspezialisierter Baustoffe, der vor allem von der chemischen Industrie vorangetrieben wird. Nehmen wir bespielweise den Innenputz: Durch die Zugabe eines Phasenwechselmaterials wie Paraffin wird aus einem Baustoff, der ursprünglich allein der Wandverkleidung diente, ein Element zur gezielten Beeinflussung der Raumtemperatur.

BBR: Wie wird die Baustoffspezialisierung die Gebäudeplanung beeinflussen?

Tanja Brockmann: Aus der Kombination aus diesen spezialisierten Baustoffen mit ihren neuen Produkteigenschaften kann man multifunktionale Bauteile für viele Anwendungsfälle entwickeln. Innenwände trennen nicht nur Räume, sondern beeinflussen die Raumakustik, die Raumtemperatur, reinigen mittels fotokatalytischer Zugaben die Raumluft. Hier entsteht ein neues Feld für die kreative Planung von Gebäuden. Kommenden Planergenerationen werden sich von der monolithischen Wand verabschieden und mit multifunktionalen Bauteilen arbeiten, die für jedes Projekt nutzungsspezifisch entwickelt werden.

BBR: Die Materialvielfalt auf der Baustelle ist schon jetzt unübersehbar. Während die Autoindustrie eine Rücknahmeverpflichtung unterzeichnet hat, mit der Folgewirkung, dass in heutigen Autos nur noch die Hälfte der Materialvielfalt verbaut wird, sieht man im Bauwesen keine Materialgrenzen oder herstellerbezogene Rücknahmeverpflichtungen.

Tanja Brockmann: Die Baustoffindustrie wird die Rücknahme einrichten müssen - Schätzungsweise 70 Mio. t Rückbaumaterial fallen in Deutschland jedes Jahr an. Aber nur wenig Material aus dem Bauschutt wird einem brauchbaren Recycling zugeführt - max. 5 %. Das muss zukünftig besser werden. Eigentlich sollte jeder Hersteller ein brauchbares Recycling für seine Produkte anbieten. Aber die Verbundschichten lassen sich schlecht trennen, Sortenreinheit lässt sich hier nicht herstellen. Die stoffliche Zusammensetzung ist zudem oft unbekannt, was die Sache natürlich erheblich erschwert. Sofern kann im Ergebnis aus den Abbruchmaterialien nur ein neues Produkt mit minderer Qualität hergestellt werden. Und damit wären wir beim Downcycling - ein wirkliche Rückführung der Ausgangsstoffe in den Herstellungsprozess für neuwertige Baumaterialen findet derzeit im Bauwesen kaum statt.

BBR: Welche Ansätze gibt es, um ein brauchbares Recycling von Bauschutt zu realisieren?

Tanja Brockmann: Das Recycling im Fahrzeugbau hat ein sehr gutes Niveau erreicht. Im Gegensatz zum Bau sind die Vorraussetzungen für ein Recycling ungleich günstiger: die hier verwendeten Materialien lassen sich per se besser recyceln - Metalle beispielsweise. Aber vor allem finden wir im Fahrzeugbau rückbaufähige Konstruktionen. Einzelne Teile können getrennt und gezielt einer Wiederverwertung zugeführt werden. Auf das Bauwesen übertragen würde dies den Einsatz lösbarer Verbindungen bedeuten. Lösbare Verbindungen werden jedoch vielfach als Schwachstelle gesehen. Außerdem müssen wir auch Folgendes bedenken: Im Bauwesen geht es um Schnelligkeit und um Kosten. Klebeverbindungen gleichen Ungenauigkeiten aus - pastöse Mittel überbrücken den aus Zeit- und Kostendruck verursachten Pfusch am Bau. Der Einsatz von Bauschaum zeigt doch: Hier hätte man exakter arbeiten müssen. Eine höhere Ausführungsqualität - oder auch Bauqualität - vereinfacht später das Recycling von Rückbaumaterialien. Eine weitere Möglichkeit, den Einsatz von Materialien aus dem Abbruch in einer vernünftigen Wiederverwertungskette zu erleichtern, ist die gezielte Auslegung von Deponien. Aber egal, wie günstig die Ausgangsbedingungen für den Umgang mit Bauschutt gestaltet werden - der Kreislaufwirtschaftsgedanke hat die Bauwirtschaft noch nicht erfasst. Hier liegen für uns die Aufgaben der Zukunft.

zur Person: Dr.-Ing. Tanja Brockmann war wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Bauforschung der RWTH-Aachen und ist nun Leiterin des Referats II 6 "Bauingenieurwesen - Baustoffe, Baukonstruktion" des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR).

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