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Der Platz Djemaa El Fna - Stipendiat Hendrik Brinkmann berichtet über Marrakesch

Zu dieser Reise motivierte mich vor allem die Idee einen Einblick in eine von der arabischen Kultur geprägten Stadt und Architektur zu erhalten und mein Verständnis dahingehend zu erweitern. Sicherlich bräuchte es hier reichlich Zeit, um ein tiefgreifendes Wissen aufzubauen, einige von meinen gewonnenen Eindrücke und Erkenntnisse aus Marrakesch will ich aber im Folgenden schildern.

Besonders bemerkenswert ist dabei für mich, dass das Bild der Stadt weniger von seiner Architektur geprägt ist, als von den Menschen, die diese beleben. Nur wenige Bauwerke übernehmen hier die Aufgabe einer Repräsentation. Zudem folgen die meisten einem nach innen gewandten Prinzip, wodurch ihre räumliche Qualität von Außen nur schwer zu erkennen ist. Doch grade dadurch hat sich mir die Frage gestellt, was eben jene Prinzipien und Qualitäten ausmacht.

In den schmalen, verwinkelten Gassen der Medina, der Altstadt von Marrakesch, folgen Geräusche, Gerüche und visuelle Szenen aufeinander. Kleine Werkstätten und Läden, meist nur bestehend aus einem Raum, der sich zu der Durchwegung hin öffnet, reihen sich aneinander. Neben diesen gibt es immer wieder Abschnitte von kahlen Mauern, deren Flächigkeit nur vereinzelt von Türöffnungen unterbrochen wird. Hinter diesen liegen Riads, traditionelle marokkanische Häuser, bei denen sich die Räume um einen inneren Hof organisieren. Als in sich geschlossene Einheit hält das Hofhaus den Lärm der Straßen außerhalb und erlaubt zudem einen kontrollierten Einsatz von Licht und Luft. Auch in das dichte Gefüge der Gassen wird die Sonne meist nur gefiltert über perforierte Abdeckungen oder gerichtet durch Lichtschächte und -höfe eingelassen.

Neben der dichten Struktur beeindruckte mich aber vor allem der zentrale Marktplatz von Marrakesch - der Djemaa El Fna. Als absolutes Zentrum der Stadt, sowohl städtebaulich, als auch kulturell, ist er Ausgangspunkt für alle Wege in die Medina. Sollte man sich dort verirrt haben, was bei der mittelalterlichen Struktur garantiert ist, wird man wieder zu „La Place“ zurückgeführt.
Die Übersetzung als „Platz der Gehängten“ oder auch „Versammlung der Toten“ wird meist mit seiner Geschichte als Platz für Hinrichtungen und Zurschaustellung der Hingerichteten erklärt. Gleichzeitig war er aber auch immer und ist bis heute ein Ort des kulturellen Austausches.

Kaum ein Ort hat mir bisher so eindrucksvoll demonstrieren können, was Öffentlichkeit bedeutet wie der Djemaa El Fna. Tagtäglich versammeln sich hier Menschenmassen, Einheimische und Touristen gleichermaßen und bespielen den Platz in seiner gesamten Ausdehnung. An zahlreichen Essständen werden regionale Gerichte gekocht und serviert, Musiker, Erzähler und Tänzer bieten Geschichten dar, Händler preisen Produkte des traditionellen Kunsthandwerkes an. Es ist ein Patchwork von sich ständig erneuernden Traditionen.
Der spanische Journalist und Schriftsteller Juan Goytisolo, der lange Zeit direkt an dem Marktplatz gelebt hat, verglich diesen einmal sehr treffend mit einem Palimpsest; Ein Schriftstück, von dem der ursprüngliche Text abgeschabt oder abgewaschen wird und das anschließend neu beschriftet wird; Ebenso ist es mit der Platzfläche, die jeden Tag aufs Neue mit dem Markt, den Darbietungen und den Versammlungen bespielt wird.

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Seit 2001 gilt der Kulturraum der Djemaa El Fna als immaterielles Kulturerbe der Menschheit nach der UNESCO. Eine Tatsache, die auch im Bezug auf meine allgemeine Fragestellung nach den Prinzipien und Qualitäten der arabischen Architektur und des Städtebaus sehr interessant scheint. Was ist die Materie, die den Raum für dieses immaterielle Kulturgut schafft?

Meine Beobachtungen konzentrieren sich hier vor allem auf das Verhältnis von der Platzfläche zu den Kanten. Der verwinkelte Grundriss mit seiner offenen Geometrie verzahnt sich in alle Richtungen mit seiner Umgebung. Die Übergänge entlang der daraus resultierenden langen Platzkontur artikulieren sich in Relation auf die jeweils angrenzenden Gebiete sehr unterschiedlich.
Richtung Südwesten führt dieser beispielsweise in einer Art Prachtstraße direkt zum Place Foucauld und der dort gelegenen Koutoubia Moschee. Die entstehende Achse zieht das Minarett der Moschee mit in das Bild des Platzes. Im Süden der Djemaa del Fna wechselt zuerst die Pflasterung des Platzes, bevor dieser in eine Passage übergeht, die an Fußgängerzonen der westlichen Kultur erinnert. Richtung Osten bildet sich eine relativ klare Kante, die nur von zwei Gassen durchschnitten wird. Hier siedeln sich zahlreiche terrassierte Cafés an, die die Möglichkeit bieten sich von dem Treiben des Platzes abzulösen und dieses aus erhöhter Position zu beobachten.
Im Norden öffnen sich mehrere Zugänge zu diversen Souks (Basaren), wodurch Platzfläche und gebaute Masse ineinandergreifen und ein gradueller Übergang entsteht. Auch programmatisch leiten eine Vielzahl an Händlern mit marokkanischem Kunsthandwerk zu den anschließenden  Souks über. Insgesamt hält sich die umgebende Bebauung immer sehr niedrig und äußerlich unauffällig. Nur die Minarette und terrassierten Cafés bilden hier und da dezente Hochpunkte in der Topographie der Platzkontur.

Auf dem Marktplatz Djemaa El Fna wird besonders deutlich, wie die städtische Struktur eher die Rolle eines dezenten Rahmens einnimmt. Die Architektur ist lediglich Träger eines Programms, welches dann den Ort charakterisiert. Trotz dieser Zurückhaltung dient sie wirkungsvoll der Inszenierung des täglichen Schauspiels auf dem Platz. Für mich ist bemerkenswert, wie stark sich Fläche und umgebende Bebauung verbinden. Der gesamte Marktplatz integriert sich trotz seiner Weite über seine Form und über die Bespielung mit der dichten Struktur der Medina und umgekehrt.

Marrakesch hat mir als Stadt und vor allem mit seinem städtischen Leben einen eindrucksvollen Einblick in die arabische Kultur und Architektur eröffnet. Ich hoffe auch zukünftig auf weitere vergleichbare Einblicke, die mir die Augen und den Geist öffnen.

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