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Der stillgelegte Garten - Stipendiat Leonhard Panzenböck berichtet über sein Diplomthema

Zeit, Zuwendung und Raum als letzten Luxus zu beschreiben, hat nichts von seiner Aktualität verloren. Von Bedeutung ist, dass nur durch die Kombination der Faktoren echter Luxus entsteht. Der Garten war immer Sinnbild der Gleichzeitigkeit von Natur und Kultur. Die Kultivierung des Naturhaften als Ausdruck menschlichen Schaffensdrangs bedingt Zeit und Zuwendung. Raum als dritter Faktor für echten Luxus verweist auf eine der Schnittstellen zur Architektur. Architektur bildet Raum, sie soll Zeit und Zuwendung fordern, um wieder an Kraft und Bedeutung zu gewinnen.

Im Rahmen meiner Diplomarbeit beschäftige ich mich mit einem stillgelegten Garten. Eine Brache mit reicher Geschichte, in einem architektonisch starken Kontext, der um 1900 geformt wurde. Die Zusage für das DETAIL Stipendium war der Startschuss, mich intensiv meiner Abschlussarbeit zu widmen. In diesem Sinne möchte ich mit meinem ersten Bericht einen Einblick in Themenfindung, Interesse, Methode und Fragestellung meiner vorerst letzten universitären Arbeit geben.

Zu Beginn jedes Entwurfskurses an der Universität mit dem Thema, ein Gebäude zu entwickeln, macht sich bei mir meist Unmut breit, einen Neubau zu formulieren. Die Brache, der nicht mehr funktionierende Bestand oder die unbesetzte Landschaft üben auf mich oft größere Faszination aus, als die Möglichkeit, neue Architektur zu platzieren. Mit der Übung kommt natürlich auch das Verständnis für den Mehrwert an Qualität, Aufwertung und Angebot, welchen ein Eingriff, dicht verwoben in seinen Kontext, leisten kann. Mein Interesse am Vorhandenen und die Skepsis gegenüber dem Gemachten zu ergründen und das Spannungsfeld, in dem sich dieses Gegensatzpaar bewegt, in meiner Abschlussarbeit zu erforschen, war mir Wunsch und Begleiter bei der Themensuche.
Ein Grund für die Skepsis gegenüber dem Gemachten liegt in der Ökonomisierung. Baukultur in Zeiten des Kapitalismus erzeugt den Umstand, dass nach und nach auch Architektur zur Ware wird. Das schlüsselfertige Haus, der Lebenszyklus des Bürogebäudes, das Museum als Landmark sind Erscheinungen, denen ich wenig abgewinnen kann. Verbaut wird was im Baumarkt erhältlich ist. Zeit in der Planung, Zuwendung durch den Nutzer und qualitätsvolles Handwerk sind Luxus. Diesem Umstand gilt es gebaute und gedachte Alternativen entgegenzustellen.

»Architekten können nur mit Entwürfen denken. Man muss mit dem Entwurf denken. Sie müssen sich ein Bild machen und schauen wie es reagiert, dabei müssen sie offen sein und beginnen zu lernen.« Dieser Aufruf von Luigi Snozzi beschreibt die Methode. Den Typus Garten als Indikator für gesellschaftliche Zustände zu entdecken, ist Resultat meiner Beschäftigung mit einem konkreten Ort und dem Anspruch, dessen Geschichte mit dem Werkzeug des Entwurfes weiter zu schreiben.

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Berndorf liegt in Niederösterreich, im Industrieviertel südlich von Wien. Zu Zeiten der Industriellen Revolution wurde dort eine der größten Produktionsstätten der Monarchie errichtet. 1843 wurde die Berndorfer Metallwarenfabrik von der deutschen Unternehmerfamilie Krupp aus Essen gegründet. Das größte Wachstum erlebte die Fabrik unter der Leitung von Arthur Krupp. Bis zum Ersten Weltkrieg hatte das zuvor dünn besiedelte Dorf einen Bevölkerungszuwachs von 12000 Menschen. Der Städtebau wurde zeitversetzt mit der Entwicklung der Fabrik vorangetrieben. Für Krupp war Stadtentwicklung Mittel zum Zweck der sozialen Optimierung der Belegschaft und Bevölkerung. Bildung, Hygiene und Kultur sowie die Versorgung mit kostengünstigen Lebensmitteln und Wohnraum für die Arbeiterschaft waren Ausdruck seiner patriarchalischen, christlichen Verpflichtung.

Das Grundstück »am Brand«, auf dem Arthur Krupp 1892 sein Wohnhaus errichtete, ist das eigentliche Experimentierfeld meines Interesses. Eine Lichtung am Osthang des Tales, 40 Meter erhöht über der Stadt. Am gegenüberliegenden Hang wurde die Margaretenkirche errichtet. Der Städtebau wurde symmetrisch entlang der Achse zwischen Kirche und Villa angeordnet. Im Sinne der weltlichen Ordnung wurde die Arbeiterschaft zwischen den Repräsentationsbauten von göttlicher und irdischer Macht angesiedelt. Die Villa wurde 1945 von der Bevölkerung geplündert und in Brand gesteckt. Elf Jahre später wurde die Ruine abgetragen. Dass heute nur noch die Fundamente der städtebaulichen und sozialen Ergänzung zur Margaretenkirche existieren, ist von fast symbolischer Bedeutung.
Das Kellergeschoß des prächtigen Bauwerks liegt als stiller Zeitzeuge unter der Erde. An der Oberfläche zeichnen sich die Überreste als andersartige Markierung in einem stillgelegten Garten ab. Die Frage nach dem Verhältnis von Figur und Grund scheint ein zentrales Moment im Umgang mit dem Vorhandenen zu sein. Die Villa war bedeutsame Figur in einem Garten, Objekt in der Landschaft. Die Stadt steht dem Grundstück wie eine Kulisse gegenüber. Die Lichtung ist Übergang und Schnittstelle von unbebauter zu städtischer Landschaft. Die Grundfläche des Wohnhauses ist durch ihren ruderalen Bewuchs erkennbar. Der Blick von der Kirche entlang der städtebaulichen Achse verweist auf eine Fehlstelle.
Interessant finde ich den zweigeschossigen Zentralraum der Villa. Die Wohnräume orientierten sich nach außen zu Stadt und Landschaft. Die 13 mal 13 Meter große Empfangshalle war introvertiert und von einem gläsernen Dach gedeckt. Dicht geschmückt mit Luxusgütern wie Kunstwerken, edler Möblierung und exotischen Pflanzen, war der Raum repräsentatives Kernstück des Hauses. Ein gedeckter, innen liegender Garten.

Die Befreiung des Individuums von den Dogmen der Kirche und der Hierarchie des Feudalismus ist  Errungenschaft der Aufklärung. Die daraus resultierende Sinnsuche und Neuordnung der Gesellschaft ist Grundstein der Moderne. Den modernen Garten beschreibt Kienast als Methapher gesellschaftlicher und individueller Freiheit, als poetischen Ort unserer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. In diesem Sinne stellt sich mir die Frage, welche Art von Markierung angemessen ist, für einen Ort, an dem ein Bauwerk stand, dessen Existenz für die Entwicklung einer modernen Gesellschaft genau so bedeutsam war, wie dessen Verschwinden und welche Nutzung in Zukunft sinnstiftend sein kann. Dieser etwas pathetische Ansatz wird erweitert um die praktische Frage nach dem Sinn und Gebrauch eines Grundstücks, das eigentlich nicht gebraucht wird. Sich dieser Brache anzunehmen um Strategien zur Veredelung zu finden, nicht im Sinne der Wertschöpfung, aber der Erhaltung eines Versuchsfelds zur Kultivierung der Zweckfreiheit, ist ein Anspruch, den ich an die Beschäftigung mit diesem speziellen Ort stelle. Wohin dieser Anspruch führt, ist offen. Die Frage, welchen Beitrag Architektur in diesem Kontext leisten soll und welchen Mehrwert das Anreichern des Versuchsfelds mit Funktionen leisten kann, gilt es zu beantworten.

Nächste Woche findet das Stipendiaten-Treffen in Bielefeld, in der Zentrale von Schüco statt. Auf das Treffen, neue Bekanntschaften und spannenden Austausch freue ich mich. Danach werde ich noch einige Tage im Ruhrgebiet verbringen, um die Villa Hügel in Essen und das Museum Insel Hombroich nahe Düsseldorf zu besuchen. Die Villa Hügel war Wohnsitz der deutschen Kruppdynastie, heute ist sie Museum und Archiv. Die frühere Industriebrache Hombroich wurde zu einem Museum in der Landschaft transformiert. Den Wunsch, dieses zu besuchen, habe ich seit ich die ersten Bilder davon kenne. Über das Raumortlabor der Stifung Insel Hombroich sagt Architekt Oliver Kruse: »Wir möchten dort nur etwas tun, wenn es Sinn macht, wenn es uns Antworten finden lässt und wenn es ein vielversprechendes Experiment ist.«

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