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Die Denkmodelle des Meisters des Leichtbaus erforschen

Ein Team um Georg Vrachliotis, Professor für Architekturtheorie und Leiter des Südwestdeutschen Archivs für Architektur und Ingenieurbau (saai) am Karlsruher Institut für Technologie, nahm die Verleihung des Pritzker-Preises an Frei Otto im Jahr 2015 zum Anlass, sich im Rahmen eines Forschungs- und Ausstellungsprojekts intensiv mit dessen Nachlass auseinanderzusetzten. Die Ausstellung ist gemeinsames Projekt des saai und der Wüstenrot Stiftung, in Kooperation mit dem ZKM Karlsruhe. Das saai sammelt und bewahrt Dokumente und Modelle zum Werk bedeutender Architekten und Ingenieure. Im Fall Frei Otto verfügt das Archiv über 400 Modelle, die vor Augen führen, wie experimentell dessen Denken, Gestalten und Forschen war.

Frei Ottos Denken zeichnet sich durch eine Experimentierfreudigkeit aus, deren Methoden zwischen Architektur, Wissenschaft und Kunst zu verorten sind. »Man muss mehr denken, forschen, entwickeln, erfinden und wagen...«, zitiert Vrachliotis Frei Otto und beschreibt dessen Werk: »Es ist nicht der architektonische Entwurf, der nach einer technologischen Lösung verlangt. Vielmehr sind es die Formfindungsprozesse, die von den Gesetzmäßigkeiten der Leichtbaukonstruktion geleitet werden. Leichtbau ist also kein reiner Funktionalismus, sondern eine Brücke zur Ästhetik.« Zur Entwicklung der Strukturen baute Otto Instrumente zur Erforschung selbstorganisierender Prozesse, Messtische zur Bestimmung von Kräfteverläufen, Apparate zur Erforschung pneumatischer Konstruktionsformen oder Werkzeuge zur Analyse von komplexen Netzmodellen, berichten die Wissenschaftler des KIT. Die Vielzahl an Modellen, die nun als Basis für die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem innovativen Entwurfsansatz dienen, zeigen, dass »es sich um gebaute Denkmodelle (handelt), in denen sich Wissen und Erkenntnis durch die Formfindungsprozesse gewissermaßen selbst generieren«. Die Architekturmodelle fungieren bei Frei Otto nicht nur als statische Objekte, sondern vielmehr als »dynamische Objekte«, darunter verstehen die Forscher sogenannte Prozessmodelle der gesamten Umwelt. »In all ihrer poetischen Fragilität erzählen die Modelle Geschichten einer empirischen Ästhetik, die sich zwischen der Präzision wissenschaftlicher Instrumente und der Imagination künstlerischer Artefakte bewegt«, so Vrachliotis.

Ein wesentlicher Bestandteil der Erkenntnisse aus der Analyse dieser Modelle ist die Übertragung auf aktuelle Werkzeuge und den modernen Gestaltungsprozess. Die Auseinandersetzung mit dem Material, mit der Technik und dem Handwerk gewinnt momentan wieder stärker an Bedeutung, ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Rolle der digitalen Entwurfsmethoden, die neue Erscheinungsformen wie beispielsweise die der parametrischen Architektur ermöglichen. »Mit der Rückbesinnung auf das Physische und Handwerkliche rückt auch wieder die Geschichte des Experiments und dessen Funktion in Architektur, Kunst und Wissenschaft in den Vordergrund. Die Frage nach der Materialisierung von Information nimmt hierbei einen hohen Stellenwert ein. Zunehmend geht es um eine Architektur, die zwar konstruktiv ohne den Computer kaum denkbar ist, die jedoch erst aus einer produktiven Distanz zu der Welt des Digitalen ihre theoretische Lebendigkeit und ihre konzeptionelle Originalität gewinnt. Die Relevanz von Frei Ottos empirischer Modellästhetik liegt darin, das enorme Potenzial des Objektwissens und seiner materialkulturellen Dimension herauszuarbeiten – zum einen, um weiterhin den Begriff der Ressource zwischen Natur und Technik zu verankern, zum anderen, um die komplexen Wechselbeziehungen zwischen dem Digitalen und dem Analogen besser erforschen zu können«, erörtert Georg Vrachliotis den Forschungsansatz.

Die umfassende Beschäftigung mit den realen sowie den Denk-Modellen führte nun zu der Ausstellung »Frei Otto. Denken in Modellen«, die ab 5. November 2016 im ZKM Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe zu sehen ist. Parallel wird eine Publikation mit wissenschaftlichen Texten und umfangreichem Bildmaterial zum Œuvre von Frei Otto im Verlag Spector Books erscheinen. Ziel der Ausstellung ist es, anhand des visionären Materials neue Fragestellungen zur Zukunft der gebauten Umwelt zwischen Architektur, Technologie, Nachhaltigkeit und Gesellschaft zu diskutieren. Das Ausstellungsprojekt wird durch die Stiftung Baden-Württemberg gefördert.

Zitate stammen aus dem Fachbeitrag »Man muss mehr denken, forschen, entwickeln, erfinden und wagen...« in »Frei Otto – forschen, bauen, inspirieren«, Edition DETAIL, Mai 2015

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