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Die Spirale von Straßburg: Eine Bibliotheksrestauration von ANMA

Die National- und Universitätsbibliothek von Straßburg, ein Bauwerk aus dem wilhelminischen Zeitalter, war den Ansprüchen und Belastungen architektonisch nicht mehr gewachsen. Das Pariser Büro ANMA verleiht dem Innenleben von Frankreichs zweitgrößter Bibliothek neues Leben und bereichert es um eine starke räumliche Geste.

Architekten:
ANMA Agence Nicolas Michelin & Associés, Paris
Standort:
6, place de la République, F–67070 Strasbourg

National- und Universitätsbibliothek, ANMA, Straßburg, 2014
Blick nach oben durch das Treppenauge gen Kuppel, Foto: Vincent Fillon

Der Umgang mit historischem Bestand ist für Architekten oft eine empfindliche Herausforderung zwischen persönlichem Gestaltungswillen und behutsamer Rücksichtnahme. Der Respekt vor dem Bestand bedeutet nicht nur seine Erhaltung, sondern auch seine inhärente Geschichte und Qualität zu verstehen, so das auf dieser aufgebaut respektive weitergebaut werden kann.

 

National- und Universitätsbibliothek, ANMA, Straßburg, 2014
Fliegende Säulen bei Kernsanierung, Foto: Vincent Fillon

Das Bibliotheksgebäude in Straßburg ist neben der Pariser Nationalbibliothek die größte Sammlung seiner Art in Frankreich und steht seit letztem Jahr der Öffentlichkeit im alten Gewand, aber mit neuem Innenleben zur Verfügung. Das Bauwerk konnte den Lasten der über Dekaden gewachsenen Sammlung nicht mehr standhalten, woraufhin aus dem 2006 ausgelobten Wettbewerb zur Restauration und Wiederbelebung der Bibliothek das Büro ANMA als Gewinner hervorging. Mit einem gut bemessenen Blick für das Wesentliche und genügend Mut entfernten die Pariser Architekten um Nicolas Michelin das veraltete Tragwerk und ersetzten es mit einer belastbareren Betonkonstruktion, die es ermöglichte die Räume wesentlich transparenter und großzügiger zu gestalten. Ohne das äußere Erscheinungsbild zu verfälschen, jedoch befreit von allen unnötig gewordenen Konstruktionselementen und Wänden, wurde das Innenleben der Bibliothek in drei entscheidende Funktionsbereiche aufgeteilt: Empfang, Erschließung und Lesebereiche.

National- und Universitätsbibliothek, ANMA, Straßburg, 2014
Hauptportal, Foto: Vincent Fillon
Entree, Foto: Vincent Fillon

Über die großzügige, sanft ansteigende Treppe des Foyers gelangt man durch das Entree an die Rezeption, dem neuen Zentrum der Bibliothek. Der vormals hier platzierte Lesesaal mit seiner internen Kuppel, wurde aufwändig entfernt und mit einem Verteilerraum ersetzt, von dem aus sich eine spektakuläre Spiraltreppe nach oben schraubt und die einzelnen Geschosse verbindet. Die schlanke Treppe wird durch einen filigranen Trichter aus Stahlseilen getragen, welcher die Sichtachsen durch den über alle Geschosse reichenden Zentralraum zulässt. Die Treppe selbst ist großzügig genug, um auf ihren Läufen und Podesten zu verweilen und ins Gespräch zu kommen.

 

National- und Universitätsbibliothek, ANMA, Straßburg, 2014
Zentraler Luftraum, Foto: Vincent Fillon
Treppenuntersicht, Foto: Vincent Fillon

Rings um dieses Zentrum platzierte das Pariser Büro die Lesebereiche, welche durch den Luftraum des neuen Zentralbereichs in steter Sichtbeziehung zueinander stehen, aber trotzdem eine stille Distanz zueinander behalten. Um Rückzugsmöglichkeiten für konzentriertes Arbeiten zu bieten, werden bei den weiter vom Zentrum gelegenen Arbeitsmöglichkeiten auch Separees vorgesehen.

 

National- und Universitätsbibliothek, ANMA, Straßburg, 2014
Arbeitsbereich, Foto: Vincent Fillon

Nach Empfang, Erschließung und den Lesebereichen, folgt ein Ring aus dichten Sammlungsteilen. Er umschließt das Innere und bildet eine Pufferzone zum Außenraum. So wird durch die Konzentration der Funktionen auf das Zentrum des Gebäudes, die verbindende Vertikalbewegung der Treppe verstärkt. Neben der aufwändigen Wiederinstandsetzung der einzelnen Gebäudebereiche, verleihen ANMA der Straßburger Universitätsbibliothek ein neues Raumprogramm, in dem nicht nur das Lesen und Studieren im Mittelpunkt steht, sondern auch die Bewegung und Begegnung. Dieses Bild der Bibliothek als Raum, der sowohl Rückzug und Konzentration zulässt, als auch Austausch und Kommunikation forciert, entspricht einem zeitgenössischem Typus, der bereits von Max Dudler (Jacob & Wilhelm Grimm Zentrum Berlin, Folkwang Bibliothek Essen) propagiert wurde: Die Bibliothek ist nicht mehr länger nur ein Ort zum Lesen und Schreiben, sondern auch einer der Kommunikation.

 

National- und Universitätsbibliothek, ANMA, Straßburg, 2014
Schnitt, Grafik: ANMA
Grundriss 3.OG, Grafik: ANMA

Das Pariser Büro wertet den Bestand in diesem Sinne nicht nur auf, sondern verhilft dem Bauwerk mit angemessenem Respekt, aber auch mit Mut zu frischem Leben.

Projektdaten:

Bauherr: Ministère de l’Éducation Nationale, de l’Enseignement supérieur et de la Recherche
Architekt:
ANMA, Agence Nicolas Michelin et Associés
Projektteam: Valérie Dubois, Etienne Challet-Hayard, Brice Chapon, Anne Pestel, Jean-Jacques Chagnaud

Tragwerk: OTE
Kostenplanung: Michel Forgue
Akustik: Peutz
Signaletik: LM Communiquer / Locomotion
Treppenbau: Greisch
Perspektiven: Artefactory

Größe: 25.800 m²
Fertigstellung: 2014

DETAIL 1/2015

Weitere Informationen

Homepage ANMA

Einen Bericht zur Bibliothek in Straßburg finden Sie in unserer Ausgabe DETAIL inside 1/2015.

Stichworte:
Dieser Artikel ist aus dem Heft:
INSIDE I1/2015

inside 1/2015

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