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Die Stadt von Übermorgen: Von Science Fiction lernen

Vier Monate lang hat sich ein interdisziplinäres Team aus Medienwissenschaftlern, Stadt- und Regionalplanern, Architekten und bildenden Künstlern der BTU Cottbus-Senftenberg mit der Stadt im Science Fiction beschäftigt. Das BBSR hat die Studie "Sci-Fi-Cities – Stadtzukünfte in Kunst, Literatur und Video" beauftragt. Dafür wurden 53 Werke aus Film, Comic, Games, Literatur und Bildender Kunst gesichtet.

Text: Steffen Krämer, Carolin Pätsch und Belinda Rukschcio, BTU Cottbus

Imagebild einer möglichen Science-Fiction-Metropole der Zukunft (Futuristic City: mik38 - fotolia.de)

„In der Früh stehen Sie an der lichtdurchlässigen Fassade im 1.078 Stock und blicken auf die Nachbartürme. Sie stehen ganz oben in der Hierarchie, daher können Sie den Ausblick genießen und müssen nicht in den unteren Etagen wohnen, wo der fliegende Verkehr giftige Abgase hinterlässt. Sie machen sich auf den Weg zu Ihrer Arbeit, vorbei an schlafenden Menschen, die aufgrund des Wohnungsmangels die Hausaufgänge nutzen. Ihr fliegendes Auto finden Sie auf der Plattform der 500. Etage, von dort tauchen Sie direkt in den unübersichtlichen Verkehr ein. Das kümmert Sie nicht, denn Ihr Auto lenkt selbständig. Trotz permanenter Überwachung der Megastadt mit 800 Millionen Einwohnern durch den allwissenden Computer scheinen sich immer wieder Lücken für Anschläge aufzutun. Die Autoritäten versuchen die Kontrolle über den öffentlichen Raum zu behalten und den Restbestand fehlgeschalteter Androide zu eliminieren. Oppositionelle haben sich in den Wäldern zurückgezogen und bilden autonome, nach streng ökologischen Regeln lebende Gegengesellschaften.“

So ungefähr sieht unsere Zukunft aus, wenn man mehrere Science-Fiction-Werke1 in einem einzelnen Entwurf von Morgen vereinigt. Technische Innovationen wie Cyberbrillen, Tablets, Smartphones und selbstfahrende Autos wurden schon vor langer Zeit in der Science-Fiction (Sci-Fi) dargestellt. Findige Entwickler haben Sci-Fi für sich als brauchbare Inspirationsquelle verstanden. Neu ist, dass nun auch das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) nach den Städten in der Science Fiction fragt. Die Auswahl der Werke wurde aufgrund der kurzen Forschungszeit geografisch auf Westeuropa, Nordamerika und Japan beschränkt, zeitlich auf Veröffentlichungen seit den 1970er-Jahren.

Produktionsländer und erzählte "reale" Orte (Grafik: Steffen Krämer, Moritz Maikämper, Carolin Pätsch, Bodo Rott, Belinda Rukschcio, Martin Henseler, BTU Cottbus)

Der Nachhaltigkeitsdiskurs der 1970er-Jahre markierte eine Wende, die auch in den Geschichten der Science Fiction zu spüren war. Autoren thematisierten Ressourcenknappheit, Überbevölkerung und ökologisches Bewusstsein und verstanden, dass daraus entstehende Konflikte das Leben in der Großstadt verändern würden. Anthologien von Science-Fiction-Kurzgeschichten entstanden, die sich der überbevölkerten Großstadt widmeten. Im Laufe der Jahrzehnte wurden ältere Motive der Science Fiction mit der neuen Stadtdarstellung verbunden, wie Androiden, Cyborgs und das Leben im Weltraum. Mit der Ära des Cyberpunks der 1980er-Jahre folgten weiterhin Bilder der digital funkelnden Städte der Nacht, die nicht nur voller Menschen sind, sondern auch voller Daten, Netzwerk-Access-Points und fliegenden Retrofahrzeugen. Was wir heute in Science Fiction sehen, sind nicht selten Mixturen mehrerer Themen: Im 2013er Film „Elysium“ wohnen die Wohlhabenden in einer Weltraumarchitektur, deren Form aus den 1970er-Jahren stammt, während die Erde überbevölkert, krank und verschmutzt ist.

Science-Fiction-AutorInnen nutzen die Stadt als Handlungsort, um einen gesellschaftlichen Entwurf zu erzählen, der meist als Kritik an die Gegenwart gerichtet ist. Dabei sind bestimmte Formen von Stadt besonders hilfreich. Eine von einer Mauer oder Kuppel umzogene Festungsstadt hilft, einen Konflikt zwischen Gemeinschaften vor den Toren und innerhalb der Stadt plastisch vor Augen zu führen. Die jeweilige Stadt wird für die Geschichte pointiert, radikalisiert, übertrieben dargestellt und in eine eindeutige Form gebracht. Die am häufigsten genannten Stadtformen sind extrem besiedelte, unabhängige Megastrukturen (Abb. A), die Kuppelstadt (Abb. B), die fliegende Stadt (Abb. C), die totale Stadt bzw. Sprawls die zu einer Megastadt zusammenwachsen (Abb. D), die unterirdische Stadt (Abb. E) und die schwimmende Stadt (Abb. F). Die digital überwachte Stadt, oftmals von totalitären Strukturen und mysteriösen Computern, ist ein weiteres typologisches Muster.

Piktographische Darstellung von typisierten Stadtformen (Grafik: Belinda Rukschcio, BTU Cottbus)

Solche idealisierte Stadtformen existieren auch in der Stadttheorie. Fragt man nach der Relevanz von Science Fiction für die Stadt- und Regionalplanung ist die naheliegende Erkenntnis: Die Stadt ist ein Konstrukt vielfältiger Lebensräume. Die Rückschlüsse bezüglich der äußeren Form der Städte sind begrenzt, stattdessen birgt die Betrachtung der Prozesse und des Zusammenwirkens von verschiedenen städtischen Aspekten mehr Potenzial. Ein Beispiel: Im Science-Fiction-Plot reagiert die Stadtverwaltung auf Überbevölkerung mit Nahrungskontrolle und einer zentralisierten Essensausgabe. Gleichzeitig gibt es eine privilegierte Schicht, die Nahrung nach eigenem Ermessen und zu jeder Zeit bekommt. Das Zusammenwirken beider Faktoren macht im Plot plausibel, dass es einen Aufstand auf dem öffentlichen Platz der Essensausgabe gibt. Räumliche Zentralisierung und Ungleichverteilung bzw. soziale Segregation haben negative Konsequenzen. Diese beiden Indizes sind auch in der Stadtplanung bekannt. Für diese Erkenntnis ist Sci-Fi nicht unbedingt notwendig, jedoch können aus dem Durchspielen von Szenarien – bis dahin nicht gedachte – Rückschlüsse in Form von Folgeabschätzungen gezogen werden. Diese können dazu führen, negative und positive Entwicklungen frühzeitig zu erkennen und Handlungsbedarf abzuleiten.

Um Rückschlüsse für die reale Stadtplanung zu ziehen, sind insbesondere jene Sci-Fi-Szenarien von Bedeutung, die einen wirklichkeitsnahen Verlauf aufzeigen. So kann im Film „Die kommenden Tage“ (2010, Deutschland R.: Lars Kraume) mitverfolgt werden, wie ein freies, ökonomisch gesichertes Europa im Zeitraum von acht Jahren auseinanderbricht. Politische Unruhen bewirken Wohnungs- und Versorgungsknappheit und haben zur Folge, dass Staatsgrenzen geschlossen werden und der Zusammenhalt der Bevölkerung schwindet. Als Fallbeispiel kann auch die Kurzgeschichte „Raumschiff Detroit“ (2007, USA, Tobias S. Buckell) genannt werden. Der Autor schildert ein Detroit der Zukunft, in dem im Zeitalter der digitalen Innovationen neue Beschäftigungsarten entstehen und eine militante Organisation versucht, Autos aus der Stadt zu verbannen. Der real brachliegende Wohnungsmarkt Detroits wurde in der Geschichte umgedreht: die Innenstadt ist begehrter Wohnraum geworden, für den der Hauptprotagonist einige Unannehmlichkeiten in Kauf nimmt. Hier wird auf unterschiedlichen Ebenen eine Stadt der Zukunft beschrieben, die Bekanntes mit neuen Entwicklungen mixt. So entsteht eine Zukunftsvision, die bei den Lesern ein komplexes Bild kreiert.

Das Forschungsprojekt „Sci-Fi-Cites“ hat die Grundlagen für eine Science-Fiction-Forschung innerhalb der Stadt- und Regionalplanung geschaffen, indem verschiedene Anknüpfungspunkte aufgezeigt wurden. In einem weiteren Schritt könnten nun kausale Zusammenhänge dieser Szenarien kartiert werden, um bisher unbeachtete Aspekte in das Forschungsfeld für die Stadt der Zukunft zu rücken. Die Ergebnisse der Studie werden demnächst vom BBSR veröffentlicht.

Informationen zum Projekt Sci-Fi-Cities 

1) Für die Darstellung wurden Elemente aus folgenden Quellen entnommen: THE WORLD INSIDE (1971, USA R.: Robert, Silverberg), LOGAN’S RUN (1976, USA R.: Michael Anderson), JUDGE DREDD (1977, GB, John Wagner & Carlos Ezquerra), DIE KOMMENDEN TAGE (2010, Deutschland R.: Lars Kraume), IN DEN WÄLDERN DER NACHT (J2009, USA, Autor: Jay Lake) EQUILIBRIUM (2002, USA R.: Kurt Wimmer), THE FIFTH ELEMENT (1997, Frankreich R.: Luc Besson) und I, ROBOT (2004, Regie: Alex Proyas)

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