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Foto: Barbara Staubach

Die Zukunft des Wohnens? Aktiv-Stadthaus in Frankfurt

»Das solare Bauen mit seinen heutigen Möglichkeiten schränkt die Architektur nicht ein, sondern gibt ihr neue Aufgaben – und neue Freiheitsgrade«, sagte Bundesbauministerin Barbara Hendricks anlässlich der Eröffnung des Frankfurter Aktiv-Stadthauses. Der Aufgabe, vor die sich die Planer des bislang wohl größten Plusenergie-Wohnhauses in Europa gestellt sahen, kann man getrost die Präzisierung »Herkules-« voranstellen. Denn eigentlich gelten solare Selbstversorger-Bauten dieser Größe und Kompaktheit als nicht realisierbar – zu hoch die Bewohnerdichte und damit der Energieverbrauch im Gebäude, zu niedrig die zur Verfügung stehenden solaren Gewinnflächen. Die Freiheitsgrade hingegen musste sich das interdisziplinäre Planer- und Forscherteam immer wieder aufs Neue erkämpfen.

Fünf Jahre dauerten Planung und Bau des Neubaus, und diese, so Architekt Manfred Hegger, »waren auch nötig.« Heggers Büro HHS Planer + Architekten aus Kassel hat das Aktiv-Stadthaus gemeinsam mit den Energieplanern egs-plan aus Stuttgart und den Tragwerksingenieuren Bollinger + Grohmann realisiert; die Bauleitung oblag dem Büro schneider + schumacher. Bauherrin ist die stadteigene Frankfurter Wohnungsbaugesellschaft ABG Holding. Fördergelder gab es aus dem Programm ZukunftBau des Bundesbauministeriums, die vor allem die Kosten für die intensive Begleitforschung deckten.

Ein »Handtuchgrundstück« in Bestlage
150 Meter lang und nur neun Meter breit ist das Baugrundstück, das zuvor als Parkplatz diente und lange Zeit als nahezu unbebaubar galt. Dass man es nun dennoch versuchte, hat viel mit der Lage zu tun: Das Haus liegt keine zehn Gehminuten vom Frankfurter Hauptbahnhof und nur zwei Baublocks vom Mainufer entfernt. Seine Süd- und solare Gewinnseite ist zugleich die Lärmseite, hier führt die viel befahrene Speicherstraße vorbei. Nach Norden orientiert sich das Gebäude zu einem baumbestandenen, hofartigen Platz.

Insgesamt 74 Wohnungen verteilen sich auf die sieben Obergeschosse; im Erdgeschoss sind zwei Ladenlokale sowie eine öffentliche Car-Sharing-Station für Elektromobile untergebracht. Deren Batterien sollen aus den Stromüberschüssen der Photovoltaikanlagen auf dem Dach und in der Fassade geladen werden. Alle Wohnungen verfügen über einen privaten Außenbereich, teils als Loggia auf der Südseite, teils als Balkon an den Gebäudeenden sowie an der Nordfassade.

Die PV-Fassade mit ihren 350 Modulen ist sicher das sichtbarste Zeichen dafür, dass dieser Neubau etwas anders funktioniert als herkömmliche Wohngebäude. Dazwischen ziehen sich lichtgraue Brüstungsbänder aus Faserzement (die Brüstungen sind in den Wohnungen nur 50 Zentimeter hoch, was dem intensiven Außenbezug der Wohnungen sehr zugute kommt) über die gesamte Gebäudelänge. Die sanfte Faltung der Straßenfront dient vor allem dazu, die exorbitante Gebäudelänge optisch etwas zu gliedern; außerdem vergrößert sie die Fläche, die für die Solarstromerzeugung zur Verfügung stand, zusätzlich. Die Nordfassade ist hingegen vollflächig mit Faserzementtafeln verkleidet. Sie wird vor allem durch die Balkone mit ihren massiven Betonbrüstungen gegliedert.

Die Technik hält sich im Hintergrund
Auch das auffallende Pultdach ist in Form, Größe und Neigung auf einen maximalen Solarertrag abgestimmt. Es trägt insgesamt 750 hocheffiziente PV-Module, die den Löwenanteil des Solarstroms für das Gebäude liefern. Im zurückgesetzten Dachgeschoss wird die Bedeutung des Begriffs »Durchwohnen« spürbar: Bei Raumtiefen von nur sieben Metern meint man, auf beiden Seiten mitten im Frankfurter Stadtleben zu stehen.

In den Wohnungen ist von den energetischen Ambitionen, die die Planer mit dem Gebäude verfolgten, wenig zu sehen; hier dominieren vor allem viel Tageslicht und ein intensiver Außenbezug. Einzig ein Touchpanel in jeder Wohnung dient als Schnittstelle zwischen Nutzer und Technik. Hier können die Bewohner ihren eigenen Energieverbrauch sowie den Stromertrag der Photovoltaikanlagen abfragen sowie ihren  Platz auf dem inoffiziellen »Ranking« aller Stromverbraucher im Haus einsehen. Auf diese Weise hoffen Bauherr und Planer, die Bewohner zu einem bewussteren Energieverbrauchsverhalten animieren zu können.  Ob es funktioniert, muss sich im Rahmen eines zweijährigen Monitoring erweisen, das mit dem Einzug der Bewohner beginnt. Offizieller Vermarktungsbeginn ist am 15.7.2015, doch nach Angaben der ABG sind jetzt bereits über 30 Wohnungen vergeben.

Kurze Werbepause

Voraussichtlich Ende August wird – ebenfalls nach Plänen von HHS Planer + Architekten – ein zweites Plusenergie-Wohngebäude im neuen Frankfurter Stadtteil Riedberg fertiggestellt. Bauherrin ist in diesem Fall die Nassauische Heimstätte. Die ABG plant unterdessen, das Abenteuer »Effizienzhaus Plus« nunmehr auch auf Bestandsgebäude auszuweiten. Gut vorstellbar, dass in Frankfurt demnächst das erste auf Plusenergiestandard sanierte Nachkriegs-Wohngebäude stehen wird.

Ein ausführlicher Beitrag zu Konstruktion und Energiekonzept des Aktivhauses Plus erscheint in der November-Ausgabe 2015 der Zeitschrift DETAIL Green.

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