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Ecological Urbanism

Zu den vielen Regalmetern Bücher über nachhaltigen Städtebau ist ein weiteres voluminöses Werk hinzugekommen: Auf über 650 Seiten versammelt der Band „Ecological Urbanism“ der Harvard Graduate School of Design einige durchaus lesenswerte Denkansätze und Reflexionen zu den zahlreichen Facetten, die dieses Thema bereithält.

Ecological Urbanism, Harvard

Komplexe Zukunftsthemen sind meist daran zu erkennen, dass die Zahl der Publikationen und Diskussionsbeiträge die der befriedigenden Antworten deutlich übersteigt. Auch der nachhaltige Städtebau bildet hier keine Ausnahme: Regalmeter mehr oder minder schlauer Bücher wurden zu diesem Thema schon publiziert, doch die meisten erschöpfen sich in zusammenhanglosen Betrachtungen von Einzelphänomenen oder überfluten den Leser mit einer Fülle unreflektierter Zahlen und Fakten. Wirklich systematisch oder gar im Sinne eines „Leitfadens“ wagt sich kaum (mehr) ein Autor an die Materie heran, und vielleicht ist das bei diesem Thema auch gar nicht möglich.

Jedenfalls macht auch das Buch „Ecological Urbanism“ diesbezüglich keine Ausnahme. Der an der Harvard Graduate School of Design entstandene Band besteht im Wesentlichen aus einer nur lose gegliederten Sammlung von Essays und Projektdokumentationen. Diese Tatsache und das schiere Volumen von mehr als 650 Seiten dürften auf viele Leser zunächst eher abschreckend wirken. Doch die Beschäftigung mit dem Buch lohnt sich, denn es entpuppt sich beim näheren Hinsehen als wahre Wundertüte voller Ideen, Reflektionen, Betrachtungen, Projektionen und Zukunftsvisionen zum Thema Stadt. Wesentlich für das Lesevergnügen sind drei Faktoren: erstens die Qualität der Autoren (darunter weltbekannte Denker wie Rem Koolhaas, Jeremy Rifkin, Bruno Latour und Ulrich Beck, aber auch viele Nachwuchswissenschaftler aus Harvard selbst), zweitens die Vielzahl der Einzelthemen und Blickwinkel (von der sozialen Schieflage in den Metropolen über die Energieproblematik bis zur Biodiversität), und drittens die ungemein inspirierenden Illustrationen im Buch. Letzteres gilt vor allem für den einleitenden Essay des Herausgebers Mohsen Mostafavi, der in Text und Bild gleichermaßen brillant und pointiert zum Nachdenken anregt.

Auf einen gemeinsamen Nenner lassen sich die über 100 Einzelbeiträge naturgemäß nicht bringen. Einige Tendenzen sind immerhin erkennbar: Nach Jahren der Fixierung auf den Klimawandel wird der Begriff der Nachhaltigkeit heute wieder breiter – also einschließlich seiner ökonomischen und sozialen Komponenten - diskutiert. Die Nachhaltigkeitsdiskussion ist auch kein Luxusproblem der reichen Industrienationen mehr, sondern längst auch in den (zumindest den intellektuellen Kreisen der) Entwicklungsländer angekommen. Drittens geht nachhaltiger Städtebau uns alle an – gut zu erkennen im Buch in der Vielzahl der Fachrichtungen, aus denen die Autoren stammen. Und: Nicht mehr Dubai oder Shanghai gelten heute als Modell und „Laboratorium“ für zukünftigen Städtebau, sondern eher Megalopolen wie Mumbai. Vielleicht ein Zeichen, dass das Zeitalter der „Städte aus der Retorte“ sich dem Ende zuneigt und sich die Planerzunft wieder verstärkt mit dem organischen Wachstum (und Schrumpfen) der Großstädte befasst. Fünftens wird deutlich, wie sehr sich die Probleme und damit die Schwerpunkte der Nachhaltigkeitsdiskussion von Land zu Land und von Region zu Region unterscheiden. Gerade wir in den westlichen Industrienationen übersehen ja oftmals, wie direkt und vehement die Diskrepanz von Arm und Reich in den Städten deren Zukunftsfähigkeit beeinflusst.

Trotz seines erheblichen Umfangs ist „Ecological Urbanism“ ebenso inspirierend wie abwechslungsreich. Man kann die Lektüre an vielen Stellen beginnen und auch wieder beenden – und wird doch stets den einen oder anderen Gedanken in den Alltag mitnehmen. Denn das Thema der nachhaltigen Stadt berührt uns schließlich (fast) alle jeden Tag aufs Neue.

Ecological Urbanism, Hrsg.: Mohsen Mostafavi, Gareth Doherty. Lars Müller Publishers, Baden 2010. 656 S., ISBN 978-3-03778-189-0, 39,90€.

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