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„Ein Neubau, der den Stadtraum nicht verbessert, ist es nicht Wert, gebaut zu werden“

Zum Entstehungsprozess des BTV Stadtforums in Innsbruck sprach DETAIL mit dem Architekten Heinz Tesar und mit Peter Gaugg, dem Vorstandssprecher der Bank.

Architekt Entwurf: Heinz Tesar, Wien
Architekten Ausführung: Obermoser arch-omo, Innsbruck

Foto: Nikolaus Schletterer, Innsbruck

Detail: Herr Gaugg, würden Sie uns kurz erzählen wie das Projekt „BTV Stadtforum“ begonnen hat und wie Sie Ihren Architekten Heinz Tesar gefunden haben?

Peter Gaugg

Peter Gaugg: Ende der 1990 er Jahre haben wir den Beschluss gefasst, unsere Bankzentrale neu zu bauen. Heinz Tesar kannte ich damals nur vom Namen her  – er hatte in Bregenz ein Haus für einen Kunden gebaut, das mich vollkommen begeisterte und das mir sein ungewöhnliches Raum- gefühl vor Augen führte. Als börsennotiertes Unternehmen waren wir aber gezwungen, einen Wettbewerb ausschreiben. Ich nahm Kontakt zu Herrn Tesar auf und versuchte ihn zu überzeugen, daran teilzunehmen. Doch leider lehnte er ab. Im Frühjahr 2001 wurde der Wettbewerb dann entschieden. Eingegangen waren 72 Arbeiten, darunter viele von namhaften internationalen Büros. Doch der große Wurf war nicht dabei. Im Gegenteil: Für uns als Bank war das Ergebnis ziemlich unbefriedigend und wir haben schnell die Entscheidung getroffen, keinen der ersten drei Preise umzusetzen. Entsprechend der internationalen Regeln für Wettbewerbe mussten wir dann aber ein ganzes Jahr warten, bevor wir einen anderen Architekten beauftragen konnten.

Detail: War der Wettbewerb für Sie also nur eine Zeit- und Geldverschwendung?
 
Peter Gaugg: Nein, der Wettbewerb war trotzdem wichtig für uns, denn wir haben viel dazu gelernt. Vor allem, dass wir nicht alle Funktionen exakt beschreiben können, sondern manches der Intuition des Architekten überlassen müssen. Auch die Preisgelder, die wir bezahlt haben, waren wohl verdient.

Detail: Und dann haben Sie sich wieder an Herrn Tesar gewandt?

Peter Gaugg: Für mich war er damals der Einzige, der in Frage kam. Wir haben dann sehr schnell gemerkt, dass wir das Gleiche wollen und viele fruchtbare Gespräche geführt. Die Zusammenarbeit über die Jahre war ausgesprochen konstruktiv. Das Schöne aber an dieser Geschichte ist aber, dass Herr Tesar, der in Innsbruck geboren wurde, in dieser Stadt nun sein erstes größeres Projekt bauen durfte – ein Projekt, dass sowohl von den Mitarbeitern wie auch von der Öffentlichkeit ausgesprochen positiv aufgenommen und mit zahlreichen bedeutenden Architekturpreisen ausgezeichnet wurde.

Detail: Gab es während der Planungsphase wirklich nie Meinungsverschiedenheiten?

Peter Gaugg: Doch, eine Auseinandersetzung möchte ich schon erwähnen.
Wenn Sie ins Foyer schauen, sehen Sie dort zwei riesige Betonsäulen. Irgendwann während der Planungszeit habe ich mit einem Tragwerksplaner gesprochen und erfahren, dass es von der Statik her auch ohne diese Stützen ginge. Damals hätte es mir gefallen, das Ganze etwas freier zu konstruieren, so wie man es heute gerne sieht. Doch Herr Tesar weigerte sich und meinte nur: „Das kommt überhaupt nicht in Frage, diese Säulen tragen das Haus“. Ich habe die Diskussion zu diesem Punkt mit ihm zu Ende geführt und mich schließlich überzeugen lassen. Heute bin ich froh, dass diese Stützen da sind. Gleichzeitig habe ich gelernt, dass es beim Bauen nicht darum geht, umzusetzen, was technisch möglich ist, sondern das was für das Haus am besten ist.

Heinz Tesar: Ich habe selbst zwei Jahre als Statiker gearbeitet und weiß genau, wo man eine Stütze braucht und wo nicht. Aber mir sind Konstruktionen der Konstruktion willen – Konstruktionen, die nur sich selbst zeigen wollen – suspekt. Heute wird alles so rational wie möglich gemacht und dabei vergisst man vollkommen, wie schön ein Raum ist, der die Höhe zeigt. Die Säulen wirken wie ein Maßstab , den man hineinstellt. Deshalb darf es nicht um die Frage gehen, ob man diese Stützen der Statik wegen braucht oder nicht.

Heinz Tesar
Heinz Tesar

Detail: Herr Tesar, was ist denn der Hauptentwurfsgedanke bei diesem Haus?

Heinz Tesar: Die Bank wollte ein Stadtforum, also ein Haus, das mehr ist, als nur eine Bank. Die Idee des Stadtforums hat mir vor Augen geführt, dass in unseren Städten hohe öffentliche und halböffentliche Räume fehlen. Wie die wunderbaren offenen Markthallen in Italien etwa, die nur aus ein paar Pfeilern und einem Dach darüber bestehen.
Bauherren, die mehr wollen und auch noch eine genaue Vorstellung davon haben, trifft man ja nicht alle Tage. Sie sind aber lebensnotwendig für einen Architekten, der Neues schaffen will. Aus dieser Vorstellung heraus habe ich das Konzept einer hohen Halle entwickelt, die als halböffentlicher Raum dient, der sowohl von außen zugänglich ist, als auch nach innen dient, beispielsweise als Foyer für den Klangraum, der auch ein besonderer Wunsch des Bauherrn war. Die Einbeziehung von Kunst ist ein wichtiges Element, aber auch die Lage mitten in der Stadt sowie der Blick zu den umliegenden Bergen.

Detail:  Wird das Gebäude auch als Stadtforum angenommen, kommen die Menschen von der Straße einfach so herein?

Heinz Tesar: Ja. Es gibt aber auch ein festes Musikprogramm für den Klangraum und ein fixes Ausstellungsprogramm im Fotoforum. Außerdem kommen die Leute in die Bar oder das Restaurant im ersten Stock...

Peter Gaugg: ...und schließlich gibt es auch noch ein Ausbildungszentrum.

Detail: Was eigentlich ist die Intention der Bank dabei? Warum bauen Sie ein Haus, das auch für die Öffentlichkeit da ist?

Peter Gaugg: Natürlich ist das Haus auch für die Öffentlichkeit da, aber in erster Linie für unsere Kunden, wobei wir natürlich alle zusammen die Öffentlichkeit sind. Unsere Kunden wissen, dass das Bankgeschäft unsere Pflicht ist, die wir mit allem, was der Kunde erwartet, erfüllen. Sie sollen aber auch sehen, dass es neben dieser Pflicht für uns auch eine Kür gibt. Diese Kür drückt sich in einer zeitkritischen Fotoausstellung ebenso aus wie in unserem Musikprogramm. An manchen Abenden haben wir bis zu tausend Besucher da. Aufschlussreich ist auch die Anzahl der Mitarbeiter, die sich dafür bewerben, in diesem Gebäude arbeiten zu dürfen. Sie hat sich mehr als verdoppelt. Für unseren alten Stammsitz haben sich etwa 800 Mitarbeiter im Jahr beworben. Beim Neubau liegen wir mittlerweile bei knapp bei 2000. 

Heinz Tesar: Wichtig in diesem Zusammenhang ist auch, dass wir ein Übergangshaus gebaut haben. Genauer gesagt, hat es der Kollege Johann Obermoser geplant, der auch Generalplaner war. Die Mitarbeiter, die vorher in einem etwas heruntergekommenen und miefigen Altbau untergebracht waren, konnten sich somit langsam akklimatisieren an die zeitgemäße Architektur.

Detail: Wenn ich das Stadtforum von außen betrachte, wirkt es eher zurückhaltend und in den Stadtraum eingebunden, die Eingangshalle erscheint dafür umso kraftvoller. Welche Absicht steckt dahinter?

Heinz Tesar: Ich sehe meine Aufgabe als Architekt ganz wesentlich darin, die Belange der Architektur und des Städtebaus unter einen Hut zu bekommen. Ein Neubau, der den Stadtraum nicht verbessert, ist es nicht Wert, gebaut zu werden. Diese Einstellung ist die Grundlage dafür, ein Haus zu entwerfen, das von außen nicht schreit, sondern angenehm domestiziert wirkt. Meiner Vorstellung nach ist eine Architektur, die schreit, banal, aber eine Architektur, die klingt, ist gut. Das hat überhaupt nichts mit einpassen oder nicht einpassen zu tun. Die ganze Fassadendiskussion, die wir heute führen, geht oft ziemlich an der Sache vorbei, denn wenn ein Architekturkonzept von Grund auf nicht stimmt, dann nützt auch das beste Festtagskleid nichts.

Peter Gaugg, Heinz Teslar
Peter Gaugg, Heinz Teslar

Detail: Und der Innenraum? Spielen Sie hier bewusst mit einem Überraschungseffekt?

Heinz Tesar: Otto Weininger hat einmal gesagt: »Der Raum ist die Projektion des Ich aus dem Reich der Freiheit in das Reich der Notwendigkeit.« Ich arbeite auch als freier Künstler und weiß aus eigener Erfahrung, dass es einen Unterschied gibt zwischen einem Objekt, das für sich alleine steht, und einem zweckgebundenen Innenraum. Gleichzeitig glaube ich nicht daran, dass sich der Baukörper von außen und der Innenraum gestalterisch entsprechen müssen, wie es uns in der Architekturausbildung noch beigebracht wurde. Als Raumphänomen ist der Innenraum etwas völlig anderes als der Außenraum. Wenn man die Emotionalitäten, die in einem Innenraum sichtbar werden können, auf den Stadtraum übertragen würde, wäre es mit der Sensation nach kurzer Zeit vorbei, denn Sensationen sind sehr kurzlebig.
Beim Betreten der Eingangshalle unseres Stadtforums gibt es sicherlich einen Überraschungseffekt. Dieser ist aber nicht bewusst kalkuliert.

Detail: Würden Sie zum Schluss noch ein Paar Sätze zum Energiekonzept sagen? Das Haus ist ja auch nach den heutigen Anforderungen an Nachhaltigkeit geplant.

Heinz Tesar: Ich möchte dazu nichts sagen, dazu fragen Sie besser die Energieplaner selbst. Die Energieplanung liegt heute in den Händen der Fachplaner, die sollen dieses Thema vertreten. Ich will auf keinen Fall die Nachhaltigkeit ideologisieren. Die Maximierung von Ideologien hat schon immer zur Katastrophe geführt.

Detail: War es für die Bank wichtig, ein nachhaltiges Gebäude zu bekommen?

Heinz Tesar: Man trifft heute nur noch  Bauherren, die nachhaltige Gebäude wollen. Bereits in den Wettbewerben wird ja nach nichts anderem mehr gefragt. Und die Antworten dazu sind immer die gleichen. Man könnte sie abschreiben bei den Kollegen. Ich gehe als Architekt wirklich nicht mit Energieeffizienz hausieren. Das ist alles wunderbar. Ich appelliere aber auch an die Vernunft und an das Verständnis dafür, dass die Maximierung dieser Ideen zu einer Verunklärung der Architektur führen wird.

Detail: Trotzdem ist in einem Bürobau mit 400 Arbeitsplätzen Energieeffizienz ein wichtiges Thema.

Peter Gaugg: Selbstverständlich. Und dazu haben wir eine Menge vorzuweisen. Nur eben nicht vordergründig sichtbar, sondern versteckt in raffinierten Details. Eine wesentliche Rolle spielt dabei aber auch die von Herrn Tesar vorgeschlagene Betonkonstruktion: Mit dem Wärmedämmverbundsystem mit Außenputz erreichen wir den optimalen Wärmeschutz. Gleichzeitig temperieren wir den Betonkern – mit Grundwasser, das wir aus 21 Meter Tiefe heraufpumpen. Auf eine Strom fressende Klimaanlage können wir damit verzichten. Bei einem Glashaus, wie es der Preisträger des ersten Preises im Wettbewerb vorgeschlagen hatte, wäre das nicht so einfach möglich gewesen.

Detail: Vielen Dank für das Gespräch.


Das Interview mit Heinz Tesar und Peter Gaugg führte Christian Schittich in Innsbruck.

DETAIL-Bericht: BTV Stadtforum in Innbruck

Film: Heinz Tesar im Interview zum BTV Stadtforum


Stichworte:
Dieser Artikel ist aus dem Heft:
DETAIL 11/2011

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