You are using an outdated browser. Please upgrade your browser to improve your experience.

print article Artikel drucken
Eva Kuß, Hermann Czech, Buch

Ein Steinbruch an Gedanken: Hermann Czech Monografie

Manche Leute meinen, ein guter Architekt sei, wer viel baut; welch ein Irrtum. Es ist Qualität, die zählt; doch was ist das? Es hat mit medialer Aufmerksamkeit zu tun; doch in Zeiten, da Bild alles ist, herrscht das Spektakuläre. Das Medium als Mitte oder Vermittelndes, so die ursprüngliche, antike Bedeutung, ist etwas anderes; es steht im Zentrum vielfältiger Beziehungen und zeigt an, was architektonische Qualität ist: Zusammenführen, Verarbeiten und Veranschaulichen vielfältigster Aspekte. Mit anderen Worten – es zählt die geistige Dimension.
 
Mit diesem Motto könnte man das Werk des Wiener Architekten Hermann Czech überschreiben. Er gehört mit seinem fast bescheidenen Oeuvre zu den herausragenden Figuren der Generation 1930-40. Sein vielleicht populärstes Werk – das Kleine Cafe in Wien – ist von überschaubaren Abmessungen, jedoch von vielseitigsten Bedeutungen. Damit – und das ist vielleicht Czechs zentrale Idee – erreicht Architektur das Höchste an Wirkung.
 
Der Bedeutung der vielfältigen Beziehungen Czechs einerseits, der ausführlichen Darstellung der Hauptwerke andererseits geht die Monografie von Eva Kuß nach. Das 450-seitige Werk wird ergänzt durch einen Beitrag der Philosophin Elisabeth Nemeth, mit einem Vorwort versehen von Liane Lefaivre. Das Werk Czechs wird in den zeitlichen Kontext gestellt; Bezüge zur klassischen Wiener Moderne, neben Loos vor allem Frank, werden thematisiert; umfassend wird ein Überblick gegeben über die Geschichte der Nachkriegsarchitektur Wiens – eine Entwicklung, die eher verstaubt anhebt, bevor sie in den 1960er-Jahren fast erruptiv zum »Austrian Phenomenon«(Peter Cook) explodiert.   
 
Der gebürtige Wiener beginnt 1954 an der TU Wien Architektur zu studieren. Ist es Zweifel, ist es Unbehagen an der dortigen Lehre, die ihn gleichzeitig Film an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst studieren lässt, dazu regelmäßig Vorlesungen in Philosophie? Er ist bald bestens mit der Kunstszene vertraut, verkehrt regelmäßig im Kreis der seinerzeit angesagtesten Architekturformation, der »arbeitsgruppe 4«. Ende der 1950er-Jahre wird die Begegnung mit Konrad Wachsmann in Salzburg bedeutend. Anfang der 1960er-Jahre beginnt er – zunächst für Zeitschriften - zu schreiben. 1963, mit dem Studium bei Ernst Plischke – dem namhaftesten Vertreter der zweiten Generation der Moderne - an der Akademie der bildenden Künste, ist er wohl von der Architektur »ergriffen«.  
 
Das folgende Jahrzehnt lässt im Wiener Architekturdiskurs kaum einen Stein auf dem anderen; was in den 1950er-Jahren galt, ist zehn Jahre später verweht; unterschiedliche Fraktionen ersetzen, was als sakrosankt galt. Das Buch bietet Gelegenheit, der Bildung der Ideen Czechs in dieser Zeit beizuwohnen. Die Gedankenlosigkeit gegenüber der Klassischen Moderne erregt, die Geistlosigkeit des Wirtschaftsfunktionalismus ödet an; doch wie angesichts grassierender Banalität der Architektur Geist, Leben einhauchen? Autonomie der Architektur, Architektur als Kunst, wie Hollein, Feuerstein oder Pichler sie proklamieren? Früh schon pariert Czech: »Schmunzelkunst« spricht später von »Schnapsidee«. Und fordert »Denken zum Entwurf«; Architektur habe alle Aspekte zu bedenken, Geschichte, Stadt, Gebrauch, Möglichkeit … Wie das? Methode ist das Stichwort, das er von Wachsmann mitnimmt. Ein Begriff, der seinerzeit auch anderswo Hoffnungen weckt. Kein Wunder, dass er bald Christopher Alexander entdeckt und dann dessen »Pattern Language« in Deutsch herausgibt. Maxime bleibt: »Über die Sachlichkeit hinaus, indem man noch sachlicher ist.« (1963)
 
Das hat allerhand Konsequenz: Die große Formel gibt es nicht; »Architektur ist Hintergrund, das heißt, dass man sich daran lehnen kann – und dass er hält.« (2008) Alltag, Lässigkeit und Vertrauen. An Stelle der »Banalität des Einzelnen, große Baukunst …Intelligenz der Anordnung. Was Stadt ausmacht, ist architektonische Lebensart.« (1964) Er entdeckt Chaos, Leere, Zwischenraum, das »utopische Potenzial« der alten Stadt. »Statt eine planmäßige Welt zu errichten … durch Hinzufügen von Kleinigkeiten verändern, verfremden umdeuten, vielleicht steuern … Fortsetzen eines Kontinuums … Im Grunde ist alles Umbau.« (1973) Zur Methode kommen mit der Zeit Stichworte wie Hintergrund, Umbau, das Normale und Triviale, Ironie.
 
Es kann nicht ausbleiben, dass auf diesem Weg der viel zu wenig beachtete Theoretiker der Wiener Moderne, Josef Frank, für Czech an Bedeutung gewinnt. Mit »Intellekt, Liebenswürdigkeit, Ironie« umreißt er dessen Denken und Planen. (1967) Insbesondere dessen paradoxe Leitidee, »dass wir unsere Umgebung so gestalten sollen, als wäre sie durch Zufall entstanden« (Frank, Akzidentismus, 1958) ist nach Czechs Geschmack, was bei ihm lautet: »Eine informelle Erscheinung entsteht aufgrund rationaler Entscheidungen.« Bei ihm mündet das »Denken zum Entwurf« in ein mehr: Mehrdeutigkeit, Überbestimmung wird zur Unbestimmtheit, die Spielräume und damit Freiheit schafft.
 
»Rationalität im Schwebezustand?« fragt die Philosophin Nemeth. Kommt bei ihm das Subjekt des Entwurfs, das sich bei seinen Wiener Antipoden so in den Vordergrund spielt, bei ihm am Ende des Nachdenkens zu seinem Recht? Ob sich freilich Franks »Als ob«, das für Czech konstitutiv ist, rational begründen lässt, steht doch in Zweifel. Die »dezisionistische Komponente« (Ernst Tugendhat) ist nicht weg zu rationalisieren. Gehört nicht auch sie zu einer Architektur, die sich zur Rechenschaft verpflichtet, die den »Rezipienten als Adressaten einer Wahrhaftigkeit« wirklich ernst nimmt?
 
An 30 Projekten – beginnend mit dem Restaurant Ballhaus (1961), abschließend mit der Frank-Ausstellung »Against Design« (2015) – wird dieser geistige Weg sichtbar gemacht. Czechs Eigenständigkeit, in der Auseinandersetzung seiner Zeit gewonnen, entfaltet seine ganze Blüte. Dass er von den Futtertrögen der Wiener akademischen Architektur ferngehalten wurde, kann nur irritieren. Seine Mehrdeutigkeit will Architektur bereichern. Das von Liane Lefaivre festgestellte Sphinxhafte wird man dabei kaum auf seine Erklärungen dazu beschränken wollen.
 
Eva Kuß gelingt es, Zeit, Werk und Person nachvollziehbar darzustellen. So erschließt sie ein Werk, das an Spannung kaum eingebüßt hat. Ob ihr Anliegen, ihre Darstellung typografisch von den Äußerungen Czechs zu scheiden, wirklich nötig war? Auf das eine oder andere Zugeständnis an unseren Zeitgeist hätte man verzichten können, weniger dagegen auf Bildunterschriften. Solch eine Gebräuchlichkeit schmälert die Darstellung nicht; die bleibt denkwürdig, gerade auch dann, wenn so manche Verästelung bei manchem gezeigten Entwurf ein Rätsel bleibt. »Offen, gleichwohl definiert«, das hat Czech gefordert; das löst das Buch ein und das macht die Lektüre zum Vergnügen. Denn man begegnet dem Architekten als einer Person, die eher einen Steinbruch an Gedanken hinterlassen hat denn einen geordneten Ausstellungspark an Rezepten.

Die bei Park Books erschienene Publikation »Hermann Czech Architekt in Wien« ist hier, über den DETAIL Online Shop, erhältlich.

Kurze Werbepause

Aktuelles Heft
DETAIL 3/2019
DETAIL 3/2019, Forschung und Lehre

Forschung und Lehre

Zum Heft
Shop-Empfehlung
Anzeige

ARCHITEKTUR & DESIGN

Detail Newsletter

Wir informieren Sie regelmäßig über internationale Projekte, Neuigkeiten zu Architektur - und Designthemen, Research und aktuellen Veranstaltungen in unserem Newsletter.