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Eine Zukunft für leere Räume?

"Mit dem Ansatz der multiplen Häuser wollen wir bewusst den negativen Folgen von Zentralisierung entgegenwirken."

Die Nachnutzung industrieller Brachen und die Förderung ländlicher Gebiete gehören zu den Arbeitsschwerpunkten der Leipziger Architektin Jana Reichenbach-Behnisch. Im Gespräch mit dem Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) erklärt sie am Beispiel der Region Stettiner Haff, wie sich mit multipel genutzten Häusern dem Leerstand entgegenwirken lässt und welche Chancen sich für die Gesellschaft aus der Dezentralisierung der Dienstleistungen ergeben.

BBR: Sie haben mit dem Tapetenwerk gezeigt, wie leere Räume besiedelt werden. Ist dieser Wandel innerhalb eines Gebäudes ein Modell für ganze Regionen, wie zum Beispiel dem Stettiner Haff?

Jana Reichenbach-Behnisch: Das kann durchaus ein Modell für eine Region sein. Das Tapetenwerk ist ein großes Industriegelände mit 6.000 m2 Grundfläche und damit schwer vergleichbar. Aber das Problem des Leerstands gibt es in den verschiedensten Formen und Regionen, insbesondere in Ostdeutschland. Wenn man die unterschiedlichen Siedlungsräume von der Großstadt bis zum Dorf vor Augen hat und dies mitdenkt, so ist unser Konzept letztendlich auch übertragbar. Es ist ein Leerstandsmanagement mit neuen Nutzungen, die aber eigentlich die "alte" Nutzung sind: Wo früher Tapeten hergestellt wurden, produziert nun heute die Kreativwirtschaft.

BBR: In Deutschland können wir zwei große Binnnenwanderungsprozesse beobachten. Für eine Einflussnahme in diese Prozesse stehen nur begrenzte Handlungsoptionen bereit. Warum sollen wir die Menschen nicht einfach ziehen lassen?

Jana Reichenbach-Behnisch: Ja ? das ist eine interessante Frage. Spontan geantwortet sollte man die Menschen einfach ziehen lassen. Die Menschen sind freie Wesen und sollten frei in ihren Entscheidungen sein. Aber natürlich muss man bestimmte Binnenwanderungsprozesse kritisch beobachten. Gerade die Wanderungsprozesse, die wir am Stettiner Haff vorgefunden haben, sind besorgniserregend, da die Wanderung nur für bestimmte Bevölkerungsgruppen möglich ist und andere Gruppen vollständig ausgegrenzt werden. Und es ist abzusehen, das die Kulturlandschaft am Stettiner Haff nicht wieder spontan besiedelt wird. In unserer Arbeit versuchen wir mit einem kreativen Ansatz den Menschen das Bleiben zu ermöglichen. Die Region soll stabilisiert werden. Die Kunstidee einer Region der Wölfe, Bären und Wisente ist keine Option, sondern bedeutet Aufgabe von Kulturlandschaft mit ihren Dörfern, Schlössern und historischen Baumalleen. Wenn ich höre, das wir vier von fünf Dörfern aufgeben sollen, frage ich mich: Wer sollte dann noch in dem letzten Dorf wohnen wollen? Das ist nicht der Ansatz unserer Arbeit und auch nicht mein persönliches Anliegen.

BBR: Multiple, also mehrfache Nutzung von Häusern ist Ihr Lösungsvorschlag für kleine Gemeinden, um leerstehende Gebäude wieder zu nutzen. Welche Entwicklungen können Sie in den Orten, in denen Sie tätig waren, feststellen?

Jana Reichenbach-Behnisch: Wir haben uns gerade im Rahmen dieser Forschungsinitiative vorrangig mit dem ländlichen Raum beschäftigt. In der Region Stettiner Haff können wir feststellen, dass es hohe Wegzugsquoten, insbesondere bei jungen Menschen gibt, weil die Arbeit am Ort fehlt. Es werden zwar jetzt schon große Entfernungen zum Pendeln angenommen, aber wenn ein bestimmtes Maß überschritten wird, ist das auch für junge Leute keine Option mehr. Wir beobachten gerade im ländlichen Raum eine große Zentralisierung von allem, was Lebensqualität am Wohnort ausmacht: Lebensmittel, Dienstleistungen und die Verwaltungen sind inzwischen ebenso von den Menschen entfernt wie Theater, Bibliotheken und Museen. Verstärkt durch die abnehmende Mobilität der Bewohner breitet sich eine geistige und kulturelle Armut aus und ein Mangel an Nachbarschaft. Mit dem Ansatz der multiplen Häuser wollen wir bewusst den negativen Folgen von Zentralisierung entgegenwirken. Es sollen wieder verschiedenste Dienstleistungen im Ort angeboten werden. Händler, Ärzte, Frisöre sollen sich tageweise ein Haus im Dorf teilen. Dieses Haus ist ein neuer Kommunikationsort. Auch Nachbarschaft braucht Raum. In Gesprächen stellen wir immer wieder fest, das die Menschen in der Region verwurzelt sind, das sie gern in der Region bleiben wollen, nicht nur die alten, sondern auch die jungen Menschen. Das ist oft auch historisch bedingt. Gerade in ländlichen Regionen haben Grund und Boden noch eine besondere Bedeutung.

BBR: Welche Maßnahmen, Entwicklungen können die Menschen in sich entleerenden Regionen halten?

Jana Reichenbach-Behnisch: Wichtig ist das Wort "Heimat". Dieses Wort wieder bedeutsam und erlebbar zu machen, ist Teil unserer Arbeit. Wir wollen ganz bewusst leerstehende Häuser aktivieren. Sie müssen eine Geschichte haben, die von den Dorfbewohnern angenommen und weitergeschrieben werden kann. Ein weiterer Punkt ist die zunehmende Zentralisierung. Hier sollte unserer Ansicht nach Einhalt geboten werden, da sich dieser Prozess ab einer bestimmten Größe umkehrt und unwirtschaftlich wird. Wir selbst können nicht vordergründig Arbeitplätze in die Region bringen, aber wir suchen Wege im Strukturwandel; hin zur Dienstleistungsgesellschaft. Im besonderen Fokus steht für uns dabei auch die wachsende Generation 50+. Hier kreative Angebote zu entwickeln, bietet neue Chancen für diese Dienstleistungsgesellschaft.

zur Person: Jana Reichenbach-Behnisch führt seit Januar 2007 das Büro rb architekten im Tapetenwerk Leipzig. Die alte Tapetenfabrik aus der Gründerzeit steht heute für einen aktiven Umwandlungsprozess industrieller Brachen. Hier wurde eine Nachnutzung leerstehender Bausubstanz durch Kreative erreicht. Jana Reichenbach-Behnisch arbeitet im Rahmen verschiedener Forschungsprojekte im Bereich des ländlichen Raumes, im Besonderen in der Region am Stettiner Haff.

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