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Einfach nur Mauerwerk?

Neues Museum, Berlin David Chipperfield Architects
Neues Museum in Berlin

Direkt hinter dem Alten Museum hatte der Schinkel-Schüler August Stüler das Neue Museum errichtet. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Westflügel der symmetrischen klassizistischen Südfassade weggebombt, musste also zunächst als Volumen wiederhergestellt werden. Die Planer um David Chipperfield entschieden sich die Lücke mit dem ursprünglichen Material zu schließen, Ziegel im Reichsformat 25 x 12 x 6,5 Zentimeter, und zwar nicht wie beim Altbau hinter einer Putzfassade nur als Rohbaumaterial, sondern als Sichtmauerwerk. Die Architekten übernehmen die Fensterordnung, die Fensterkreuze und Gesimse der Altbaufassade und übersetzten sie gleichzeitig in eine eigene Sprache. Die Spannung zwischen Alt und Neu schafft Chipperfield nicht nur mit seiner Detaillierung, sondern durch die feinfühlige Farbgebung des Materials. Er entschied sich für historische Abbruchziegel im Reichsformat, die in Berlin in großen Mengen verfügbar sind. Die ein Meter dicken Ziegelwände tragen nicht nur die Geschossdecken und das Dach, sie sind auch massiv genug, um das Gebäude ohne zusätzliche Wärmedämmung und ohne aktive Bauteiltemperierung im Sommer kühl und im Winter warm zu halten. Was für Museen noch wichtiger ist: die Luftfeuchtigkeit bleibt in den dicken Mauern stabil.

Neues Museum, Berlin David Chipperfield Architects
Foto: Frank Kaltenbach
Galerie am Kupfergraben, Berlin David Chipperfield Architects
Galerie am Kupfergraben in Berlin

Zeitgleich mit dem Neuen Museum hat Chipperfield auf dem gegenüberliegenden Ufer der Spree mit dem gleichen Planungsteam die Galerie am Kupfergraben errichtet. Auch hier haben die Architekten vorsortierte Abbruchziegel im Reichsformat verwendet, im Gegensatz zum klassizistischen Neuen Museum, sollte die Galerie jedoch eine eindeutig moderne Ausstrahlung haben. Das Gebäude wirkt wie aus Mauerwerkscheiben aufgestellt, die einzelnen Steine sind mit Fugenmörtel überschlemmt, bleiben aber dennoch spürbar, sodass eine malerische plastische Wandfläche entsteht. Da die Vormauerung mit einer Stärke von 25 Zentimeter sehr stabil ausgeführt ist und nicht über die gesamte Gebäudehöhe verläuft, sondern alle 6 m auf den Betonkonsolen abgestellt ist, konnte auch hier auf vertikalen Dehnungsfugen verzichtet werden. Die größten ununterbrochenen Mauerwerksflächen sind bis zu 20 Meter lang. Im Gegensatz zum komplett massiven Mauerwerk ist diese Lösung äußerst aufwändig in Planung und Ausführung und erforderte eigene statische Berechnungen, um die Zulassung im Einzelfall zu erwirken.

Gemeindezentrum St. Nikolaus von Meck Architekten
Gemeindezentrum St. Nikolaus von Meck Architekten
Gemeindezentrum St. Nikolaus von Meck Architekten
( Foto: Frank Kaltenbach)

Das Gemeindezentrum St. Nikolaus bei Neuried von meck architekten schirmt sich mit seinen massiven Mauerwerkswänden von der zunehmend näher rückenden Wohnbebauung ab, bleibt aber durchlässig und öffnet sich zur Straße mit einem breiten Offnung. Die Architekten streben bei den Gestaltprägenden Ziegelwänden eine lebendige Oberfläche an und arbeiten die Individualität des Steins geradezu heraus, jeder Klinker scheint eine andere Farbe und Textur zu haben. Matte Ziegel wechseln sich mit glänzenden ab, die sich bei Gegenlicht zu weißen Lichtpunkten verwandeln und die Gläubigen auf das Licht im weißen Kirchenraum vorbereiten sollen. Besonders die über die Mauerwerksfläche verstreuten hervorstehenden verformten Ziegel, so genannte »Gurken« geben dem Bau wie Spolien einen haptischen Charakter und bieten dem Auge auf den weiten Flächen Halt.

Gemeindezentrum St. Nikolaus von Meck Architekten
Gemeindezentrum St. Nikolaus von Meck Architekten
Gemeindezentrum St. Nikolaus von Meck Architekten
( Foto: Frank Kaltenbach)
Potsdamer Platz
Innenaufnahme Gemeindezentrum St. Nikolaus

Die Entwicklung des Skelettbaus und die Perfektionierung von Stahl und Beton haben den Backstein als einfachen aber intelligenten Baustoff verdrängt, der alle erforderlichen Eigenschaften einer Gebäudehülle gleichzeitig und an jeder Stelle ohne aufwändige Verbindungsmittel erfüllt. Renzo Piano strebte in den 1990er Jahren am Potsdamer Platz eine Moderne an, die die Synthese aus Schinkels Ziegelarchitektur und dem Glashochhaus eines Mies van der Rohe herstellt und die dünnen Terrakottaplatten im Ziegelformat als eindeutig vorgehängten Curtainwall mit offenen durchlaufenden Fugen thematisiert.

Potsdamer Platz in Berlin; Foto: Frank Kaltenbach
Potsdamer Platz in Berlin; Foto: Frank Kaltenbach
Potsdamer Platz in Berlin; Foto: Frank Kaltenbach
Stichworte:
Dieser Artikel ist aus dem Heft:
DETAIL 10/2009

Mauerwerk

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